Die Säkularisierung schreitet auch in Italien voran. Doch der Befund ist nicht so eindeutig. Das Land verfügt über eine vitale katholische Kultur. Die katholische Kirche hat zwar den direkten Draht zu den Parteien verloren, dennoch bleibt sie ein gesellschaftlich bestimmender Faktor. Die Gefahr besteht, dass sie und die Werte, die sie vertritt, politisch instrumentalisiert werden.
Francesco Papagni
Vor kurzem hat das Umfrageinstitut Demos im Auftrag der Zeitung «La Repubblica» eine neue Studie über die Leidenschaften der Italienerinnen und Italiener veröffentlicht. Die Religion sackt von 54 auf 39 Prozent ab verglichen mit der Umfrage von 2016.
Auffallend ist nicht nur das geringere Interesse bei den Jungen, sondern auch die Abnahme bei den Frauen. Zum Vergleich: 31 Prozent geben an, eine Leidenschaft für Fussball zu hegen – ein Wert der sich seit 2016 nicht signifikant verändert hat. Im Fussball verrückten Italien bleibt Religion wichtiger als Fussball.
Enzo Bianchi, Publizist, Laienmönch und Gründer der Kommunität von Bose, die bis in den Kanton Schwyz ausstrahlt, kommentiert diese Resultate unter dem Titel «La messa è finita» (Die Messe ist zu Ende).
Er zeichnet ein deprimierendes Bild des italienischen Katholizismus, der keine grossen spirituellen Figuren wie Carlo Maria Martini mehr hervorzubringen vermag. Gläubige würden sich von der Kirche abwenden, weil sie in ihr nicht mehr den «Sauerteig des Reiches Gottes oder das Salz der Weisheit» finden würden.
Nun scheint dieser Befund aber zu pessimistisch. Ja, stimmt, es mangelt an grossen Figuren, aber ist das ein spezifisch italienisches Phänomen?
Wo sind in Deutschland die Nachfolger der Lehmanns oder der Kamphaus? Religiöses Leben darf überdies nicht nur am Gottesdienstbesuch gemessen werden: Auffallend ist in Italien das breite Feld des ehrenamtlichen Engagements, das wegen der traditionellen Schwäche des Sozialstaates viele wesentliche Aufgaben übernimmt. Zwar gibt es auch säkulare Freiwilligenvereinigungen, aber die katholischen sind bedeutender.
Zudem existiert in unserem südlichen Nachbarland eine vitale katholische Hochkultur, die Zeitschriften, Verlage, Forschungsinstitute und Universitäten umfasst. Sie produziert ausgezeichnete Sachbücher, Filme, Belletristik. Leider kommt davon nur sehr wenig zu uns.
Diese katholische Kultur findet auch in säkularen Medien Beachtung. So schreibt der vor kurzem emeritierte «Kulturminister» des Vatikans, Gianfranco Kardinal Ravasi, regelmässig in der Wirtschaftszeitung (!) Il Sole24Ore, wo er vor allem theologische und spirituelle Literatur bespricht.
Und da ist natürlich der Volkskatholizismus. Wer je ein Stadtfest in Süditalien erlebt hat, weiss, welch intensives Erlebnis das ist. Ein Feuerwerk gehört dazu und ist ein Spektakel, aber eines zu Ehren des oder der Heiligen. Solches als «Folklore-Katholizismus» abzutun, wird dem Phänomen jedenfalls nicht gerecht. Es sind gerade diese religiös-säkularen, hybriden Feste, die der Säkularisierung zu trotzen scheinen.
Etwas anderes ist das Verhältnis Kirche-Politik. Nach dem Ende der stolzen «Democrazia Cristiana» hatte es die katholische Kirche in Italien geschafft, ihren politischen Einfluss im Wesentlichen zu behalten. Die Christdemokraten spalteten sich in mehrere Strömungen auf, die in linke wie rechte Parteien eingingen. Die Lage wurde unübersichtlicher, aber die neuen, schwächeren Parteien suchten den Support der Kirche aus Eigeninteresse.
Mit den nationalen Wahlen von 2023, die eine rechte Koalition unter Giorgia Meloni an die Regierung brachten, veränderte sich die Situation nochmals. Meloni machte Wahlkampf mit dem Schlachtruf: «Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin eine Christin!» Ihre Partei Fratelli d›Italia tritt für die traditionelle Familie und für christliche Werte ein, wobei sie Christentum – in Italien mit Katholizismus gleichgesetzt – vor allem als Identitätsmarker versteht.
Gleichzeitig distanzieren sich Meloni und die Exponenten des rechten Parteienbündnisses von der migrantenfreundlichen Haltung der Kirche. Diese Entwicklung ist verschiedenen Ländern Europas zu beobachten: das christliche Bekenntnis dient zur Abgrenzung gegen den Islam, das Kreuz kennzeichnet nun «unser Territorium», das verteidigt werden muss. Der Papst und die Bischöfe predigen gegen diese Verzweckung des Christentums an, mit mässigem Erfolg.
Was Papst Franziskus selbst angeht, so schenkt er der italienischen Innenpolitik nicht die gleiche Aufmerksamkeit, die alle seine Vorgänger an den Tag gelegt haben. Er verfolgt eine andere Agenda. Und die italienische Bischofskonferenz?
Sie wird nach blassen Figuren von Matteo Maria Zuppi präsidiert – just jener Mann, den Franziskus als Gesandten im Ukrainekonflikt ausgesucht hat. Kardinal Zuppi ist im jetzigen Episkopat der Fähigste, aber die diplomatische Mission lenkt ihn von Italien ab.
Fazit: die katholische Kirche hat jenen direkten Draht zu den Parteien verloren, die sie noch vor wenigen Jahren besass. Ihr gesellschaftliches Gewicht bleibt aber erheblich. Das rührt nicht zuletzt davon her, dass sie überall im Land präsent ist. Namentlich in den heruntergekommenen Vorstadtquartieren stellen Pfarreien oft die einzig verbliebenen sozialen Strukturen dar. Das muss die Politik einkalkulieren.
Hankherum muss die Kirche verhindern, dass sie und der Katholizismus insgesamt instrumentalisiert werden. Der Auftritt Matteo Salvinis von der rechten Lega mit dem Rosenkranz in der Hand ist in Italien unvergessen. Es hat ihm jedoch eher geschadet als genützt, denn die fromme Pose haben ihm wenige abgenommen. Bei den Meisten hat er sich damit als Heuchler entlarvt.
Italien ist heute ein Land der «traurigen Leidenschaften» (Ilvo Diamanti), weil die Zuversicht in die Zukunft abhandengekommen ist. Der Katholizismus stellt den einzigen ernstzunehmenden Gegenentwurf zu einer konsumistischen Massenkultur dar, die in Italien besonders krasse Blüten treibt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/italien-land-der-traurigen-leidenschaften/