Rätsel Franziskus: Woher rühren die irritierenden Äusserungen?

Wer Papst Franziskus verstehen will, muss seine Vorgeschichte in Lateinamerika kennen. Seine Friedensethik ist aus dem argentinischen Militarismus des 20. Jahrhundert geboren. Das Problem dabei: Franziskus unterscheidet nicht zwischen Ethik und Politik. Letztere würde er besser seinen erfahrenen Diplomaten überlassen.

Francesco Papagni

Seit Jorge Bergolio Papst ist, fragen wir uns, wer dieser Mann eigentlich ist und was er will. Zu Beginn seines Pontifikats stand die Reise nach Lampedusa zu den Bootsflüchtlingen – ein Thema, das die damalige italienische Regierung am liebsten im Dunkeln gelassen hätte. Nach der Reise des Papstes war das nicht mehr möglich.

Flüchtlinge, Kapitalismuskritik, Ukrainekrieg

Dann kam seine harte Kapitalismuskritik: «Kapitalismus tötet», war so eine Aussage. Die «Neue Zürcher Zeitung» begann eine Kampagne gegen den Pontifex, die ihm mal als Populisten mal als Gegner der freien Marktwirtschaft, die allein die Armen aus der Armut holen könne, titulierte.

Nun seine Aussagen zum Ukrainekrieg. Zunächst einmal muss man das Interview mit dem Tessiner Radio RSI genau hören. Der Papst nimmt zwar das Wort von der «weissen Flagge» auf, im gleichen Atemzug sagt er aber, was er meint: Verhandlungen. Die weisse Flagge ist auch ein traditionelles Erkennungszeichen von Delegationen auf dem Schlachtfeld, dass sie als Emissäre und nicht als Kombattanten kommen.

Lateinamerikanische Quellen

Wer Papst Franziskus und seine Wortmeldungen wirklich verstehen will, muss die Dokumente aus seiner Zeit in Buenos Aires studieren. Bergoglio hatte innerhalb der lateinamerikanischen Bischofskonferenz Celam eine massgebliche Rolle inne.

Namentlich arbeitet er an der Konferenz von Aparecida im Mai 2007 und am Schlussdokument mit, wo einerseits das Erbe der Befreiungstheologie aufgearbeitet, andererseits eine Gesellschaftskritik formuliert wird. Die «Globalisierung ohne Solidarität» wird angeprangert. Und das meint mehr als Ausbeutung, es ist Ausschluss ganzer Gruppen. Diese Gesellschaftskritik hat verschiedene Quellen, und sie wird noch heute von Franziskus vertreten.

«Christus siegt» auf Militärflugzeugen

Aparecida ist die Zwischenstation eines Denkweges, das für Jorge Bergoglio lange vorher beginnt, im Konflikt zwischen den argentinischen Militärs und den revolutionären Gruppen schon Mitte der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Militärs schreiben damals «Christus siegt» auf ihre Flugzeuge. Bergoglio will eine politische Theologie, die solche Ungeheuerlichkeiten unmöglich macht. Allerdings ist es dann umso unverständlicher, dass er sich nicht deutlicher von Patriarch Kyrill distanziert.

Diese argentinischen Erfahrungen, diese Geschichte Lateinamerikas müsste man rekonstruieren, wenn man Franziskus wirklich verstehen und ihn nicht nur als positive beziehungsweise negative Projektionsfläche für unsere Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse gebrauchen wollte.

Ethik und Politik müssen unterschieden werden

Seine Friedensethik ist auch aus seinen Erfahrungen mit dem lateinamerikanischen Militarismus hervorgegangen.  Andererseits steht er in der grossen katholischen Tradition der Friedensethik und der Friedensinitiativen, deren bekannteste sein Vorgänger Benedikt XV. während des Ersten Weltkrieges lanciert hatte. Schon damals argwöhnten beide Seiten, der Papst neige der jeweils anderen zu.

Die grösste Schwierigkeit scheint  darin zu liegen, dass der Papst in seinen Aussagen Ethik und Politik nicht klar unterscheidet. Als friedensethische Position ist der Aufruf zu Verhandlungen, sei es in Russland/Ukraine- wie im Israel/Palästinakonflikt tadellos. Aber als politische Position verkennt es die Realitäten, auch die moralischen Realitäten. Es gibt Täter und Opfer, Angreifer und Angegriffene.

Politisch müssen sich zudem alle klar sein, welche Folgen die eigenen Worte haben. Russland hat sofort geschickt die Aussagen des Papstes für sich beansprucht. Kremelsprecher Peskow betonte, Putin sei immer schon zu Verhandlungen bereit gewesen. In der Konsequenz scheint es, als ob Russland konziliant wäre, aber die Ukraine Verhandlungen verweigern würde.

Falsche Annahmen

Dies ist ein völlig schiefes Bild der Lage. Russlands Ziel ist ein Siegfrieden, auf dem Schlachtfeld oder am Verhandlungstisch. Die europäische Friedenspartei geht von der Annahme aus, das Ende der Kampfhandlungen bedeute auch das Ende des Leidens.

Dagegen hat Ann Applebaum, eine der bedeutendsten Osteuropahistorikerinnen, betont, dass in den von Russland annektierten Gebieten der Krieg gegen die Zivilbevölkerung weitergeht, einfach im Stillen. Papst Franziskus scheint das nicht zu erkennen, wie es für uns alle in Westeuropa schwierig ist zu erkennen. Aber Frieden ist ohne Erkenntnis der politischen wie auch der moralischen Realitäten unerreichbar.

Jeder Friedensinitiative wohnt ein utopisches Moment inne. Dieses utopische Moment, einen Zustand jenseits des ist-Zustands zu denken, eignet auch den Worten des Oberhauptes der katholischen Kirche.  Allein mit einer Friedensvision ist jedoch kein dauerhafter Friede zu erreichen, dafür braucht es Diplomatie.

Eine moralische, keine politische Autorität

Der Papst ist eine weitherum anerkannte moralische Autorität. Dieses moralische Kapital kann er in Friedensinitiativen einbringen. Damit begibt er sich auf das Feld der internationalen Politik, wo Urteilskraft, Sachwissen und Umsicht gefragt sind. Die vatikanische Diplomatie verfügt über all diese Ressourcen. Vielleicht wäre es besser, in der Öffentlichkeit nachdrücklich die Werte des Evangeliums zu verteidigen und die konkrete Ausgestaltung in die Hände von erfahrenen Diplomaten zu legen.

Tatsächlich verfügt  Franziskus mit Matteo Maria Kardinal Zuppi über einen Sondergesandten für diesen Krieg. Die Äusserungen des Papstes tragen aber nicht dazu bei, seine Mission zu befördern.


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https://www.kath.ch/newsd/raetsel-franziskus-woher-ruehren-die-irritierenden-aeusserungen/