Christen müssen sich gegenüber ihrer Umwelt neu positionieren, wenn sie das Erbe des Christentums weitergeben wollen. Das findet Kardinal Marc Ouellet. Heute sei man sich nicht mehr einig, was das Wesen des Menschen ausmache. Für den Kardinal ist das die Gelegenheit, «die Koordinaten des Menschlichen auf der Grundlage der christlichen Offenbarung neu zu erläutern und im Dialog eine Anthropologie der Berufung anzubieten».
Barbara Ludwig
Das Zeitalter des Christentums sei vorbei, ist Kardinal Marc Ouellet überzeugt. «Eine neue Ära hat begonnen, in der Christen sich neu gegenüber ihrer Umwelt positionieren müssen, wenn sie das kulturelle und spirituelle Erbe des Christentums weitergeben wollen», schreibt der Kanadier in der theologischen Zeitschrift «Communio». Sein Beitrag mit dem Titel «Was ist der Mensch? Christliche Anthropologie im Zeitalter des Pluralismus" ist am 19. Januar erschienen.
«Ein Panorama kontrastierender Sichtweisen auf das Wesen des Menschen ist entstanden.»
Dem heutigen Umfeld sei das Christentum fremd. Es begegne ihm gleichgültig oder sogar feindselig, selbst in traditionell katholischen Ländern. Der Kardinal geht von einem «epochalen Wandel» aus, der sich vielleicht am markantesten in der Anthropologie zeige: «Religiöse Bezüge werden verdrängt, die Autorität der modernen Geisteswissenschaften wächst, ein Panorama kontrastierender Sichtweisen auf das Wesen des Menschen ist entstanden.»
Die Optionen schwankten zwischen einem von der körperlichen Verfassung losgelösten Spiritualismus und einem Materialismus, der alle transzendenten Bestrebungen auf technisch kontrollierbare biophysische Daten reduziert, schreibt der frühere Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation. «Die menschliche Identität ist zu einem Experimentierfeld geworden.»
Dinge, die einst unstrittig waren, stünden heute infrage. Etwa die Frage der sexuellen Identität, der Gleichberechtigung der Frau oder die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheide. «Nichts scheint im Reich des Homo Sapiens mehr selbstverständlich zu sein», stellt Marc Ouellet fest. Und fragt sich: «Stehen wir an der Schwelle zu einem qualitativen Sprung der menschlichen Spezies, an der Schwelle zu einer transhumanistischen Mutation?»
All dies scheine möglich, meint der Kardinal und ruft dann in Erinnerung, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen unter unmenschlichen Bedingungen lebe. Prioritär ist für ihn denn auch etwas anderes: «Zunächst sollte ein Minimum an Wohlstand für die gesamte Menschheit gewährleistet sein.»
Die «neue anthropologische Situation» verpflichte zum Dialog, zur Achtung der Vielfalt und zur Solidarität mit den Ärmsten und Schwächsten. Marc Ouellet ist überzeugt, dass sich die christliche Sicht auf den Menschen als Mann und Frau weiterhin in ihrer Originalität und Besonderheit darstellen lässt. «Die gegenwärtige Situation ist eine besondere Gelegenheit, die Koordinaten des Menschlichen auf der Grundlage der christlichen Offenbarung neu zu erläutern und im Dialog eine Anthropologie der Berufung anzubieten, die darin gründet, das Leben überhaupt als Berufung zu verstehen.»
Der Kardinal verweist auf ein Symposium, das Anfang März im Vatikan stattfinden wird, und sich genau damit befassen wird. Papst Franziskus werde teilnehmen sowie internationale Spezialisten verschiedener Disziplinen. Die Veranstaltung stehe im Geist des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (1905-1988), für den der Papst grosse Bewunderung hege. «Nur wenige zeitgenössische Theologen haben so intensiv an einer Theologie der Berufung gearbeitet», schreibt Marc Ouellet über den Mitbegründer von «Communio».
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