Wenn Klimaveränderungen Dürre und Hunger bringen, geht es ums nackte Überleben. Das zeigt der diesjährige Fastenkalender anschaulich am Beispiel der Nomaden in der südäthiopischen Borana-Zone. Was aber, wenn der Fastenkalender selber zur ausgetrockneten Wüste wird, fragt sich Thomas Staubli in einem Gastkommentar.
Thomas Staubli*
«Fastenaktion», «Brot für alle» und «Partner sein» sind historisch zutiefst im römisch-katholischen, evangelisch-reformierten und christkatholischen Christentum der deutschsprachigen Schweiz verankerte Kampagnen.
Die Kampagnen haben in der spirituell dichtesten Zeit des Kirchenjahres über viele Jahre hinweg Bedeutendes zur christlichen Identitätsbildung hierzulande beigetragen, mit Hungertüchern, Organisation von Begegnungen mit Menschen aus anderen Erdteilen, sorgfältig ausgewählten Projekten und vielem mehr.
Doch seit Jahren beobachte ich eine theologische Austrocknung, die inzwischen einen dramatischen Tiefpunkt erreicht hat: Der aktuelle Kalender entbehrt jeglicher Bezugnahme zu den Wurzeln christlicher Fastenspiritualität.
Die im Kalender eingestreuten weisheitlichen Denkanstösse zitieren den chinesischen Philosophen Wang Yangming, die Autorin Alison Faulkner, den indischen Guru Sathya Sai Baba, den römischen Philosophen Seneca, die Computerpionierin Grace Hopper, den chinesischen Philosophen Konfuzius, eine unbekannte Quelle und den griechischen Philosophen Sokrates.
Angeknüpft wird also an die chinesische, die indische, griechische und römische Philosophie und an zwei moderne Frauen, die sich mit Überlebenstraining und Computern beschäftigen. Was sich im ganzen Kalender nicht findet, ist ein Zitat aus dem reichen Schatz der jüdisch-christlichen Tradition, also aus der naheliegendsten Quelle für einen christlichen Fastenkalender.
Sicher ist, dass die Bibel zu Kernthemen des Fastenkalenders wie Nachhaltigkeit oder Solidarität viel Bedenkenswertes in attraktiver Form zu bieten hätte. In der Sprüchesammlung des Ersten Testaments etwa findet sich eine ganze Reihe von Besser-als-Sprüchen, die ein hohes Bewusstsein für die Destruktivität des Immer-Mehr erkennen lässt.
Am schönsten vielleicht aus dem 15. Kapitel des Buches der Sprichwörter: «Besser ein Gericht von Gemüse mit Liebe, als ein gemästetes Rind mit Hass.» Im Kontext einer die Welt überziehenden Welle der Militarisierung hätte wohl eine wunderbare Sentenz wie Sprüche 16,32 manchen zum Denken gebracht: «Besser langmütig sein als ein Kriegsheld, und besser sich selbst beherrschen als Städte bezwingen.»
Vor allem würde uns das Erste Testament auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass es keine ehrliche Caritas gibt, ohne den Einsatz für Recht und Gerechtigkeit: «Schaff Recht dem Geringen und der Waise, dem Elenden und Bedürftigen verhelft zu Gerechtigkeit.» (Psalm 82,3) Im Land der abgelehnten Konzernverantwortung und mit einer Grossbank wie der CS, die mit ihrer korrupten Kreditvergabe ein ganzes afrikanisches Land an den Abgrund gefahren hat, täte ein solcher Spruch gut.
Die Vorstellung, dass Juden an ihren Fastentagen Konfuzius oder Muslime während des Ramadans eine Computerspezialistin zitieren, ohne gleichzeitig ihre eigenen heiligen Texte zu rezitieren ist schlicht absurd. Ich empfinde den diesjährigen Fastenkalender als trauriges Zeugnis der Verödung des Restchristentums.
Ich bin doppelt entsetzt: Einerseits, weil ich als in der Schweiz sozialisierter Christ weiss, welches Potential hier verschleudert wird, andererseits weil ich als Bibliker Advokat der Heiligen Schrift bin, deren unerschöpfliche Quellen der Weisheit mir vor Augen stehen.
Statt die einzigartige Situation eines Printmediums mit einer Auflage von sage und schreibe 1’375’000 Drucken auch für eine angemessene christliche Alphabetisierung und Sensibilisierung zu nutzen, werden wir Zeugen eines spirituellen Suizids.
*Thomas Staubli (61) ist Oberassistent der Universität Freiburg für Altes Testament. Er hat das BIBEL+ORIENT Museum aufgebaut.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant