LGF und Chur: Besser zu viel kommunizieren als zu wenig

Vertuschung oder Vorverurteilung: Bei der Kommunikation von Verdachtsfällen können die Bistümer nur falsch handeln. Es ist ein Dilemma, um welches die Bischöfe nicht zu beneiden sind. Unter dem Strich gilt aber: Lieber frühzeitig als zu spät mit Informationen an die Öffentlichkeit treten.

Annalena Müller

Die Bischöfe stecken in einer Zwickmühle. Wird ihnen ein Missbrauchsverdacht gemeldet und kommunizieren sie nicht, heisst es: Vertuschung. Wenn sie zu früh kommunizieren, heisst es: Vorverurteilung. Was sie auch tun, es ist falsch.

Proaktive Kommunikation

Zwei Schweizer Bischöfe befinden sich aktuell in diesem Dilemma: Joseph Maria Bonnemain im Fall «Andreas» und Charles Morerod im Fall des verstorbenen Bischof Bernard Genoud. Beide Bischöfe haben sich für eine proaktive Kommunikation entschieden.

In Chur versetzt Bischof Joseph Maria Bonnemain am 2. Dezember einen Priester in den Ausstand. Das Bistum informiert darüber in einer Medienmitteilung. Dass der Priester im Bistum kein Unbekannter und die Medien an dem Fall dran waren, mag zur raschen Kommunikation des Bistums beigetragen haben.

Eine Woche später lädt das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg zu einer Pressekonferenz. Dort berichtet Bischof Charles Morerod von den Vorwürfen einer Frau gegen seinen Vorgänger Bernard Genoud (1942-2010). Genoud soll die Frau als Schülerin sexuell missbraucht haben. Das Bistum muss damit rechnen, dass die Medien den Fall früher oder später aufdecken würden.

Besser zu viel als zu wenig

Die Zwickmühle: In beiden Verdachtsfällen steht die Untersuchung noch aus. Bischof Charles Morerod fasst die Situation zusammen: «Bernard Genoud ist nicht mehr hier, um sich zu erklären. Aber es ist die Aufgabe der Kirche, das Leiden der Opfer nicht unbeantwortet zu lassen.»

Trotz aller berechtigten Bedenken: Das kommunikative Vorgehen der Bistümer ist korrekt. In der Missbrauchskrise gibt es keine Schablonenlösungen, sondern es braucht flexible Einzelfallentscheide.

Weder ist zu erwarten – noch zu wünschen – dass die Bistümer jeden Verdachtsfall direkt an die Öffentlichkeit kommunizieren. Bei jeder Meldung müssen die Verantwortlichen abwägen zwischen Persönlichkeitsschutz, öffentlichem Interesse und der Vertrauensarbeit, welche die Bischöfe leisten müssen. Es ist eine schwierige Situation, bei der unter dem Strich gilt: Besser zu viel kommunizieren als zu wenig.


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