Claude Bachmann: «Ein Festival kann das Bedürfnis wecken, über Gott und die Welt zu reden»

Der Theologe Claude Bachmann ist im Juni als ehrenamtlicher Festivalseelsorger unterwegs. Für den Februar organisiert er – gemeinsam mit Julia Hahn – eine Fachtagung zu dieser Spezialseelsorge. «Ich hoffe, dass die Festivalseelsorge eines Tages als seelsorgerlicher Dienst angesehen wird», sagt Bachmann.

Regula Pfeifer

Sie organisieren die erste Fachtagung im deutschsprachigen Raum zur Festivalseelsorge. Weshalb?

Claude Bachmann: Es gibt vor allem in Deutschland und Österreich immer mehr Festivals, die Festivalseelsorge anbieten. Dabei handelt es sich um ein relativ neues pastoraltheologisches Arbeitsfeld, mit dem sich die praktische Theologie bisher noch nicht näher auseinandergesetzt hat. Mit der Winter School Festivalseelsorge möchten Julia Hahn vom Lehrstuhl Praktische Theologie der Humboldt-Universität Berlin und ich einen Anstoss geben, das Arbeitsfeld Festivalseelsorge aus verschiedenen theologischen Perspektiven wissenschaftlich zu erschliessen. Hahn verfasst ihre Dissertation zum Thema Festivalseelsorge.

«Ich hoffe, dass für Festivalseelsorge dereinst Ressourcen gesprochen werden.»

Gleichzeitig möchte die Fachtagung die Vernetzung von praktisch und theoretisch engagierten Menschen innerhalb der Festivalseelsorge im deutschsprachigen Raum fördern. Ich persönlich erhoffe mir dadurch auch, dass vielleicht eines Tages in der Schweiz die Festivalseelsorge seitens der Landeskirchen und der Bischofskonferenz als seelsorgerlicher Dienst angesehen wird und dafür finanzielle und personelle Ressourcen gesprochen werden.

«Das Bewusstsein für grenzüberschreitenden Situationen ist heute grösser.»

Ist die Festivalseelsorge im Aufwind – wie die Openair-Festivals selbst?

Bachmann: Ich würde nicht sagen, dass die Festivalseelsorge im Aufwind ist. Was ich allerdings im Kontext von Grossanlässen wie zum Beispiel Festivals oder Stadtfeste grundsätzlich beobachte, ist ein erhöhtes Bewusstsein für die Tatsache, dass bei grossen feiernden Menschenmassen das Potential für grenzüberschreitende Situationen tendenziell grösser ist.

Dem möchten Veranstalter und Veranstalterinnen mit entsprechenden Konzepten und Angeboten entgegenwirken und den Menschen Anlaufstellen zur Verfügung stellen. Dazu zähle ich Präventions- und Awarenessangebote sowie die Festivalseelsorge.

Wie wichtig schätzen Sie Seelsorge an Musikfestivals ein?

Bachmann: Als Angebot, mit einer Person, die gerade nicht Teil des Freundeskreises ist, über das Schöne im Leben, aber auch über Fragen, Ängste oder Sorgen sprechen zu können, finde ich Seelsorge an Musikfestivals sehr wichtig. Gerade der Rahmen eines Festivals, wo die Menschen für einige Tage aus dem Alltag ausbrechen und mit vielen Menschen eine sehr intensive Zeit verbringen, kann das Bedürfnis wecken, mal mit jemandem über Gott und die Welt zu reden.

Wie unterscheidet sich Festivalseelsorge von anderer Seelsorge?

Bachmann: Die Festivalseelsorge zähle ich zur sogenannt kategorialen Seelsorge. Dies im Unterschied zur traditionellen territorialen Seelsorge, zu der ich die Arbeit auf dem Gebiet der Pfarrei oder des Pastoralraumes zähle. Natürlich impliziert auch ein Festival ein Territorium, allerdings im Rahmen einer Festivalkultur, was meines Erachtens einen Unterschied macht.

«Ein Festival ist eine Ausnahmesituation.»

Ein Festival ist eine Ausnahmesituation. Menschen sind für einige Tage dabei, in der Regel mit vielen anderen, ihnen unbekannten Menschen, ehe sie wieder in den Alltag zurückkehren. Darum würde ich sagen, dass Festivalseelsorge – im Unterschied zu anderer Seelsorge – punktueller, situativer und direkter sowie ein Stückweit auch anonymer ist beziehungsweise sein kann. Beim Greenfield Festival kommt hinzu, dass es sich bei der Festival-Community um eine Subkultur handelt. All dies trägt dazu bei, dass eine andere Art von Seelsorge gefragt ist.

An Anlässen welcher Musikrichtungen ist Festivalseelsorge oft präsent? An welchen nicht, und weshalb?

Bachmann: In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Festivalseelsorge an Festivals mit ganz unterschiedlichen Musik- und Stilrichtungen präsent. Da es das Angebot der Festivalseelsorge in diesen Ländern erst seit circa zehn Jahren gibt, finde ich es zu früh, eine Prognose abzugeben, Festivalseelsorge funktioniere an Festivals mit dieser oder jener Musikrichtung besser als an einem anderen Festival.

«Die Metal-Community setzt sich intensiv mit religiöser Sprache und Symbolik auseinander.»

Ich finde es allerdings bezeichnend, dass die Festivalseelsorge sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz an den jeweils grössten Metalfestivals – also dem Wacken OpenAir und dem Greenfield Festival – entstanden ist. Die Metal-Community setzt sich seit jeher intensiv mit religiösen Inhalten sowie religiöser Sprache und Symbolik auseinander. Vor diesem Hintergrund kann Seelsorge an einem Metalfestival anschlussfähiger sein, ich würde dies aber nicht pauschalisieren.

Welche Probleme werden besprochen, behandelt?

Bachmann: Wenn Probleme angesprochen werden, dann handelt es sich sehr oft um existentielle Fragen und Sinnfragen, zum Beispiel im Kontext von Liebes- oder Freundschaftsbeziehungen oder dem eigenen Alltag. Ich möchte aber betonen, dass nicht ausschliesslich Probleme angesprochen werden. Ich führe als Festivalseelsorger viele tolle Gespräche über Musik, die Freude am Leben oder grundsätzliche Glaubens- und Kirchenfragen.

Ist Festivalseelsorge auch Drogen- und Gewaltprävention?

Bachmann: Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt im Bereich der Drogenprävention an vielen Festivals entsprechende Angebote von Fachstellen und Fachpersonen. Und für die Gewaltprävention sind die Veranstalter:innen verantwortlich, die dafür über entsprechende Konzepte verfügen und für deren Umsetzung Sicherheitsdienste beauftragen.

«Ganz wichtig ist: Festivalseelsorge möchte nicht missionieren.»

Wo sind Grenzen der Festivalseelsorge?

Bachmann: Festivalseelsorgerinnen – und seelsorger haben für die Festivalbesucherinnen und -besucher ein offenes Ohr und bieten Zeit und die Möglichkeit an, sich über Lebens- Sinn- und Glaubensfragen auszutauschen. Die Grenze der Festivalseelsorge liegt für mich im Verlassen dieses Bereiches. Wenn es also zum Beispiel um einen medizinischen Notfall geht, wird sofort der Sanitätsdienst gerufen oder in anderen Fällen der Sicherheitsdienst. Am Greenfield Festival ist die Festivalseelsorge eng mit den entsprechenden Stellen und Personen vernetzt. Ganz wichtig ist: Festivalseelsorge möchte nicht missionieren. Da liegt für mich eine klare Grenze.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (mit Änderungen am 30.5.24)

*Claude Bachmann ist wissenschaftlicher Assistent an der Theologischen Hochschule Chur und ehrenamtlicher Festivalseelsorger, dieses Jahr am Greenfield Festival in der Schweiz vom 13. bis 15. Juni und am Woodstock der Blasmusik in Österreich, vom 27. bis 30. Juni.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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