Nach Audit zu Missbrauch: Bistum Sitten lanciert Aktionsplan

Einschüchternd, verwirrend, wenig proaktiv: Mit solchen Worten kritisieren Missbrauchsbetroffene ihren Kontakt mit dem Bistum Sitten. Das zeigt ein unabhängiger externer Untersuchungsbericht. Die Diözese hat verschiedene Massnahmen angekündigt, um die Defizite zu beheben. Künftig sollen Betroffene besser betreut und begleitet werden.

Barbara Ludwig

Das Bistum Sitten hat im Nachgang zur nationalen Pilotstudie über den Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz eine eigene externe Untersuchung in Auftrag gegeben. Dies geschah im Oktober vergangenen Jahres. Am Dienstag hat Stéphane Haefliger von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Vicario Consulting die Studie und ihre Ergebnisse im Bischofshaus in Sitten vorgestellt.

29 Personen befragt

Im Rahmen der Untersuchungen sind 29 Personen befragt worden. Dazu zählen die Verantwortlichen des Bistums, Vertretende von Opfervereinigungen, der Präsident der diözesanen Kommission «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» (ASCE), Forscherinnen und Forscher und insbesondere 18 Betroffene.

Von diesen 18 Personen haben neun tatsächlich oder mutmasslich sexuelle Übergriffe erlitten, wie aus dem 50-seitigen Untersuchungsbericht hervorgeht. Dieser wurde den zahlreich erschienenen Journalistinnen und Journalisten auch ausgehändigt. Die Übergriffe liegen – bis auf einen Fall – Jahrzehnte zurück. Die Firma hat zudem 15 Dossiers aus dem sogenannten Geheimarchiv analysiert.

Erwartungen der Opfer nicht erfüllt

Im Zentrum stand zum einen der Umgang der Kirche mit den Opfern und ihren Beschwerden und zum andern das administrative Vorgehen des Bistums in Bezug auf die Missbrauchsfälle. «Was den menschlichen Umgang betrifft, erfüllt die Kirche die Erwartungen der Opfer nicht», fasste Haefliger vor den Medien zusammen. Betroffene bezeichneten demnach die Begegnungen mit Kirchenvertretern als «einschüchternd», «verwirrend», «mühsam», «ausweichend» und als wenig proaktiv.

Der Umgang werden von den angehörten Opfern als «institutionell komplex» empfunden. Haefliger zitierte Aussagen von Betroffenen, die das illustrieren: «Als Eltern haben wir wirklich das Gefühl, dass die Schweizer Kirche  uns nicht zuhört. (…) Jeder empfängt uns. Jeder schreibt uns. Aber niemand tut wirklich etwas. Oder es werden vielleicht Massnahmen ergriffen, aber wir werden nie darüber informiert.» Vorgeworfen wird dem Bistum unter anderem ein Mangel an aktivem Zuhören, eine institutionelle Trägheit bei der Behandlung der Dossiers und dass niemand Verantwortung übernehme.

Bistum respektiert SBK-Richtlinien

Die von den Betroffenen formulierten Missstände stehen allerdings in einem starken Kontrast zu einem anderen, positiven Befund. So stellte Vicario Consulting fest, dass die Diözese Sitten die Richtlinien der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) aus dem Jahre 2019 respektiert. Auch informiere sie die Staatsanwaltschaft rasch und zügig, wenn es die Situation erfordere. Sowohl der Bischof als auch die beiden Generalvikare übernehmen engagiert die Betreuung der Dossiers. Haefliger sprach in diesem Zusammenhang von «einem erstaunlichen Paradox»: «So kritisch die Erzählungen der Opfer sind, so gut sind die verfügbaren Akten geführt.»

«Wertvolles Arbeitsinstrument»

Jean-Marie Lovey, der die Untersuchung in Auftrag gegeben hatte, zeigte sich an der Pressekonferenz dankbar. «Ich begrüsse die Untersuchung als ein wertvolles Arbeitsinstrument für den Umgang mit Missbrauch», sagte der Bischof von Sitten. Es brauche einen tiefgehenden Wandel, theologisch gesprochen eine «Bekehrung». Ohne Bekehrung der Menschen, der Strukturen und der Institutionen seien Untersuchungen und Berichte sinnlos, so Lovey.

Das Bistum Sitten zieht denn auch Konsequenzen aus den Ergebnissen. So kündigte Pierre-Yves Maillard einen Aktionsplan mit fünf Massnahmen an. Maillard ist Generalvikar für den französischsprachigen Teil des Bistums. «Auf pastoraler und menschlicher Ebene nimmt die Diözese die von den Prüfern formulierten Anmerkungen zu den Mängeln bei der Aufnahme von Opfern voll und ganz auf», so Maillard. Heute wolle man die Verantwortung für die aufgedeckten Missstände übernehmen, auch wenn fast alle untersuchten Fälle Sachverhalte aus der Zeit vor der Amtsübernahme von Lovey betreffen. Gegenüber cath.ch räumte Maillard nach der Pressekonferenz ein, die Diözese sei «klar nicht auf der Höhe gewesen»,

Neue Präventionskommission und Verhaltenskodex

Im Mittelpunkt des Aktionsplans stehen die Betroffenen. Das Bistum will sie künftig besser unterstützen, wenn es darum geht, dass sie als Opfer anerkannt werden. Das ist eine Verfahrensfrage. Das Audit hatte gezeigt, dass die Vielzahl der Anlaufstellen den Opfern Schwierigkeiten bereiten.

Das Bistum will auch die Kommunikation mit den Opfern verbessern und die Kompetenzen des Zuhörens professionalisieren. Für Letzteres sollen eine praktische Ausbildung und regelmässige Supervision organisiert werden. Das Bistum kündigte zudem die Schaffung einer neuen Präventionskommission und einen Verhaltenskodex für Seelsorgende an.

Weiter will es den Kontakt zu Opfervereinigungen intensivieren. Dies soll die Qualität des Umgangs mit den Opfern und die Effizienz bei der Behandlung der Dossiers steigern. Als dritten Punkt nannte Maillard, dass die Funktionsweise der diözesanen Kommission «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» (ASCE) geklärt werden solle. So soll deren völlige Unabhängigkeit gewährleistet werden. Maillard betonte, dass bereits jetzt weder der Bischof noch ein anderes Mitglied des Bischofsrates der Kommission angehöre.

Historische Aufarbeitung von Vorfällen

Die Diözese gibt als vierte Massnahme eine historische Untersuchung in Auftrag. Das Audit durch Vicario habe gezeigt, dass es zwischen 1930 und 1980 zu schwerwiegenden und komplexen Vorfällen in einer Pfarrei im Unterwallis gekommen sei. Dort soll ein Pfarrer mehrere Personen, Erwachsene und Kinder, missbraucht haben. Der Pfarrer war 48 Jahre in der gleichen Pfarrei tätig. Diese Situation will man nun durch Historiker und Historikerinnen untersuchen lassen.

Als fünfte Massnahme kündigt Maillard an, dass die Leitung der Diözese durch personelle Massnahmen verstärkt werden soll – im Bereich Kommunikation und bei der Begleitung der Seelsorgenden und der Pastoralteams.


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