Zwischen Fondue und Weihnachtsguezli verbrachten die Kapuzinerbrüder in Olten ihr letztes gemeinsames Silvesterfest. Im April wird ihr Kloster aufgelöst. «Es geht ums Loslassen», sagt Bruder Werner Gallati. «Ich bin noch immer fröhlich», sagt Bruder Josef Bründler. Eigens angereist ist auch ein Mitbruder aus Indien, um das letzte Mal Zeit mit der «Familie» zu verbringen.
Jacqueline Straub
Der Christbaum im Refektorium, dem Speisesaal, im Kapuzinerkloster Olten leuchtet prächtig. Leise Weihnachtsmusik ist im Hintergrund zu hören, während die Kapuzinerbrüder ihren letzten Silvestertag in Olten verbringen. Es ist das letzte Silvesterfest der kleinen Familie – Ende April 2024 ziehen sie aus und werden in anderen Klöstern in der Schweiz unterkommen.
Das Kloster geht dann an den Kanton Solothurn über. Denn Bruder Werner Gallati ist mit seinen 78 Jahren der jüngste im Kloster – junger Nachwuchs fehlt. So haben sich die Kapuziner schweren Herzens entschlossen, ihr Kloster aufzugeben.
Und dennoch stossen die Kapuzinerbrüder auf das neue Jahr an – weil sie wissen, dass es gut kommen wird. «Ich bin noch immer fröhlich», sagt Bruder Josef Bründler (79). Ab dem 1. Januar 2024 ändert sich aber einiges für die Kapuziner. Sie sind nun nicht mehr seelsorgerlich im Pastoralraum tätig.
«Gestern hatte ich meine letzte Taufe. Das war meine letzte Amtshandlung in Olten», sagt Bruder Josef mit Tränen in den Augen. Die vergangenen Wochen war alles ein «letztes Mal»: ein letztes Mal Chilbi vor ihrer Klosterhaustüre, ein letztes Mal Weihnachtsmarkt in der Stadt, ein letztes Mal Gottesdienst im Pastoralraum. «Ich habe keinem gesagt, dass es mein letzter Gottesdienst war. Ganz bewusst nicht», sagt Bruder Josef Bründler.
Die «neue» Phase konnten die Mitbrüder bis jetzt gut «hinausschieben». Auch, wenn die Kapuziner nicht mehr in der Seelsorge in Olten anzutreffen sind, werden sie weiterhin Gottesdienste in ihrer Klosterkirche feiern und Essen an Arme ausgeben. Ende April werden sie dann offiziell von der Stadt Olten und von Regierungsrat Remo Ankli verabschiedet.
Bis dahin steht Räumen an. Im Januar werden sie mit Helferinnen und Helfern das Klosterinventar durchgehen, ausmisten und wegschmeissen und einen Teil im April bei einem Klosterflohmarkt verschenken. Nebenher laufen noch Gespräche mit dem Kanton Solothurn – auch, wie die Räumlichkeiten des Klosters künftig genutzt werden. «Das Loslassen ist schon eine Last für uns», sagt Bruder Josef Bründler. «Wir müssen es bewältigen», sagt er, aber er lässt sich davon nicht stressen.
Bruder Raymund Gallati lebt seit acht Jahren im Kapuzinerkloster Olten. Er hat vergessen, sein Hörgerät einzusetzen und kann sich an der Diskussion der Kapuziner nur bedingt beteiligen. «Wir sind alle alt und taub», sagt ein Mitbrüder lachend.
Bruder Werner Gallati, der den gleichen Nachnamen wir Bruder Raymund hat, ruft an den Tisch. Das Fondue ist fertig. Werner ist seit 47 Jahren in Olten, er ist von den sieben Mitbrüdern am längsten dort. «Es geht ums Loslassen. Ich gehe nicht gerne ins neue Jahr», sagt er. Sein halbes Leben hat er in Olten verbracht. Zuvor wirkte er in England und den Seychellen. Er hofft, dass er am neuen Ort eine ebenso herzliche Familie findet wie in Olten.
Beim Essen dabei ist auch Bruder Suhas Pereira. Er kommt aus Indien, aus der Nähe von Mumbai. Er hat bis 2019 für sechs Jahre im Kapuzinerkloster gelebt. Der 42-Jährige ist nun für ein letztes Mal nach Olten gereist, um drei Wochen mit seiner «Schweizer Familie» zu verbringen. Er ist traurig, dass das Kloster ausgegeben wird.
Am Dienstag nimmt er dann für immer Abschied von der Ära Kapuziner Olten, dann geht sein Flug zurück nach Indien. Auch, wenn er schon vier Jahre wieder in seiner Heimat ist, erhält er immer noch per Mail den Wochenplan. «Ich bin noch immer Teil, auch wenn ich Tausende von Kilometern entfernt lebe», sagt er und trägt nach dem Essen die Teller in die Küche.
«Wir haben ihn adoptiert», sagt Bruder Josef Bründler mit seinem strahlenden Gesicht, während er das gespülte Geschirr abtrocknet. «Ich bin froh, dass wir den Silvestergottesdienst mit der tamilischen Mission feiern. 2024 hat einen farbigen Beginn.» All die bunten Saris der Frauen und die vielen jungen Menschen machen ihm Freude. Er hofft, dass solche Anlässe auch weiterhin möglich sein werden.
Bruder Julius Tanner hat kein Problem mit dem Abschied. «Es war schön hier», sagt er und nimmt sich ein Weihnachtsguetzli aus der Metallbox. «Ich muss die Klosterauflösung annehmen. Man muss bereit und offen sein.»
Ein Mitbruder wirft ein, dass er glaubt, dass es auch Mitbrüder gibt, die traurig sind, es aber nicht sagen. Bei den gemeinsamen Essenszeiten verfalle aber keiner in Traurigkeit, sagt Bruder Josef Bründler. «Wir wollen die Zeit, die wir noch haben, nutzen.»
Die Brüder werden sich auch weiterhin sehen, «bei Pfingsttreffen der Kapuziner und bei Beerdigungen», sagt Bruder Peter Kraut. Er wird künftig im Kapuzinerkloster Schwyz leben – und freut sich darauf. In Olten hinterlässt er eine Bibliothek in «Top Zustand», wie Bruder Josef betont.
Über das Kofferpacken machen sich die sieben Mitbrüder aber noch keine Gedanken. «Nur einen Koffer», fragt Bruder Josef Bründler und lacht beherzt los. «Ein Koffer, das wäre schön. In den vergangenen 22 Jahren hat sich bei mir ganz schön viel angesammelt.» Das meiste wird er entsorgen – bis auf die vielen guten Momente, die er in Olten erlebt hat, die wird er an seinen neuen Wohn- und Wirkort Luzern mitnehmen.
Langsam verlassen die Mitbrüder den Saal, um ihren Aufgaben im Kloster nachzugehen. Noch sind die Lichter nicht ganz erloschen. Und die sieben Kapuziner werden auch weiterhin in anderen Teilen der Schweiz strahlen und wirken.
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