Priester Martin Föhn zieht als Josef durch Basel: «Ohne die Esel hätten wir es nicht gemacht»

Ab Dienstag ziehen Mitarbeiter der römisch-katholischen Landeskirche Basel bereits das dritte Jahr kurz vor Weihnachten für drei Tage als Maria und Josef verkleidet mit zwei echten Eseln durch die Basler Innenstadt. Der Fachbereichsleiter für Erwachsenenbildung und Spiritualität, Martin Föhn, erklärt, warum Weihnachten mittels des Gedankens der Neuschöpfung auch ein Fest der Natur sein kann und warum es mehr Bewusstsein dafür braucht.

Boris Burkhardt

Herr Föhn, wie reagieren die Menschen, wenn Sie als Josef und Maria mit zwei Eseln durch Basels Innenstadt laufen?

Martin Föhn: Die Rückmeldungen auf der Strasse sind durchweg positiv. Solche grossen Tiere auf den Strassen in der Stadt sind ein ungewohnter Anblick. Die meisten Menschen sprechen sofort auf die Esel an und freuen sich, wenn sie sie streicheln können. Viele Ältere erinnern sich an ihre Kindheit, als es noch mehr Nutztiere in der Öffentlichkeit gab oder sie auf dem Land aufgewachsen sind. Menschen aus dem Orient, etwa aus Afghanistan oder Pakistan, haben einen besonderen Zugang zu den Eseln, die dort noch immer übliche Haustiere sind.

«Wenn wir Maria und Josef erwähnen, wird den meisten klar, dass es um die Weihnachtsgeschichte geht.»

Wissen die Menschen denn auf Anhieb, wen Sie darstellen?

Föhn: Das ist schwer zu sagen. Viele, die näherkommen, wissen es. Wir werden aber auch immer wieder gefragt, ob wir der Santiglaus sind. Wenn wir Maria und Josef erwähnen, wird den meisten klar, dass es um die Weihnachtsgeschichte geht. Das Passivwissen ist vorhanden. Wir müssen es zurück ins Bewusstsein holen; sonst vergessen es die Leute.

Verstehen auch Nicht-Christen, um was es geht?

Föhn: Viele Muslime sind interessiert. Mit einem älteren Herrn, der schon lange in der Schweiz wohnte, hatte ich einmal ein längeres Gespräch über Gott und die Welt. Er erzählte mir unter anderem, dass auch Muslime Jesus und Maria verehrten. Die christliche Weihnachtsgeschichte kannte er auch. Andererseits wussten Touristen aus China damit rein gar nichts anzufangen.

Haben Sie auf der Strasse überhaupt Zeit, den Menschen die Weihnachtsgeschichte zu erzählen?

Föhn: Lange Gespräche sind auf der Strasse natürlich selten möglich, alleine wegen der Esel: Am dritten Tag merken wir deutlich, dass sie ungeduldig werden. Aber mir ist es wichtig, dass wir den Menschen Weihnachten wieder als ein Geburtstag in Erinnerung rufen, als die Geburt Jesu Christi. Ich will Ihnen klarmachen, dass wir in einer Tradition stehen, in der es um mehr geht, als Geschenke zu kaufen. Dazu verteilen wir Postkarten, auf denen eine Kurzversion der Weihnachtsgeschichte auf Baseldeutsch zu lesen ist und wir mit der Frage «Welche Hoffnung trägst du in dir?» zum Innehalten anregen.

Hat sich das Konzept in den drei Jahren verändert? Was planen Sie dieses Jahr?

Föhn: Wir fügen jedes Jahr etwas Neues hinzu. Im ersten Jahr 2021 waren wir nur auf der Strasse unterwegs. 2022 besuchten wir zusätzlich am Nachmittag soziale Einrichtungen wie Altersheime, Kitas und die Gassenküche. Dieses Jahr besuchen wir unter anderem die Krippenspielprobe in Heilig Geist und das «Märlizelt» auf dem Münsterplatz, wo die Weihnachtsgeschichte durch uns als einzige mit echten Menschen dargestellt wird. Neu ist dieses Jahr auch, dass wir bei jedem Besuch Musik auf der Handorgel dabei haben werden, damit wir gemeinsam singen können.

Die römisch-katholische Landeskirche in Basel nimmt sich den Ruf, die Kirche müsse wieder zu den Menschen kommen, offensichtlich sehr zu Herzen. Schon mit dem Roten Sofa setzen Sie auf niederschwellige Begegnungen auf der Strasse. Betrachten Sie Sich mit Ihrem Konzept von Maria und Josef als Pioniere?

Föhn: Nein, als Pioniere nicht. Schon Franz von Assisi hat die Menschen auf der Strasse mit einer lebendigen Krippe angesprochen (lacht). Ich glaube aber, dass wir mit den Eseln im Stadtbild sehr beruhigend wirken, als etwas Anfassbares in der heutigen Digitalwelt. Es geht mir nicht darum, die Menschen zu überzeugen. Wir wollen zeigen, dass Maria und Josef normale Menschen waren. Die Esel sind da eine grosse Hilfe: Ohne sie ginge das Konzept nicht auf. Sie ziehen die Menschen an. Ohne Esel hätten wir das nicht gemacht.

Es handelt sich jedes Jahr um dieselben Esel?

Föhn: Ja, Paula und Angelo. Sie kommen trotz grossem Aufwand am Zoll jedes Jahr aus dem nahen Deutschland. Ihr Züchter Oliver Haury ist selbst sehr christlich; es ist ihm persönlich wichtig, die Begegnung mit Maria und Josef zu ermöglichen. Am 6. Dezember stellte er auch die Esel für den Santiglaus in der Offenen Elisabethenkirche und auf dem Barfüsserplatz hier in Basel.

Und was bedeutet diese Aktion für das Team im Fachbereich?

Föhn: Für das Team ist es ein schönes Ereignis, das gut funktioniert. Es ist für uns lustvoll, durch die Menschenmenge zu laufen. Wir wechseln die Darsteller jeden Tag, sodass jeder, der möchte, mal entsprechend Maria oder Josef spielen kann. Die anderen Mitglieder begleiten den Zug ohne Verkleidung und können so schnell auf die Fragen der Passanten reagieren.

Planen Sie eine ökumenische Zusammenarbeit?

Föhn: Im Moment nicht, das drängt sich nicht auf. Bisher gab es auch keine Anfragen anderer Konfessionen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine allgemein christliche.

«Ein Bub kam auf uns zu und machte uns darauf aufmerksam, dass hier keine Tiere erlaubt seien.»

Hatten Sie schon negative Reaktionen auf der Strasse?

Föhn: Ich erinnere mich an einen Hof, durch den wir mit den Eseln gehen wollten. Dort spielten ein paar Kinder von vielleicht sechs bis acht Jahren Ball. Ein Bub kam auf uns zu und machte uns darauf aufmerksam, dass hier keine Tiere erlaubt seien. Er beharrte so sehr darauf und hatte überhaupt kein Interesse, mit den Eseln Kontakt aufzunehmen. Ich hatte das Gefühl, er hat kein Bewusstsein für die Natur und die reale Welt. Diese Vermittlung von anderem Leben als Gottes Schöpfung finde ich extrem wichtig. Meine Kollegin Kerstin Rödiger spricht dabei von der «Theologie der Tiere»; aber ich bin kein Fan dieses Begriffes.

Wie definieren Sie dann die Vermittlung des christlichen Schöpfungsgedankens über Tiere?

Föhn: Ich gehe gerne vom Jesuswort aus, nach dem er uns das Leben in Fülle verspricht. Damit meint er den Kontakt mit allen Lebewesen. Dieses Bewusstsein ist im Angesicht der Klimakrise extrem wichtig geworden. Wir müssen uns bewusstmachen, wie abhängig wir von der Schöpfung sind und wie stark wie sie zugleich beeinflussen.

Und eine solche Feier der Schöpfung verbinden Sie mit einem Geburtstagsfest im Mittwinter?

Föhn: Gerade in dieser Zeit, wenn Licht und Leben am meisten fehlen! Weihnachten ist das Fest der Neuschöpfung, im Bewusstsein, dass Gott die Welt durchschritten hat. Jesus Christus ist das Leben. Seine Vorgehensweise ist ein Vorbild für uns. Seine Art zu denken und zu leben soll unsere werden. Er hat die Menschen geheilt, weil er sie «gesehen», also bewusst wahrgenommen hat. Auch für uns bedeutet deshalb die Wahrnehmung und Verbundenheit mit der Schöpfung Heilung. Dann können wir anerkennen, dass wir in der Tiefe Kinder Gottes sind und in Gott aufgehoben und verbunden sind.

«Auf der Strasse hören die Menschen nicht so lange zu.»

Das haben Sie jetzt aber eben der Gemeinde auf der Kanzel gesagt, nicht den Menschen auf der Strassen.

Föhn: (lacht) Ja, auf der Strasse hören die Menschen nicht so lange zu. Da brauchen sie handfeste Dinge.

Martin Föhn (41) ist in der Römisch-katholischen Landeskirche Basel verantwortlich für den Fachbereich Bildung und Spiritualität. Der Jesuitenpater ist im Muothatal auf einem Bauernhof aufgewachsen. Dem Jesuiten-Orden trat er 2010 bei. Das Projekt «Maria und Josef unterwegs in Basel» verantwortet Föhn gemeinsam mit der Spitalseelsorgerin Kerstin Rödiger, die sich als Reiterin ebenfalls regelmässig mit Tieren beschäftigt.


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