Das bekannte Schneeglöckchen trägt viele Namen: Schneedurchbohrende, Zeigerpflanze oder Blume der Hoffnung, sind nur einige Titel für das unscheinbare und starke Blümlein. Dietrich Bonhoeffer hat es geliebt und SRF-Radiopredigerin Claudia Buhlmann sieht darin ein Symbol der Hoffnung für unser Zeit.
Claudia Buhlmann*
Wenn ich mit meiner Mutter in Deutschland telefoniere, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, geht es oft um alltägliche Dinge, um die Gesundheit, um die Familie und in der letzten Zeit immer wieder um die aktuelle Weltlage. Momentan reden wir viel über Angst. Dass Konflikte oft und überall mit Waffengewalt ausgetragen werden, macht uns Sorgen. Auch innenpolitisch oder in Familien- und Freundeskreisen sorgen Meinungsverschiedenheiten für Streit. Das ist normal, aber auch hier stellen wir fest, dass Diskussionen hitziger geführt werden.
Und manchmal, ja, da geht es auch bei uns am Telefon nicht nur friedlich zu und her. Am Ende von eher heftigeren Wortwechseln sagt meine Mutter dann plötzlich: «Was macht eigentlich dein Garten». Mittlerweile und ehrlich gesagt, liebe ich ihre Art, das Thema zu wechseln. Selbst wenn ich mich über die mütterliche Konfliktvermeidungstaktik schon in manchen Lebenslagen geärgert habe, bringt mich ihre Frage auf den Erdboden der Realität zurück. «Was macht eigentlich dein Garten» bewirkt, dass mein Herz ruhiger klopft, dass ein Lächeln auf meinem Gesicht erscheint.
Neulich kamen wir so von der Politik auf die Schneeglöckchen. «Blühen sie bei dir auch schon?» fragte mich meine Mutter. «Bei mir sind sie da». «Bei mir erst die alten.» antwortete ich. «Die ich letztes Jahr gesteckt habe, noch nicht.» Als ich das sagte, sah ich mich gerade wieder glücklich im Laden stehen, weil es im letzten November Blumenzwiebeln zum halben Preis gab. Da wanderten einige Tüten mit Tulpen, Hyazinthen und Schneeglöckchen in meinen Einkaufskorb. Zu Hause habe ich nur das Velo abgestellt, die Gummistiefel angezogen und die Zwiebeln sofort, noch vor dem ersten Frost, in die Erde gesteckt.
Besonders die kleinen weissen Schneeglöckchenzwiebeln hatten es mir angetan. Ich betrachtete sie und fragte mich: «Wie kann aus so einer kleinen, etwas verschrumpelten Zwiebel eine Blume wachsen, die mitten im Winter zu blühen anfängt?» Schneeglöckchen sind besondere Blumen. Die Botaniker nennen sie «Zeigerpflanzen». Wenn sie zu blühen anfangen, so um «Lichtmess» herum, also vierzig Tage nach Weihnachten, beginnt der Vorfrühling. Von nun an werden die Tage spürbar, sichtbar länger, die Vögel beginnen laut zu singen und die Säfte in den Bäumen steigen nach oben.
Auf Französisch heisst das Schneeglöckchen «Perce Neige» – die Schneedurchbohrende. Das passt gut, denn man sagt, dass sie im Inneren ihrer Zwiebel Wärme erzeugt, die den gefrorenen Boden um sie herum auftaut. Eis und Schnee können den kleinen Blümchen nichts anhaben. Ihre Blütenglöckchen in warmem Weiss mit kleinen grünen Tupfen im Inneren, läuten definitiv das Ende des Winters ein. Die ersten Schneeglöckchen zeigen uns: selbst, wenn es im Februar oder März noch einmal kalt wird, der Frühling lässt sich nicht mehr aufhalten. Das bringt nicht nur mich und meine Mutter auf andere Gesprächsthemen und freut uns. Nein, das Schneeglöckchen hat die Menschen schon beeindruckt, als die kleinen Blümchen vor ungefähr 350 Jahren aus Südosteuropa in unseren Breiten heimisch geworden sind. Schneeglöckchen galten schon damals im Volksglauben als Blumen der Hoffnung.
Dem evangelischen Theologen und Kämpfer gegen die Naziherrschaft Dietrich Bonhoeffer, der heute, am 4. Februar vor 118 Jahren geboren wurde, wird folgender Satz zugeschrieben: «Ich wünsche dir die Lebenskraft des Schneeglöckchens, das sich von Kälte, Eis und Schnee nicht unterkriegen lässt und zu seiner Zeit blüht.». Dietrich Bonhoeffer hatte denselben Jahr-gang wie die Mutter meiner Mutter und wurde wie sie in Schlesien geboren. Für die Menschen dieser Generation waren die zwei Weltkriege des letzten Jahrhunderts prägend. Auch hier in der Schweiz.
Bonhoeffers frühe Kindheit war in einer grossen Familie, der es finanziell sehr gut ging, geborgen. Als er acht Jahre alt war, begann der erste Weltkrieg. 75 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod wurde ein Brief entdeckt, den er als Kind aus den Ferien im Harz an seine Grossmutter schrieb. Darin heisst es: « …Wir haben auch schon Schneeglöckchen gefunden, die haben wir Frl. Horn gegeben, die schickt sie an das Grab von ihrem Bruder». Walter Horn, der Sohn einer befreundeten Familie, war mit siebzehn Jahren im ersten Weltkrieg als Soldat gefallen. Ich glaube, dass Dietrich Bonhoeffer, von dessen Leben und Glauben wir viel aus seinen Briefen und seinen theologischen Schriften wissen, Schneeglöckchen besonders liebgehabt hat. Es ist nur eine, meine Vermutung, aber in dem kurz vor seiner Ermordung im Gefängnis geschriebenen Gedicht «Von guten Mächten» heisst es in der letzten Strophe: Von guten Mächten, wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend um am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Ich frage mich: «Steckt darin nicht auch der Gedanke an die Lebenskraft des Schneeglöckchens, dass Eis und Schnee trotzt und mit Geduld auf die Zeit des Blühens wartet?»
Bonhoeffers Glaube, sein Denken, sein Fühlen kamen aus dem tiefen Vertrauen in seine Verbundenheit mit Gott. Dies Vertrauen hat ihm Kraft gegeben, gegen die todbringende Naziherrschaft Widerstand zu leisten. Er hat, obwohl, viele seiner Freunde und Familienmitglieder, so wie er gefangen genommen und ermordet wurden, bis zum Schluss nicht die Hoffnung verloren, dass aus Bösem Gutes erwachsen kann. Dass nach der Nacht, der Morgen anbricht und nach dem Winter der Frühling.
Wenn ich die kleinen Schneeglöckchen in meinem Garten betrachte, kann ich mir fast nicht vorstellen, dass sie einmal als kleine Zwiebeln in die dunkle, kalte Erde gesteckt wurden, wo sie jahrzehntelang immer wieder von Neuem Frost und Kälte überstehen, um an Lichtmess den Frühling einzuläuten. Dann mag ich kaum glauben, dass noch vor kurzem der Schnee schwer auf ihren grünen Spitzen lag und der Boden um sie herum steinhart gefroren war. Bald kann ich meiner Mutter am Telefon erzählen, dass ich ein Sträusschen Schneeglöckchen gepflückt habe, das bei mir in der Stube auf dem Tisch steht.
Schneeglöckchen heissen mit lateinischem Namen «Galanthus». Der Wirkstoff «Galantamin», der in ihnen enthalten ist, wird als Medizin im Kampf gegen das Vergessen, gegen Demenz, eingesetzt. Mir hilft schon nur ihr Anblick, mich daran zu erinnern, dass sich das Leben trotz aller schweren Erfahrungen nicht unterkriegen lässt, dass es sich im Stillen wieder zu entfalten beginnt. Schneeglöckchen erinnern mich daran, dass das Neue wächst, auch wenn ich es noch nicht sehe und dass es sich lohnt, auf Veränderungen zu hoffen und zu warten. Ein warmes Schneeglöckchenherz taut den Boden und schmilzt den Schnee – warum sollten wir Menschen das in «zwischenmenschlichen Eiszeiten» nicht auch können? Schneeglöckchen schenken mir Hoffnung, dass verhärtete Fronten im Kleinen wie im Grossen nicht mit Gewalt aufgebrochen werden müssen. Sie zeigen mir, dass es auch anders geht: mit Herzenswärme und Geduld. «Was macht eigentlich Ihr Garten» falls Sie einen haben und wenn nicht: «Haben Sie schon die ersten Schneeglöckchen gesehen oder sich schon einen Strauss in die Stube geholt?» Ganz gleich, wie Sie diese Fragen beantworten – viel, viel Schneeglöckchenkraft für diesen Tag und alle anderen Tage! Amen.
* Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin und arbeitet in Münchenbuchsee und Moosseedorf.
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