Simone Dollinger: «Für einen Neuanfang braucht es Vertrauen und Geduld»

In der neuen Folge des Podcasts «Laut + Leis» spricht die katholische Theologin Simone Dollinger über Abschied und Neuanfang. Die letzten neun Jahre hat sie zusammen mit ihrer Familie in Bolivien und Costa Rica verbracht und weiss, was es heisst, immer wieder neu anzufangen.

Sandra Leis

Den Entscheid haben Simone Dollinger und ihr Mann vor zehn Jahren gefällt: Sie waren bereit für einen Auslandeinsatz in Bolivien. «Der Auslöser war, dass wir als Paar schon länger überlegt haben, wo wir uns gemeinsam engagieren und etwas von dem zurückgeben können, was wir im Theologiestudium gelernt haben», sagt Simone Dollinger.

2001 studierte sie für ein Jahr an der Universidad Bíblica Latinoamericana (UBL) in Costa Rica und lernte dort auch ihren Mann kennen, der aus Guatemala stammt. Später zogen die beiden in die Schweiz, er doktorierte an der Uni Freiburg, und sie arbeitete im ökumenischen Kirchenzentrum Langendorf. 2010 kam Tochter Alma zur Welt, und dreieinhalb Jahre später ging’s auf nach Bolivien.

Orientierungslosigkeit am Anfang

Unterwegs waren sie im Auftrag der katholischen Bethlehem Mission Immensee (heute: Comundo). Doch mit der Partnerorganisation vor Ort in La Paz erwies sich die Zusammenarbeit als schwierig. «Die Organisation steckte in einer schweren Krise und hatte keine Zeit, sich um uns zu kümmern. Am Anfang hatten wir nichts: keine Wohnung und keinerlei Unterstützung bei alltäglichen Fragen.» 

Beruflich sei die Aufgabe auf ihren Mann als Dozenten zugeschnitten gewesen. Doch bei ihr sei noch unklar gewesen, welche Bereiche sie verantworten sollte. Und so packte sie dort an, wo sie gebraucht wurde. «Doch ständige Feuerwehrübungen sind nicht nachhaltig und auch nicht im Sinn solcher Einsätze.»

Dollinger spricht von einer anfänglichen Orientierungslosigkeit und auch von Zweifeln, die aufgekommen seien, weil es in der Partnerorganisation zu keiner Beruhigung gekommen sei. Schliesslich wechselten sie die Partnerorganisation, Arbeit und Leben kamen in Einklang, doch schon bald waren die vertraglich vereinbarten vier Jahre zu Ende.

Neuanfang in Costa Rica ganz anders

Eine Rückkehr in die Schweiz kam für Simone Dollinger und ihren Mann noch nicht in Frage. «Es war zu früh. Wir wussten, dass wir noch mehr geben konnten, und wünschten uns auch, dass unsere mittlerweile siebenjährige Tochter noch stärker in die lateinamerikanische Kultur eintauchen kann», sagt Dollinger.

Glückliche Fügungen machten es schliesslich möglich, dass sie und ihr Mann dort arbeiten konnten, wo sie sich kennengelernt hatten: an der Universidad Bíblica Latinoamericana (UBL) in San José. «Wir wurden sehr herzlich empfangen und umsichtig begleitet. Bereits nach zwei Wochen hatten wir eine eigene Wohnung und wussten, wo unsere Tochter zur Schule gehen wird», so Dollinger.

Im Auftrag von Mission 21

Mit dem Wechsel nach Costa Rica wechselten sie und ihr Mann auch die Schweizer Organisation: Neu waren sie im Auftrag der evangelischen Mission 21 unterwegs, die mit der UBL zusammenarbeitet. «Ich bin seit jeher ökumenisch unterwegs. Ausschlaggebend war für mich nicht primär die Organisation, sondern die Stelle, die mich sehr angesprochen hat», sagt Dollinger. 

Konkret: Sie arbeitete als Koordinatorin mit einem Büro in der UBL für die Projekte von Mission 21 in Costa Rica, Peru, Bolivien und Chile. 

Corona war hart

Alles war gut, und dann kam Corona. «Das war hart, denn wir mussten während zwei Jahren sehr zurückgezogen leben, und auch unsere Tochter hatte fast zwei Jahre lang nur Fernunterricht.» Als in Costa Rica die Corona-Massnahmen schliesslich aufgehoben wurden, ging es schon bald darum, Abschied zu nehmen und in die Schweiz zurückzukehren.

Der Rat einer Freundin

Glücklicherweise durften die Menschen in Costa Rica wieder reisen, und so konnte die Familie einen Rat einer Freundin umsetzen. Sie sagte: «Geht nochmals an einen Lieblingsort, so fällt euch der Abschied leichter, weil es den Ort und die Zeit dafür gab.» Das haben sie gemacht und reisten an die Karibik. «Das war wunderbar, denn so konnten wir Energie tanken für die anstrengende Zeit, die vor uns lag», sagt Dollinger.

Neben dem Abschiednehmen von liebgewonnenen Menschen gehe es auch darum, sämtliche Behördengänge zu absolvieren und allerlei aufzulösen – angefangen von der Wohnung bis zum Bankkonto. «Mir war es bei jedem Wechsel wichtig, auch das Administrative gut zu erledigen. Denn am neuen Ort beginnt ja alles wieder von vorne.»

Tipps der Expertin

Abschied und Neuanfang: Darin ist Simone Dollinger mittlerweile Expertin: Gerade wenn man diese Übergänge zusammen mit anderen mache, sei es wichtig, viel darüber zu reden. «Auch mit Kindern und Jugendlichen, damit sie Teil davon sind und mitbestimmen können, wie ein Abschied aussehen soll.»

Das gelte auch für einen Neuanfang: Man müsse eine gemeinsame Entscheidung treffen und dann dranbleiben, denn insbesondere die ersten drei Monate seien sehr anstrengend, bis sich allmählich eine neue Alltagsroutine einstelle. Und vor allem: «Für einen Neuanfang braucht es Vertrauen und Geduld.» Man sei nie allein bei diesen Neufängen. Es gebe immer auch andere Menschen, die man fragen könne. «Ich habe sehr viel gefragt am Anfang, weil man einfach nicht weiss, wie es funktioniert.»

Nun ist die Familie wieder zurück in der Schweiz: Gut möglich, dass hier Mann und Tochter mehr fragen müssen, weil sie die Schweiz weniger gut kennen als Simone Dollinger.


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