Vor 70 Jahren flimmerte erstmals das «Wort zum Sonntag» über die Bildschirme. Die Sendung ist einzigartig, weil der Kommentar weitgehend aus der Fernsehlandschaft verschwunden ist, sagt SRF-Redaktor Norbert Bischofberger. Und: Die Zuschauerzahlen haben im Jahr 2020 sogar einen Rekord geknackt.
Jacqueline Straub
Wer hatte vor 70 Jahren die Idee, das «Wort zum Sonntag» im Fernsehen zu übertragen?
Norbert Bischofberger*: Die Anregung für das «Wort zum Sonntag» im Fernsehen kam in den 1950er-Jahren von den Kirchen. Damals gehörte praktisch die gesamte Wohnbevölkerung der Schweiz einer Landeskirche an. Das Fernsehen griff die Initiative auf, um seinerseits die Akzeptanz in der Bevölkerung für das noch junge Medium Fernsehen zu erhöhen. Am 6. Juni 1954 flimmerte erstmals die Sendung «Zum heutigen Sonntag» über die Bildschirme – passend zum Titel am Sonntagabend. Vier Jahre später erhielt die Sendung ihren neuen und bis heute vertrauten Namen und den Sendeplatz am Samstagabend zwischen «Tagesschau» und Abendprogramm.
«Heute ist im «Wort zum Sonntag» eine «christliche Aussage für die Gegenwart» gefordert.»
Was war das eigentliche Ziel und wie hat sich das «Wort zum Sonntag» über die Jahre hinweg weiterentwickelt?
Bischofberger: In den 1950er-Jahren bestand das Ziel des «Wort zum Sonntag» in der christlichen Verkündigung im Fernsehen. Nach langen Diskussionen wurde in den 1970er-Jahren aus der «Kanzelrede» ein «Kommentar des aktuellen Zeitgeschehens aus christlicher Sicht». Später gab es Debatten darüber, ob jedem «Wort zum Sonntag» eine Bibelstelle zugrunde liegen sollte. Heute ist im «Wort zum Sonntag» eine «christliche Aussage für die Gegenwart» gefordert.
Bis heute ist das «Wort zum Sonntag» ein Kommentar aus christlicher Sicht zum Zeitgeschehen…
Bischofberger: …und trotzt damit seinerseits dem Zeitgeist, denn der Kommentar ist weitgehend aus der Fernsehlandschaft verschwunden. Im «Wort zum Sonntag» greifen Theologinnen und Theologen gesellschaftliche Themen auf und ordnen religiöse, spirituelle, ethische und gesellschaftspolitische Fragen ein. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei SRF. Das «Wort zum Sonntag» unterliegt auch den publizistischen Leitlinien von SRF.
Wen will man mit dem Wort zum Sonntag erreichen?
Bischofberger: Die Zielgruppe ist breit gefächert.
Wie ist die Entwicklung der Zuschauerzahlen?
Bischofberger: Aufgrund einer Messumstellung kann SRF lediglich für die Jahre 2013 bis 2023 vergleichbare Daten zur Verfügung stellen: Im Jahr 2013 hatte das «Wort zum Sonntag» mit 50 Ausstrahlungen einen Marktanteil von 28,4 Prozent (360’000 Zuschauende), zehn Jahre später 27,1 Prozent (257’000 Zuschauende).
«Bespielt wird das «Wort zum Sonntag» in enger Zusammenarbeit mit den drei Landeskirchen.»
Im Jahr 2020 erreichte die Sendung sogar 379’000 Zuschauende.
Bischofberger: Die meistgesehene Ausgabe des «Wort zum Sonntag» seit 2013 ist mit durchschnittlich 603’000 Zuschauenden diejenige vom 21. März 2020 – wenige Tage nachdem der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» aufgrund der Corona-Pandemie beschlossen hatte. Das war das «Wort zum Sonntag» des evangelisch-reformierten Pfarrers Simon Gebs mit dem Titel «Im ganzen Schlamassel gute Erfahrungen hamstern».
Wie sieht die Vereinbarung zwischen SRF und der Kirche aus?
Bischofberger: Die Vereinbarung zwischen SRF und den Landeskirchen der Schweiz betrifft das «Wort zum Sonntag», Gottesdienstübertragungen und Radiopredigten und regelt die Zusammenarbeit in diesem Bereich. Das «Wort zum Sonntag» ist durch diese Vereinbarung getragen und erfüllt einen Service-public-Auftrag, welcher der gesellschaftlichen Rolle der Kirchen entspricht. Bespielt wird das «Wort zum Sonntag» in enger Zusammenarbeit mit den drei Landeskirchen, also mit der christkatholischen, evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirche. Aus ihren Vorschlägen wird ein konfessionell gemischtes Team von fünf Personen gecastet. Alle zwei Jahre geht ein neues Team mit neuen Gesichtern und neuen Gedanken auf Sendung.
Ist das Format bedroht durch die vielen Kirchenaustritte oder geht eine grössere Bedrohung davon aus, wenn Fernsehgebühren reduziert werden sollten?
Bischofberger: Nach wie vor gehört gut die Hälfte der Schweizer Bevölkerung einer Landeskirche an. Insofern ist das Format nicht durch die Kirchenaustritte bedroht. Wie sich eine allfällige Senkung der Fernsehgebühren auf konkrete Angebote oder Formate von SRF auswirken würde, kann heute noch nicht abgeschätzt werden. Im Falle einer Annahme wäre es zuerst an der Politik, einen neuen Leistungsauftrag für die SRG zu formulieren. Sicher ist, dass der Service public in seiner heutigen Form nicht mehr geboten werden könnte und das Publikum auf viele Sendungen verzichten müsste.
«Die Sprecherinnen und Sprecher bieten Orientierung aus christlicher Sicht.»
Und wie steht es um die Kosten?
Bischofberger: Die Kosten für eine Ausgabe von «Wort zum Sonntag» belaufen sich auf rund 3000 Franken. Diese werden von SRF getragen. Beim Auswahlverfahren alle zwei Jahre teilen sich die Kirchen und SRF jeweils die Kosten.
Wie sieht die Zukunft des «Wort zum Sonntag» aus?
Bischofberger: Das «Wort zum Sonntag» ist für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ein Stück Heimat. Die Sendung lebt vom gesprochenen Wort. Die Sprecherinnen und Sprecher bieten Orientierung aus christlicher Sicht zu ethischen und religiösen Themen und Fragen der Zeit. Die Frage, ob sich Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen zur besten Sendezeit im Fernsehen äussern sollen, ist nicht neu und stellt sich aufgrund des Wandels der Gesellschaft immer wieder neu.
Und wie steht es um andere Religionen?
Bischofberger: Menschen anderer Kulturen, Konfessionen und Religionsgemeinschaften finden bei SRF einen Sendeplatz, beispielsweise im Format «Fromme Törtchen». Darüber hinaus berücksichtigt SRF Menschen und Themen aus anderen Religionen und Kulturen im Gesamtprogramm – sei das bei «DOK» und «Reporter», bei den «Sternstunden», im «Kulturplatz» oder in anderen Sendungen. SRF überträgt jährlich eine Feier einer nicht-christlichen Glaubensgemeinschaft wie die buddhistische Vesakh-Feier vom 26. Mai 2024 oder einer christlichen Gemeinschaft, die nicht zu den Landeskirchen gehören.
*Norbert Bischofberger ist Theologe. Ebenso ist er Fachredaktor für Religion und Moderator bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Am Samstag, 20 Uhr, präsentiert die Theologin Ines Schaberger eine Sondersendung auf SRF1 dazu.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/norbert-bischofberger-das-wort-zum-sonntag-lebt-vom-gesprochenen-wort/