Armeeseelsorger Samuel Schmid: «Wir kommen nicht nur zum Einsatz, um Brände zu löschen»

Soldaten und Rekruten sind in der Armee einem besonderen Druck ausgesetzt. Da helfen Gespräche mit Armeeseelsorgenden, sagt Samuel Schmid, Chef der Schweizer Armeeseelsorge. Die Seelsorge-Dichte sei hier höher als in der zivilen Welt. Besprochen werden demnach private wie auch armeespezifische Probleme, etwa der Führungsstil eines Vorgesetzten.

Wolfgang Holz

Herr Schmid, demnächst findet der zweite nationale Tag der Armeeseelsorge in Bern* statt. Was werden Sie in Ihrem Grusswort sagen?

Samuel Schmid**: Der zweite nationale Tag der Armeeseelsorge EKS wird von der Evangelischen Kirche der Schweiz organisiert. Diese ist eine wichtige Partnerin der Armeeseelsorge. Ich werde als Chef Armeeseelsorge für diese Zusammenarbeit meinen Dank aussprechen und zum Engagement zugunsten der Armeeangehörigen ermutigen.

Warum brauchts eigentlich Armeeseelsorge?

Schmid: Armeeangehörige haben gemäss Militärgesetz ein Recht auf seelsorgliche Unterstützung ebenso wie auf medizinischen, sozialen und psychologischen Support. Bei jedem Bataillon, in jeder Rekrutenschule stehen demzufolge Armeeseelsorgerinnen und -seelsorger zur Verfügung – insgesamt sind dafür 241 Plätze vorgesehen, 205 sind davon aktuell besetzt. Vor Corona waren es deutlich weniger.

Eine stolze Menge! Wenn man diese Zahl liest, gewinnt man fast den Eindruck, dass Armeeangehörige seelsorglich besser betreut sind als normale Gläubige in den Kirchgemeinden. Stimmt dieser Eindruck?

Schmid: Wenn man davon ausgeht, dass ein Bataillon zwischen 600 und 800 Personen umfasst, liegt die seelsorgliche Dichte zwischen Seelsorgenden und potenziell zu betreuenden Personen in der Tat höher als in der zivilen Welt. Wobei die Armeeseelsorgenden neben reformierten Personen auch katholische, freikirchliche, muslimische und jüdische Vertreter umfassen. Es handelt sich dabei um Personen mit seelsorglichen und weiteren Kompetenzen, wobei nicht alle Priester oder Pfarrer sind, sondern auch Diakone und Katechetinnen und Katecheten. Dabei muss man sehen, dass Armeeseelsorgende nicht nur zum Einsatz kommen, um Brände zu löschen.

«Wir sind eben auch da, um Soldaten in guten Zeiten auf ihrem Weg zu begleiten.»

Sondern?

Schmid: Wir sind eben auch da, um Soldaten in guten Zeiten auf ihrem Weg zu begleiten. Die Gespräche finden dabei in einer absoluten Vertrauensatmosphäre statt, und wir gehen vorurteilsfrei und vorbehaltlos auf die jeweilige Person ein. Man muss auch sehen, dass in ziviler Umgebung wohl so manche keinen Seelsorger aufsuchen würden: In der speziellen Umgebung der Armee angesichts von Beschränkungen und Pflichten für die einzelne Person und angesichts der Nahbarkeit der Armeeseelsorgenden dagegen schon.

Was tun Armeeseelsorgende in der Praxis?

Schmid: Wir kümmern uns um die Menschen mit all ihren Problemen und Belastungen in der Armee. Denn, wie gesagt, es lastet in der Armee, beispielsweise auf Rekruten, ein anderer Druck als im normalen zivilen Leben. Dadurch verstärkt sich auch die Intensität der Probleme. Man braucht und sucht jemanden zum Gespräch. Wir hören aber nicht nur zu, sondern suchen die Soldaten auch aktiv auf, um den Puls der Truppe zu messen. In diesem Sinn fungieren wir auch als Berater des Kommandanten.

«In Zeiten von Corona haben wir bis zu 200 Gespräche pro Tag geführt.»

Wie viele Armeeangehörige betreuen Sie denn im Schnitt pro Jahr?

Schmid: Wir führen darüber keine Statistik. Aber in Zeiten von Corona haben wir bis zu 200 Gespräche pro Tag geführt. Bei militärischen Übungen sind wir selbstverständlich auch als Armeeseelsorgende mit von der Partie.

Was sind die häufigsten Konflikte und Probleme heutzutage, die bei Armeeangehörigen auftreten? 

Schmid: Das sind in der Mehrzahl private und persönliche Probleme, daneben gibt es aber auch Probleme in der Armee – wenn zum Beispiel ein Rekrut oder ein Soldat nicht mit dem Führungsstil eines Vorgesetzten zurechtkommt, versuchen wir zu vermitteln. Unter den persönlichen Problemen stehen Beziehungsprobleme und Familie an oberster Stelle.

Welches war das einschneidendste Erlebnis, das Sie bis jetzt als Armeeseelsorger erfahren haben?

Schmid: Verschiedenste Erlebnisse, die ich mitgemacht habe, waren eindrücklich. An eine Situation kann ich mich besonders gut erinnern. Es ging um einen Suizid. Dabei gelang es dem Kommandanten auf bewundernswerte Weise, mit einfühlsamer Hand die Truppe zu führen. Der gleiche Kommandant brach dann selbst weinend bei mir in einem vertraulichen Gespräch zusammen. Unser Ziel ist es, die Menschen in ihrer Situation immer wieder zu stärken. Deshalb kann es für einen hochrangigen Offizier genauso notwendig sein wie für einen Rekruten, sich in einem Gespräch ganz öffnen zu können.

Ermuntern Sie die Soldaten auch zum Kampf?

Schmid:  Der Auftrag der Schweizer Armee besteht darin, das Land zu schützen und zu verteidigen, im Ernstfall mit Waffengewalt und unter Einsatz des eigenen Lebens. Wir sorgen dafür, dass Armeeangehörige fit sind, diesen Auftrag erfüllen zu können. Und in diesem Sinn: Ja, wir sind Teil der Armee und unterstützen sie in der Auftragserfüllung.

«Wir segnen Menschen, aber keine Waffen. Alles andere wäre ein absolutes No-go.»

Segnen Sie auch Waffen?

Schmid: Nein, wir segnen Menschen, aber keine Waffen. Alles andere wäre ein absolutes No-go.

Was sagt ein Armeeseelsorger eigentlich zur Bergpredigt und zum Appell von Jesus Christus, stets gewaltlos zu handeln?

Schmid: Die Bergpredigt ist ein wichtiger Teil des Evangeliums, das unsere religiöse und moralische Grundhaltung definieren will.

«So wie ich abends etwa die Haustüre schliesse, um meine Familie vor möglichen Bedrohungen von aussen zu bewahren, so beschützt die Schweizer Armee unsere Heimat und unser Land.»

Wir sollen sanftmütig sein, den Mitmenschen liebend und verzeihend begegnen. Es gibt aber auch andere Stellen in der Bibel, die von uns fordern, Schutzbedürftigen Schutz zu gewähren. So wie ich abends etwa die Haustüre schliesse, um meine Familie vor möglichen Bedrohungen von aussen zu bewahren, so beschützt die Schweizer Armee unsere Heimat und unser Land.

Aber ist es nicht ein kleiner Unterschied, ob ich nur eine Haustüre verriegle oder auf jemanden mit Waffen schiesse?

Schmid: Das ist richtig. Aber stellen Sie sich vor, jemand greift ihr Kind an und schlägt es – da würde wohl jeder Vater mit seinen Armen auf irgendeine Weise eingreifen, um das Kind aus der fremden Gewalt zu befreien. In diesem Sinne setzt die Schweizer Armee auch Gewalt ein – lediglich als Ultima Ratio –, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, eine Bedrohung von aussen abzuwenden und den Frieden wiederherzustellen.

«Die Schweiz hat traditionell ihre guten Dienste angeboten, um auf diplomatische und politische Weise ein Zeichen für den Frieden zu setzen.»

Apropos Frieden. Auf dem Bürgenstock ist gerade eine internationale Friedenskonferenz zu Ende gegangen, ein Frieden zwischen Russland und der Ukraine ist aber wohl noch lange nicht in Sicht. Wie sehen Sie das?

Schmid: Die Schweiz hat traditionell ihre guten Dienste angeboten, um auf diplomatische und politische Weise ein Zeichen für den Frieden zu setzen: Damit langfristig Frieden zwischen den Parteien entstehen kann. In diesem Sinn war die Bürgenstock-Friedenskonferenz ein erster kleiner, wichtiger Schritt. Der Weg zu einem wirklichen Frieden wird allerdings noch lang sein.   

* Der zweite nationale Armeeseelsorgetag wird am 20. Juni in Bern stattfinden. Primäres Ziel dieses Treffens ist es, Raum und Zeit für den Austausch untereinander und mit Kirchenvertretenden zu pflegen.

**Samuel Schmid (51) übernahm am 1. Januar 2022 das Amt als Chef Armeeseelsorge. Schmid ist reformierter ordinierter Landeskirchenpfarrer, leitete aber lange das Missionswerk Freundes-Dienst International in Biberstein AG. In der Armee war er unter anderem Chef Einsatz der Armeeseelsorger Corona 2020.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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