Fronleichnam büsst als Festtag an Bedeutung ein. Dafür nimmt seine kulturelle Bedeutung zu. Eine Option wäre, dieses Fest verstärkt ökumenisch auszurichten, findet der Theologe Stephan Schmid-Keiser.
Stephan Schmid-Keiser*
Das Hochfest, das Leib und Blut Christi als ‹Fronleichnam› feiert, ist mehr als andere Feste eine spezifisch römisch-katholische Enklave im Alltag. Erratisch steht der Tag im Festkalender und ursprünglich einer mittelalterlichen Frömmigkeit verpflichtet, die weniger die Begegnung mit Christus «im Vollzug der aufgetragenen Feier» sucht als «im Schauen der eucharistischen Gestalten», wie Rupert Berger schreibt. Aufgrund dieser schillernden Ausrichtung braucht es bei der Auswahl der für den Tag vorgesehenen Perikopen viel Sorgfalt – auch im Blick auf mögliche ökumenische Spannungen.
Die an Fronleichnam vorgetragene Markusperikope (Mk 14,12-16.22-26) löst nicht wenige Fragen aus. Geht es hier um einen Gründungsakt einer religiösen Sondergruppe, die sich an geheimem Ort und nicht wie heute an Fronleichnam (noch) in der Öffentlichkeit trifft? Oder ist dieses Treffen, zu dem Jesus in seinem jüdischen Kontext am Sederabend einlädt und welches später die junge Gemeinde als letztes Abendmahl bezeichnen wird, eine alle und alles versöhnende Geste, bei dem sich alle auf Augenhöhe an Gottes Gegenwart freuen?
Angesichts der in der jungen Gemeinde wachsenden Abgrenzung gegenüber dem Judentum könnte ihr Rückblick auf den letzten Abend mit Jesus sie dazu versucht haben, die jüdische Tradition weniger zu enteignen als sie aus spezifischer Not zu beerben. Besser also, wenn heute die christlichen Konfessionen in der Aneignung der Erfahrungen am Fusse des Sinais ihr gemeinsames Fundament sehen und durch tatkräftiges Handeln an ihren Orten zur Vergemeinschaftung unter den Menschen beitragen. Wird sich dies im Blick auf den gestiegenen Bedarf an ökumenischer Zusammenarbeit konkretisieren lassen?
Bedenken melden sich an, da Fronleichnam als Fest in der Gegenwart kaum mehr Zuspruch findet. Der Festtag hat Seltenheitswert. Noch wird er in römisch-katholisch geprägten Gegenden nicht selten gemeinsam mit Kindern und Familien, denen erstmals der Weg zur Kommunion geebnet wurde, in spezifisch geschlossener Gemeinschaft – trotz öffentlich vollzogener Prozessionen – begangen.
Der Sinn des Festes kann sogar in einem Pfarreiblatt bis zur Unkenntlichkeit, mit Auslassung des Glaubens an Christi Gegenwart dargestellt werden: «Die Prozession erinnert an den Sinn dieses kirchlichen Festes, dass die Menschen mit dem lebendigen Leib auf die Strasse gehen und mit Gott auch im Alltag leben». Welcher Leib damit gemeint ist, hat die Berichterstattung nicht herausgestellt. Deutlich wird nun seit Jahren, dass ein festliches Feiern in der gegenwärtigen Kultur irrelevant geworden scheint.
Für Andreas Schüle (2003) vermitteln Feste für Juden, Christen und Muslime bis heute «kulturelle Erinnerung, die sich von kommunikativer Alltagspraxis charakteristisch unterscheiden». Deshalb ist das Begehen eines Festes als «Gegenentwurf zur Alltagswelt» zu sehen, wie Hans-Georg Gadamer meint.
Fragt sich also, welche Festformen heute möglich sind, wenn dabei die transzendente Realität mit dargestellt sein will. Mithin brauchen Menschen heute «keinen speziellen Anlass mehr, um die Sinnfälligkeit des Festlichen eigens zu inszenieren, die Sphäre des Schönen wird gewissermassen zum Oberton aller Lebensvollzüge». Damit habe sich eine grundlegende «Ästhetisierung der Lebenswelt» durchgesetzt, schreibt Rüdiger Bubner.
Mehr noch: Zusammen mit einer ausufernden Marktwirtschaft haben in der gesamten Lebenswelt Einstellungen Platz gegriffen, die sämtliche, auch christliche Ästhetiken mit quasireligiösen Mythen neu besetzen beziehungsweise ersetzen.
Das kulturelle Ereignis rückt in den Vordergrund, die Erinnerungskultur verblasst, der Kontrast von Fest und Alltag löst sich auf. Schliesslich ist «innerhalb des modernen ‹Alltags› bereits ein so hohes Mass an Kontrasterfahrung enthalten, dass es dazu des Festes als des anderen, Besonderen, Gegenweltlichen nicht mehr bedarf». An die «Stelle des Festbegriffes (ist) weithin die Rede vom ‹Ereignis› oder ‹Event› getreten».
Auch wenn diese ihre Defizite in erhöhter Selbstdarstellung von Individuen haben, könnten christliche Feste wie an Fronleichnam eine spezifische Aufgabe haben. Dann aber ginge es um das klare christliche Profil, auf das die Verantwortlichen vor Ort beim Begehen dieses etwas schillernden und von Traditionen befrachteten Festes vermehrt achten müssten.
Darum müsste Fronleichnam als Tag der Dankbarkeit für die Eucharistie im besten Falle ökumenischen Charakter erhalten, vorausgesetzt es besteht vor Ort eine Kultur gegenseitiger Gastfreundschaft. Fronleichnam würde zum Fest, das die Mauern jeder Kirche sprengt, weil es zu eigener Lebendigkeit, zur Lebensrettung allgemein aufruft.
Alternativ zu einzelnen, theologisch aufgeladenen Perikopen des Tages könnte etwa die Legende aus dem Leben der Klara von Assisi «Klara rettet die Stadt» mit der Realität der bisher erreichten Gemeinschaft unter den Konfessionen am Ort in Verbindung gebracht werden. Dann würde aber nur dort die Zurschaustellung der eucharistischen Hostie Sinn machen, wo allen Beteiligten ein verständlicher Zugang zum Festgedanken eröffnet wird.
Dies aber bedingte ein Aufholen im ökumenischen Aufeinander-Zugehen, unterstützt etwa mit den wegweisenden Zeilen von Silja Walter, die Gottes Brot in die Mitte rücken: «DIE MITTE Der Sichelmond, die Lunula / trägt unseren Herrn im Zeichen, trägt ihn im Stern / der Speichen. / Ein goldnes Boot / trägt Gott im Brot, o Gloria, / Hosanna! Was für ein Bild: Ein goldnes Boot, in dem alle mit Christus vereint der Welt ein gemeinsames Zeugnis geben!»
Noch versammeln sich an Fronleichnam, in der Regel auf besondere Einladung hin Erwachsene mit ihren Kindern, die ihre Erstkommunion gefeiert haben. Neben den wenigen Beteiligten an solchen ehemals noch katholisch geprägten Orten finden sich wenige, die an Strassenrändern kurze Momente zuschauend verharren.
Andere müssen im Auto oder auf dem Fahrrad sitzend Umwege in Kauf nehmen. Darum drängen sich Alternativen auf, wo es nicht mehr anders möglich ist. Als innovative Variante könnte an diesem Tag die Form eines Morgenmahls gewählt werden – im Anschluss an Erfahrungen, die seit geraumer Zeit danach verlangen: «Und wenn wir kein gemeinsames Abendmahl feiern können, dann feiern wir halt ein Morgenmahl», wie Josua Boesch basierend auf Joh 21,1 bilanzierte. Mit dem Wandel der vielfach erstarrten und unverständlich gewordenen Formen der Fronleichnams-Kultur einher ginge eine neue Praxis des Brotbrechens. Durch dieses gemeinsame Tun des Wortes lernten wir mehr, «was die Erfahrbarkeit der leibhaftigen Gegenwart Gottes in Christus anlangt», wie Joachim Negel schreibt.
*Stephan Schmid-Keiser ist Liturgiewissenschaftler und Theologe und wohnt in St. Niklausen LU.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/brauchtumsfest-fronleichnam-eine-roemisch-katholische-enklave/