Irene Gassmann: «Gottes Zuwendung zu den Menschen, das ist Weihnachten»

Können wir Weihnachten feiern, wenn gleichzeitig Kriege toben und Ungerechtigkeit herrscht? Ja, findet Priorin Irene Gassmann. «Wir können es, weil Gott an uns denkt und nach uns schaut», sagte die Benediktinerin in ihrem Impuls zur Weihnachtsvigil am Sonntagabend im Kloster Fahr. Kath.ch publiziert den Impuls im Wortlaut.

Liebe Mitschwestern

Liebe Schwestern und Brüder

«Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?», so beten wir im Psalm 8. In einer anderen Übersetzung heisst es: «Was ist der Mensch, dass du nach ihm schaust?». Gott denkt an uns, mehr noch, er schaut nach uns. Gott sehnt sich nach dem Menschen. Er wird Mensch, um uns Menschen nahe zu sein. Diese Zuwendung Gottes feiern wir heute. Gottes Zuwendung zu den Menschen, das ist Weihnachten.

«Gott wird Mensch, um für die Menschen da zu sein.»

In diesen Tagen und Wochen fragen sich viele Menschen: Können wir, während an so vielen Orten in unserer Welt Kriege toben und Ungerechtigkeit herrscht, Weihnachten feiern? Ja, wir können es, weil Gott an uns denkt und nach uns schaut. Gott wird Mensch, um für die Menschen da zu sein, gerade auch für die Armen, die Unterdrückten und Notleidenden. Weihnachten ist immer und überall möglich, wo Menschen offen sind für Gottes Zuwendung.

Diese Sehnsucht Gottes nach dem Menschen durchzieht wie ein roter Faden die Lesungen, die wir heute Abend gehört haben.

Im Buch der Sprichwörter sagt die Weisheit Gottes am Beginn der Schöpfung: «Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.» (Spr 8,31). Ja, Gott liebt es, bei den Menschen zu sein. Es ist seine Freude, mit den Menschen in Beziehung zu sein. Er ist ein Gott der Beziehung.

«Gott bleibt treu, auch wenn sich der Mensch von ihm abwendet.»

Gott ist treu und er bleibt treu, auch wenn der Mensch sich von ihm abwendet. Das zeigt uns die Lesung aus dem Buch Genesis. Nachdem sich die ersten Menschen nicht an Gottes Weisungen hielten und vom Baum des Lebens kosteten, wandte sich Gott nicht ab vom Menschen. Im Gegenteil: «Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?» (Gen 3,9). Gott macht den ersten Schritt auf den Menschen zu. Er bleibt treu. In Jesus Christus wird Gott Mensch, um den Menschen menschlich nahe zu sein. Immanuel – Gott mit uns, so kündete es der Prophet Jesaja an.

Bei der Geburt Jesu waren die Umstände – aus menschlicher Perspektive gesehen – nicht optimal. Maria und Josef waren unterwegs, fern ihrer Heimat. In der Herberge gab es keinen Platz für diese Fremden. Maria gebar ihren Sohn in einem Stall und legte das Kind in eine Futterkrippe.

«Gott wählte für seine Menschwerdung keinen königlichen Palast.»

Gott wählte für seine Menschwerdung keinen königlichen Palast. Für ihn ist es überall möglich, Mensch zu werden. Auch draussen am Stadtrand, in Trümmern, im Elend.

Gott will auch heute Nacht geboren werden. Überall da, wo Menschen offen sind für seine Zuwendung, da kann Gott Mensch werden.

Karl Rahner hat dieses Geheimnis von Weihnachten in wunderbare Worte gefasst:

«Gott hat sein letztes, sein tiefstes Wort in die Welt hinein gesagt. Ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Und dieses Wort heisst: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch. Ich bin da, bin mit dir. Ich weine deine Tränen. Ich bin deine Freude. Ich bin in deiner Angst, denn ich habe sie mitgelitten. Ich bin in deiner Not. Ich bin da. Es ist Weihnachten. Zündet Kerzen an. Sie haben mehr recht als alle Finsternis. Es ist Weihnacht, die bleibt in Ewigkeit.»

Liebe Schwestern und Brüder

Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, dass du nach ihm schaust? Gott liebt jeden Menschen bedingungslos, das ist die Botschaft der Weihnacht. Wir Menschen sind dazu erschaffen, diese Botschaft aufzunehmen und weiterzutragen. Sodass dieser Zuspruch Gottes in der Welt nie verstummt: «Ich liebe dich, du Welt und du Mensch!»

Irene Gassmann bezog sich auf verschiedene Lesungen aus der Bibel: Spr. 8,22 / Gen 3,1-9 / Jes 7.10-14/ Mt 1,18-24 / Lk 2,1-14. Die Benediktinerin ist Priorin des Klosters Fahr in Würenlos AG.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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