Am 23. März wird der Schwyzer Marcel Dettling als einziger Kandidat zum neuen SVP-Präsidenten gewählt. Seine politische Linie ist stramm rechts: Der EU-Beitritt der Schweiz bleibt ein absolutes Tabu. Und die Migration in die Schweiz müsse weiter deutlich beschränkt werden. Jenseits von rechten ideologischen Standpunkten entpuppt sich der 42-jährige Landwirt im Interview als offener Gesprächspartner mit katholischer Identität – der mit seinen Kindern jeden Abend vor dem Einschlafen betet.
Wolfgang Holz
Herr Dettling, Sie sind Bauer, leben auf dem Land, haben 50 Schafe und 14 Kühe, sind verheiratet und haben drei Kinder. Ist das die perfekte DNA für einen SVP-Präsidenten?
Marcel Dettling (lacht): Ich weiss, nicht, ob es eine perfekte DNA für einen SVP-Präsidenten gibt…
«Heute hat sich die CVP ja umgetauft und steht nicht mehr zum Glauben.»
…ich dachte halt wegen der Ursprünge der SVP, der Bauernpartei…
Dettling: Ganz korrekt handelte es sich um die ehemalige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei. Aber ja, diese Partei vertrat die Interessen der Menschen, die auf dem Land lebten, so wie ich, also von den Bauern und Handwerkern, sowie die Interessen des reformierten Stands. Damals waren die Katholiken in der CVP. Heute hat sich die CVP ja umgetauft und steht nicht mehr zum Glauben.
Sie sind der einzige Kandidat für das SVP-Präsidium. Ist das eine eher gute Voraussetzung für die Wahl am 23. März oder ist das eher ein schlechtes Zeichen für die SVP – weil sonst ja offensichtlich niemand die Verantwortung für die Partei übernehmen will?
«Einen Segen gibt es nur von Gott.»
Dettling: Beides. Ich könnte als Kandidat problemlos damit leben, wenn mehr als eine Person zur Wahl antreten würde – im Sinne einer Auswahl für die Partei. Andererseits ist es für einen künftigen Parteipräsidenten auch gut, wenn er nach der Wahl nicht erst mal zwei unterschiedliche Lager miteinander versöhnen muss. Inzwischen ist die Frist zur Anmeldung sowieso abgelaufen, und ich bin der einzige Kandidat. Ich muss vor der Wahl aber der Findungskommission der Partei noch meinen Strafregisterauszug zukommen lassen ebenso wie einen vom Betreibungsamt. Meines Wissens ist alles sauber – aber man weiss ja nie, ob nicht noch eine versteckte Jugendsünde irgendwo hängengeblieben ist (lacht).
Welcher Art ist eigentlich Ihre Beziehung zu Herrliberg? Haben Sie Ihren Segen von dort schon erhalten – als designierter SVP-Präsident?
Dettling: Einen Segen gibt es nur von Gott. Ich habe in letzter Zeit keinen Kontakt mit Herrliberg gehabt. Ich habe auch von Christoph Blocher weder eine positive noch eine negative Äusserung zu meiner Person erhalten. Es gibt keine Regelmässigkeit der Besuche in Herrliberg seitens der Partei. In guter Erinnerung bleibt mir der Besuch der Neuen nach der Nationalratswahl 2015. Das war schön.
Wir waren mit unseren Partnerinnen zu einem Grillabend eingeladen, bei dem Volkslieder gesungen wurden. Christoph Blocher hat sicher eine grosse Villa – aber ohne jeden Schnickschnack. Man kann von dort auch in die Schwyzer Berge schauen. Ich habe zu Christoph Blocher gesagt, dass ich meinen Hausberg sehe. Und er hat geantwortet, dass er früher jeden Sommer dort beim Wandern gewesen sei.
«Christoph Blocher hat sicher eine grosse Villa – aber ohne jeden Schnickschnack.»
Christoph Blocher hat neulich im Albisgüetli gesagt, es sei seine letzte Rede gewesen. Steht die SVP kurz vor einer Zeitenwende, quasi ohne Blocher, oder wie stark beeinflusst er noch immer die Partei?
Dettling: Nur noch wenig. Ganz am Anfang erschien er noch regelmässig zu den Fraktionssitzungen im Parlament. Als er noch Vizepräsident war. Danach wurde es merklich weniger. Wegen den Bundesfinanzen hat er zuletzt an einer Sitzung teilgenommen. Er sagt zu uns immer: Wenn etwas ist, könnt ihr jederzeit bei mir anrufen.
«Religiös bin ich schon. Aber in den Gottesdienst gehe ich nicht jeden Sonntag.»
Wer auf dem Land lebt, kennt die Kirche im Dorf meist noch von aussen und von innen. Sind Sie religiös und gehen Sie jeden Sonntag in den Gottesdienst?
Dettling: Religiös bin ich schon. Aber in den Gottesdienst gehe ich nicht jeden Sonntag. Früher war ich mal Ministrant in der Kirche von Oberiberg. Auch eine meiner Töchter war bis vor kurzem Ministrantin. Sie hat den Dienst sehr gemocht. Ich habe sie öfters zur Kirche gebracht, die ja gut zweieinhalb Kilometer von unserem Hof entfernt liegt.
Religiös zu sein, bedeutet für unsere Familie beispielsweise, dass wir jeden Abend, vor dem zu Bett gehen, mit den Kindern ein Abendgebet sprechen – eine Art Gebet an den Schutzengel.
Welchen Einfluss hat Ihr Glauben an Gott auf Sie?
Dettling: Ich glaube schon, dass der Glaube und Religion in den alltäglichen Beziehungen der Leute eine Rolle spielt. Für mich als Politiker ist Religion für den Umgang mit Menschen und als Landwirt mit Tieren eine Basis. Das Umweltdenken in der Landwirtschaft ist auch sehr langfristig angelegt.
«Ich bin, so gesehen, wohl eher ein Teamplayer als ein Einzelgänger in der Partei.»
Sie gelten als hilfsbereiter Mensch. Wie schlägt sich das in Ihrer Politik nieder?
Dettling: Ich drücke mich nicht vor der Arbeit. Wenn es beispielsweise einen Parteianlass zu organisieren gibt, bin ich meistens dabei. Ich bin, so gesehen, wohl eher ein Teamplayer als ein Einzelgänger in der Partei.
Ausländer und Migration sind das Leib- und Magenthema der SVP. Genauer gesagt: die grösstmögliche Begrenzung von Ausländern und Migration in die Schweiz. Warum ist die SVP so ausländerfeindlich – ohne Ausländer würde die Schweiz doch gar nicht mehr funktionieren?
«Wir haben nichts gegen Menschen, die zu uns kommen, einer geregelten Arbeit nachgehen, sich an unsere Kultur anpassen, unsere Sprache sprechen und die öffentliche Sicherheit nicht gefährden.»
Dettling: Da haben Sie die SVP falsch verstanden. Wir haben nichts gegen Menschen, die zu uns kommen, einer geregelten Arbeit nachgehen, sich an unsere Kultur anpassen, unsere Sprache sprechen und die öffentliche Ordnung und Sicherheit nicht gefährden.
Deshalb haben wir auch nichts gegen Zuwanderung, die für die Schweiz wichtig ist. Allerdings wollen wir die Zuwanderung von Ausländern selbst steuern. Ausserdem haben wir überhaupt kein Verständnis für kriminelle Ausländer, die nicht abgeschoben werden. Die mit Drogen handeln, die Frauen schlecht behandeln.
Also ist die SVP nicht ausländerfeindlich – trotz solcher Initiativen wie einst die stark umstrittene Masseneinwanderungsinitiative, die knapp angenommen wurde?
«Die SVP ist nicht ausländerfeindlich.»
Dettling: Nein, die SVP ist nicht ausländerfeindlich. Und was die Masseneinwanderungsinitiative angeht, ist diese immer noch nicht erfüllt. Weil das Parlament die Umsetzung der Initiative bis heute nicht gemacht hat. Es gibt beispielsweise immer mehr Schulen, an denen die Mehrheit der Schüler kaum noch Deutsch gesprochen wird – was den Unterricht und die Integration erschwert. Es ist die Menge der Zuwanderung, die wir besser in den Griff bekommen wollen.
In Deutschland protestieren derzeit Tausende in vielen Städten gegen die AfD und gegen Rechtsextremismus. Inwieweit unterscheidet sich denn die SVP inhaltlich von der AfD, Ihrer Meinung nach?
Dettling: Ich vergleiche die SVP nicht mit ausländischen Parteien – weder mit der AfD noch mit anderen Parteien in den Niederlanden und in Frankreich. Wir sind eine Volkspartei und kümmern uns einzig um die Politik in der Schweiz. Ich könnte auch keinen Vergleich ziehen über andere Parteien im Ausland. Dazu fehlt mir das Detailwissen. Es liegt mir deshalb fern, solche Vergleiche zu ziehen.
Ich werde auch manchmal zu Donald Trump in den USA gefragt: Das müssen die Amerikaner mit sich ausmachen, antworte ich dann. Die SVP als Partei pflegt keine Beziehungen zu ausländischen Parteien, auch wenn es einzelne Politiker gibt, die das vielleicht tun. Wir konzentrieren uns ganz auf unser Land.
«Ich finde es bedenklich, wenn Politiker, egal welcher Richtung, im Privatleben wegen ihrer politischen Meinung nicht in Sicherheit leben können.»
Apropos AfD. Eine prominente Politikerin der Partei wohnt ja gleich in ihrer Nachbarschaft. Hatten Sie schon mal die Gelegenheit, mit Alice Weidel in Einsiedeln zu plaudern?
Dettling: Nein, aber ich habe Frau Weidel und ihre Familie schon einmal gesehen, als ich als Parkeinweiser an der Hoch-Ybrig-Bergbahn arbeitete. Sie ist an einem schönen Tag mit ihrer Lebenspartnerin und ihren Kindern zum Skifahren gegangen.
Da dachte ich mir: Das muss sie wohl sein. In Einsiedeln fühlt sie sich offensichtlich wohler als vorher in Biel, wo ihre Kinder bedroht wurden. Ich finde es bedenklich, wenn Politiker, egal welcher Richtung, im Privatleben wegen ihrer politischen Meinung nicht in Sicherheit leben können. Das geht gar nicht.
«In dieser Frage wird sich die SVP um 0,0 Millimeter bewegen.»
Letzte Frage: Was sind Ihre Ziele, wenn Sie als neuer SVP-Präsident gewählt werden?
Dettling: Ich werde daraufhin wirken, dass unsere Schweiz auch in Zukunft ein freiheitliches Land bleibt. Diese Selbstbestimmtheit und Freiheit sind schliesslich auch die Basis unseres Wohlstands – das empfinden wir im Kanton Schwyz, wo der Bundesbrief von 1291 in einem Museum zu sehen ist, ganz besonders. Deshalb ist ein EU-Beitritt für die Schweiz aus unserer Sicht weiterhin völlig tabu, und die SVP wird sich in dieser Frage um 0,0 Millimeter bewegen.
Des Weiteren werden wir die Migration im Auge behalten, deren Zahlen in den letzten Jahren explodiert sind. Gleichzeitig werde ich natürlich versuchen, trotz meiner neuen Aufgabe auch weiterhin so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Zum Heuen im Sommer möchte ich auf jeden Fall zuhause sein.
*Marcel Dettling führt mit seiner Frau einen 28 Hektaren grossen Bauernhof mit 14 Kühen und 50 Schafen in Oberiberg SZ. Die drei Kinder Remo, Eliane und Julia sind zwischen acht und elf Jahre alt. Dettling hatte nach Landwirtschafts-Lehrjahren in Yverdon und Rapperswil die Landwirtschaftsschule in Pfäffikon SZ besucht. Während der Sessionen managt Ehefrau Priska den Hof, mit Unterstützung von Verwandten und Mitarbeitenden.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant