Es walten zwei Seelen in der christlichen Brust, eine pazifistisch-utopische und eine realpolitische. Dabei bietet die Bergpredigt in der Bibel eine ideelle Basis. Auch Päpste haben sich für Frieden eingesetzt – mit oder ohne Erfolg. Betrachtungen im Vorfeld der internationalen Konferenz auf dem Bürgenstock.
Francesco Papagni
Die katholische Kirche steht für Frieden in der Welt ein, und das nicht erst seit heute. Papst Benedikt XV. scheiterte zwar mit seiner Friedensinitiative während des I. Weltkriegs, aber diese gilt als bedeutendste Initiative, diesen Krieg zu beenden. Johannes Paul II. gelang es 1978, einen drohenden Krieg zwischen Chile und Argentinien um ein Territorium in Feuerland abzuwenden.
Als dann der US-Präsident George W. Bush 1990 in den Irak einmarschieren wollte wegen angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, opponierte Papst Wojtyla bis zum Kriegsbeginn. Bekanntlich ohne Erfolg.
Dass Papst Franziskus zum Frieden in der Welt aufruft, gehört also zu den Aufgaben seines Amtes. Die Worte, die er wählt und die Haltung, die er zeigt, geben aber immer wieder Anlass zu Irritationen. Jüngst wieder mit seinem Interview im italienischsprachigen Schweizer Radio, als er das Stichwort des Journalisten von der «weissen Flagge» im Russland-Ukrainekrieg aufgenommen hat.
Die weisse Flagge ist traditionellerweise das Zeichen für Vermittler im Feld, aber eben auch Sinnbild für Kapitulation. Unbestritten ist, dass Franziskus Russland nie eindeutig als Aggressor in diesem Krieg benannt hat. Und auch im Israel-Palästina-Konflikt ruft er beide Seiten gleichermassen zum Frieden auf.
Die neutralistische Linie des jetzigen Papstes wird von einer breiten Strömung an der Basis getragen. Blenden wir ein paar Jahrzehnte zurück. Ab 1976 stationierte die Sowjetunion SS20-Mittelstreckenraketen in Osteuropa. Der Westen antwortete in den frühen Achtzigerjahren mit der Aufstellung von Pershing II-Raketen.
Dieser sogenannte NATO-Doppelbeschluss liess in Europa, insbesondere in Westdeutschland und Italien eine grosse Friedensbewegung entstehen, wo gegen die westliche Nachrüstung demonstriert wurde. Christliche Gruppen verschiedener Konfessionen spielten dabei eine tragende Rolle. Die Regenbogenfahne mit dem Wort Pace, heute durch Peace ersetzt, wurde mit der Zeit zu einem ihrer Erkennungszeichen.
An den Assisi-Friedensmärschen wurde sie gleichsam erfunden. Papst Johannes Paul II. unterstützte als Antikommunist die westeuropäische Friedensbewegung nicht, aber einige Bischöfe liessen Sympathien erkennen.
Wir wissen, wie die ganze Geschichte ausgegangen ist. Trotz der ozeanischen Demonstrationen in Europa hielten die Regierungen an der Nachrüstung fest. Der neugewählte sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow sah ein, dass sein Land den Rüstungswettlauf nicht gewinnen konnte. Es kam zu einem Abrüstungsabkommen, die Mittelstreckenraketen wurden verschrottet.
Die Friedensbewegung hat sich nie selbstkritisch gefragt, ob nicht das Festhalten an der Nachrüstung zu diesem glücklichen Ende beigetragen hat. Zumal die Nachrüstung deshalb auch «Doppelbeschluss» hiess, weil der Rüstungsentscheid zugleich mit einem Angebot zu Abrüstungsverhandlungen verknüpft war. Diese Doppelstrategie führte zum Erfolg.
In jenen politisch angespannten Zeiten platzte eine Deklaration der US-amerikanischen Bischofskonferenz mit dem Titel «Die Herausforderung des Friedens – Gottes Verheissung und unsere Antwort». Diese wandte sich grundsätzlich gegen das Prinzip Abschreckung und hielt den Einsatz von Atomwaffen in jedem Fall für unmoralisch.
Der Vatikan versuchte, die amerikanischen Bischöfe zur Zurücknahme oder wenigstens zur Abschwächung der Formulierungen zu bringen, aber diese fühlten sich in ihrer Heimat durch eine verbreitete Stimmung in den Pfarreien getragen.
Wenn Papst Franziskus heute sagt, nicht der Einsatz, auch nur der Besitz von Atomwaffen sei unmoralisch, knüpft er an die innerkatholischen Diskussionen der Achtzigerjahre an. Und er äussert sich im Hinblick auf den Atomwaffenverbotsvertrag, den viele Länder unterzeichnet haben – die Atommächte aber nicht.
Nur, ein solcher Vertrag ist kein Ersatz für reale Abrüstungsverhandlungen, die – wie wir wissen – zäh und langwierig sind, aber vor Jahrzehnten zu einer wirklichen Entspannung geführt haben. Atomwaffen lassen sich durch keinen auch noch so wohlgemeinten Vertrag aus der Welt schaffen. Das realistische, erreichbare Ziel wäre ihre Begrenzung und Eindämmung. Der Einsatz für den Atomwaffenverbotsvertrag lenkt die Energie um eines utopischen Zieles willen von der politisch-diplomatischen Ebene ab.
Der christliche Pazifismus lebt geistig von einer bestimmten Interpretation der Bibel, insbesondere des Neuen Testaments. Namentlich die Bergpredigt mit ihrem Aufruf zur Feindesliebe scheint eine pazifistische Haltung geradezu unumgänglich zu machen. Als Bewegung hat der christliche Pazifismus biblische Zitate als politische Slogans benutzt ohne Bewusstsein für den Kontext, also ohne Bewusstsein dafür, dass der Matthäische Jesus die Bergpredigt an die Menschen, die ihm nachfolgten richtete, also an ein qualifiziertes Publikum. Eine ethische Botschaft des ersten Jahrhunderts lässt sich nicht umstandslos in den Zusammenhang einer politischen Auseinandersetzung des zwanzigsten versetzen.
Tatsächlich liegt die grosse Schwäche der Friedensbewegung, auch der christlichen, in der fehlenden Unterscheidung zwischen Ethik und Politik. Als ethische Haltung ist der Pazifismus makellos, als politische blind gegenüber den Folgen. Wer sich nicht wehrt, wenn er angegriffen wird, gibt sich selbst auf. Ein Individuum kann eine solche Entscheidung für sich treffen, aber eine Gesellschaft nicht. Natürlich muss gerade auf dem Gebiet der Politik der Friede gesucht werden, aber ohne die Bösartigkeit in der Welt zu unterschätzen, also ohne Naivität.
Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat den Krieg schlagartig nach Europa zurückgebracht. Mit diesem Ereignis ist der Pazifismus zurück auf der politischen Bühne. Ein Teil der westeuropäischen Bevölkerung unterstützt die ukrainische Kriegsanstrengung nur widerwillig. Es wäre auch nur für einen Waffenstillstand bereit, Russland Konzessionen zu machen.
Auch unter Christinnen und Christen ist diese Haltung nicht selten. Einige Aussagen des Papstes lassen sich ebenfalls in diese Richtung deuten. Dabei spielt die Angst vor einem Krieg im eigenen Haus eine Rolle, aber auch eine Tradition, die Frieden über alles setzt. Dass das Christentum Frieden immer mit Gerechtigkeit zusammen gedacht hat, geht dabei verloren. Und auch, dass Freiheit ebenso ein christlicher Leitbegriff ist.
Das frühe Christentum kannte eine innere Distanz zu politischer Herrschaft – nicht verwunderlich, wenn man die marginale Situation der ersten christlichen Gemeinden vor Augen hat. Die Frage, ob militärische Gewaltanwendung überhaupt je gerechtfertigt sei, trieb die Christen in der Antike um.
Die Diskussion fand eine erste Antwort, als in der Spätantike folgende Überlegung plausibel wurde: Wenn die Wölfe über die Schafe herfallen, müssen die Hirten die Herde schützen. Der damals erreichte politische Realismus scheint immer wieder neu errungen werden zu müssen. Zumal dem Christentum eine gewisse Distanz zu Staat und Politik eingeschrieben bleibt, der sich in der Ablehnung von politischer Logik zeigen kann.
Es walten eben zwei Seelen in der christlichen Brust, eine pazifistisch-utopische und eine realpolitische. Die erste hat im Heiligen Franz von Assisi ihre Lichtgestalt, die zweite verkörpert sich im Realismus der römischen Kirche.
Übrigens ist es kein Zufall, dass die Friedensbewegung gerade in Deutschland und Italien, jenen Ländern, die den Zweiten Weltkrieg entfesselt haben, am stärksten ist. Viele Menschen haben dort aus historischen Gründen eine innere Distanz zu allem Staatlichen wie auch eine besonders grosse Angst vor Krieg. Und dabei ginge es doch darum, Rechtstaat und Demokratie zu verteidigen, gerade nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Gerade als Christinnen und Christen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/der-christliche-pazifismus-erlebt-eine-renaissance/