Churer Priesterkreis: Fundamental-Opposition gegen Bischof Bonnemain

Sie sehnen sich nach der Ära Huonder zurück und legen Bischof Bonnemain Steine in den Weg, wo sie nur können. Dem Verhaltenskodex verweigerten sie die Unterschrift. Jetzt wollen sie die Zusammensetzung des Priesterrats ändern, der den Bischof berät, und alle bisherigen Entscheidungen revidieren. Einblicke in die Fundamental-Opposition.

Magdalena Thiele

Die Änderungen der Statuten des Priesterrats müssen widerrufen werden – nicht kirchenrechtskonform. Die zuständigen Gremien werden sich mit der Angelegenheit befassen. So trocken und nüchtern könnte der Rekurs aus Rom abgehandelt werden, den Bischof Joseph Maria Bonnemain erhalten hat.

Und in diesem Duktus teilte es der Bischof auch den Priestern, Diakonen und Seelsorgern seiner Diözese in einer internen E-Mail mit. Nur blieb diese E-Mail nicht lange intern. Und bei näherem Hinblicken zeigt sich: So trocken wie sie anmutet, ist die Angelegenheit nicht.

Fundamentalopposition gegen Bonnemain

Vordergründig geht es um eine Formalität: Die Dekane des Bistums gelten als Amtspersonen und nicht als gewählte Mitglieder des Priesterrats. Eine neue Wahlordnung muss her. Daraus könnte aber eine grössere Affäre werden. Denn eine schlichte Anpassung der Statuten, wie sich der Leiter der Geschäftsstelle des Offizialates im Bistum Chur, Thomas Lichtleitner, vorstellt, dürfte nicht allen Akteuren ausreichen. 

Interessant an der Angelegenheit ist, woher der Wind weht: Hinter dem Rekurs aus Rom steht der strengkonservative Churer Priesterkreis. Der Zusammenschluss von etwa 40 Geistlichen steht seit Bonnemains Ernennung zum Bischof im Februar 2021 in Fundamentalopposition. Ihnen gilt der Opus-Dei-Bischof Bonnemain zu liberal. Seit Bonnemains Amtsantritt fällt der Priesterkreis immer wieder als Reformbremser auf.

Angst vor «progressistischen Kurs»

Einer von ihnen ist der ehemalige Generalvikar, heute Churer Domherr und Kirchenrechtsexperte Martin Grichting. Während der Vakanz des Bischofsamtes warnte Grichting im Domkapitel vor dem «progressistischen Kurs der Deutschschweizer Bischöfe sowie Äbte und der Vertreter des staatskirchenrechtlichen Systems», sollte Bonnemain Bischof werden. Grichting sprach sogar von einer feindlichen Übernahme des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St. Gallen und den Abt von Einsiedeln. «Sie haben sich, wie bekannt geworden ist, in Rom direkt massiv in die Bischofsernennung für Chur eingemischt», wird Grichting im Protokoll des Domkapitels zitiert.

Nummer zwei ist der Präses des Churer Priesterkreises, Pfarrer Roland Graf. Jüngst machte der Priesterkreis Schlagzeilen, weil er heftig gegen den Verhaltenskodex gegen sexuellen und spirituellen Missbrauch im Bistum opponierte. Der Priesterkreis folgte Grafs Vorbild und verweigerte dem Bischof geschlossen die Unterschrift. Der Verhaltenskodex war die erste grosse Neuerung, die Bischof Bonnemain auf den Weg brachte.

Widerstand gegen Verhaltenskodex

Insbesondere stiessen sich Graf und seine Mitstreiter an Änderungen, die ihres Erachtens die Lehre der katholischen Beziehungs- und Sexualmoral unterlaufen. Eine daraus folgende Aufweichung der Glaubenslehre sei nicht tragbar. So sei etwa ein Absehen von negativen Werturteilen über Homosexualität nicht mit der Kirchenlehre vereinbar.

Besonders pikant: Bonnemain soll von der Intervention erst im Nachhinein erfahren haben und zeigte sich erstaunt über den öffentlichen Widerstand, ohne dass zuvor eine persönliche Auseinandersetzung stattgefunden habe.

Pfarrer mit Nähe zur Priesterbruderschaft

Dritter Urheber des hierarchischen Rekurses ist der Valser Pfarrer Matthias Hauser. Auch er gilt als streng-konservativ. Ihm werden Beziehungen zur Piusbruderschaft nachgesagt. Die Vereinigung wird von der katholischen Kirche nur teilweise anerkannt. Auf schriftliche Anfragen von kath.ch dazu reagierte Hauser bis heute leider nicht. 

Sehnsucht nach der Ära Huonder

Jetzt also die Statuten-Änderung durch Rom. Warum wählten die drei Priester die zähe zweijährige Auseinandersetzung? kath.ch liegt ein von Grichting, Hauser und Graf unterzeichnetes Schreiben vor, das offenbart: Die Verfasser wünschen sich die Ära Huonder zurück. Bonnemain habe dessen Regelung nach seinem Amtsantritt im Jahr 2021 «kommentarlos vom Tisch gewischt und eine Kommission ernannt, der niemand angehört hat, der das von Bischof Vitus erlassene Statut befürwortet hat».

Auf Beschwerden aus dem konservativen Lager habe Bischof Bonnemain «weder das Gespräch mit uns gesucht noch sich inhaltlich mit unseren Argumenten auseinandergesetzt», beklagen die Wortführer des Churer Priesterkreises. «Stattdessen haben wir einen kurzen Brief erhalten, in dem der Bischof auf seinem Standpunkt beharrt hat.» Das bischöfliche Vorgehen schaffe deshalb nicht nur einen kirchenrechtswidrigen Zustand, sondern stehe auch nicht in Einklang mit der vom Bischof eigens geforderten «Synodalität».

Politische Agenda

Steht hinter der kirchenrechtlichen Korrektheit also mehr? «Man muss nicht Nobelpreisträger sein, um dahinter auch kirchenpolitische Beweggründe vermuten zu können», sagt niemand geringeres als der Vorsitzende des Priesterrats und Bonnemain-Vertrauter Adrian Lüchinger.

Interessant ist, dass selbst Lüchinger von der Widerrufs-Mitteilung des Bischofs überrascht wurde. «Nur gerüchtehalber hatte ich etwas von einem hierarchischen Rekurs gehört», erklärt er. «Aber erst mit dem Bischofsschreiben habe ich offiziell davon erfahren.» Insgesamt würde er der Sache keine allzu grosse Bedeutung zumessen und ohnehin sei er mit der Zeit beunruhigungsresistenter geworden auch bei unterschiedlichen Meinungen in den eigenen Reihen. «Offensichtlich gibt es jedenfalls Priesterratsmitglieder, denen dieses rechtliche Detail extrem wichtig ist. Dafür finden wir eine Lösung».

Entscheidungen des Priesterrates sollen revidiert werden

Ob es dazu kommt und ob es mit neuen Statuten getan ist, bleibt abzuwarten. Denn die Kritiker Bonnemains wollen mehr: Da der jetzige Priesterrat unrechtmässig gewählt worden sei, seien auch dessen getroffene Entscheidungen zu revidieren, schreiben Grichting, Graf und Hauser ihren Churer Mitbrüdern. Konkret geht es um das Pastoralkonzept und Pastoralplanung für ein Bistum der Zukunft, Veränderung der Nomenklatur der Laienmitarbeiter, die Handreichungen für eine synodale Kirche und eben um jenen Verhaltenskodex, der schon einmal Zankapfel war.

«Wir erwarten, dass der Diözesanbischof diese Dokumente bzw. Beschlüsse widerruft und von einem rechtskonform bestellten Priesterrat diskutieren und neu beurteilen lässt.»

Wie sich die Angelegenheit weiter entwickelt, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Trocken und nüchtern wird es wohl eher nicht.

Hier findet sich eine Stellungnahme zum Dekret des Dikasteriums für den Klerus im Wortlaut.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/churer-priesterkreis-fundamental-opposition-gegen-bischof-bonnemain/