Benediktinerin Philippa Rath: Wiborada feierte Eucharistie

Die deutsche Ordensfrau Philippa Rath sprach bei einem Referat in St. Gallen über die priesterliche Frau Wiborada. «Sie macht Mut, nicht locker zu lassen im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche», sagte sie.

«Ein für unsere Zeit besonders wichtiger Aspekt im Leben und Wirken Wiboradas scheint mir also zu sein, dass sie die ihr zukommende weibliche Geschlechterrolle in der Kirche immer wieder überschritten und damit Neues, ja Unerhörtes, gewagt hat. Dafür finden sich in den Viten beeindruckende Zeugnisse, auf die Professor Gregor Emmenegger in seinem Beitrag für das Buch «Wiborada von St. Gallen – Neuentdeckung einer Heiligen» hingewiesen hat. In der Erzählung von den gereinigten Messutensilien werden Wiborada hier priesterliche Funktionen zugewiesen: Ich denke, es lohnt sich, den entsprechenden Absatz von Gregor Emmenegger hier in Gänze zu zitieren:

«’Sie war gewohnt, das Opfer darzubringen›, heisst es in der Vita I, 23. Es sind verschiedene Versuche unternommen worden, um dieser Stelle jene Spitze zu nehmen, welche die wörtliche Auslegung nahelegt – nämlich, dass Wiborada eine wie auch immer geartete Eucharistie feierte. Sie habe lediglich für den Eigengebrauch konsekrierte Hostien aufbewahrt, beziehungsweise sie sei nur für die Reinigung des Messgeschirrs zuständig gewesen. Erhaltene Messformulare aus Frauenklöstern zeigen jedoch, dass in der Zeit vor der gregorianischen Reform eucharistische Feiern von Frauen vollzogen worden. Es ist also durchaus möglich, dass Wiborada Liturgien abhielt – alleine oder mit ihrem Bruder.» (Emmenegger, S. 37) Das lässt aufhorchen.

Bekannt ist auch, dass Wiborada schon in St. Georgen eine Art Mahlgemeinschaft mit den Frauen ihrer Umgebung hielt und dabei gesegnetes Brot verteilte. (Vita I Wiborada 16, 24). In der Kapelle unter der Kirche St. Georgen ist sie dementsprechend in einem Chorbild von Ferdinand Gehr auch priesterlich dargestellt, mit offenen, leeren und empfangsbereiten Händen. Aus all dem folgert Hildegard Aepli, die Initiatorin des Projektes Wiborada 2021, dass die Heilige eine ganz und gar priesterliche Frau gewesen sei. Damit wurde sie zugleich zu einer Identifikationsfigur und Vorbildgestalt für all die Frauen heute, die sich nicht länger damit abfinden wollen, dass ihnen das Priesterinnen- und Diakoninnenamt weiter vorenthalten wird.

Wiborada macht also Mut, nicht locker zu lassen im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. Sie macht auch Mut, beharrlich Schritt für Schritt Grenzen zu weiten und Neues, auch Grenzüberschreitendes, zu wagen. Wohlwissend, dass solches Tun auf Widerstand und Gegenwehr der Amtsträger stossen wird und mit empfindlichen Sanktionen belegt werden kann. Wiborada war, das sagte ich eingangs, eingeschlossen und doch ganz frei. Das wird auch – davon dürfen wir getrost und frohgemut ausgehen – in diesem Punkt gegolten haben. Als radikale Gottsucherin war sie nur ihrem Herrgott und ihrem Gewissen verantwortlich. Auch darin kann sie uns Vorbild und Ansporn sein.»

Das sagte die Ordensschwester Philippa Rath (67) kürzlich anlässlich der zweijährlichen Wiborada-Rede in St. Gallen. Sie ist Politikwissenschaftlerin, Historikerin und Theologin. Zudem ist sie eine «spätberufene Frauenaktivistin» und setzt sich für Reformen in der katholischen Kirche ein. (jas)


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