Der verstorbene Bischof Bernard Genoud war ein Freund von Charles Morerod, dem jetzigen Bischof von LGF. Er hätte nie gedacht, dass sein Vorgänger zu sexuellem Missbrauch fähig sein würde. «Er hat mir erklärt, warum das Zölibat einen Sinn hat», sagt Bischof Morerod. Im Interview spricht er auch über seine Operation. Die Ärztin war sich sicher, dass er sterben werde. Nun fragt er sich: «Warum lebe ich eigentlich noch?»
Wolfgang Holz
Herr Bischof, wie schockiert waren Sie über diesen Missbrauchsfall von Bischof Bernard Genoud, als Sie davon erfahren haben?
Bischof Charles Morerod*: Ich hätte das nie gedacht. Nie. Er war auch ein Freund für mich. Ich habe auch immer gedacht, dass er eine grosse Rolle für meine Berufung spielte. Er hat mir auch schön erklärt, warum das Zölibat einen Sinn hat – für die Beziehung mit Gott.
«Man sollte keine Angst vor den jungen Frauen haben.»
Also, war Bischof Genoud im Prinzip ein Menschenfreund?
Bischof Morerod: Ja, jaja. Er war mein Lehrer am Gymnasium. Ich habe auch gesehen, dass er eine einfache Beziehung zu jungen Frauen hatte. Ich fand das gut, warum sollten sie nicht auch das Recht haben, mit einem Priester sprechen zu können. Man sollte keine Angst vor den jungen Frauen haben. Aber das so etwas geschehen würde, hätte ich nie gedacht. Das ist nicht nur eine Sache der Sexualität für einen Priester, das ist auch eine Frage des Opfers, das von der Tatsache spricht, dass es ein Opfer war. Sie war eine junge Frau, wahrscheinlich 19 Jahre alt. Es war eine schwierige Befreiung für sie, darüber zu sprechen.
Ein Bischof hat sexuellen Missbrauch verübt. Ist das sozusagen der worst-case in all dem, was man bis jetzt über sexuellen Missbrauch von Klerikern erfahren hat?
Bischof Morerod: Jedes Missbrauchsopfer ist schlimm. Das Problem ist, dass nicht alle Opfer gleich reagieren. Die meisten leiden unter dem Missbrauch jeden Tag, bis ans Ende ihres Lebens. Andere vergessen diese furchtbare Vergangenheit lange, die sie erlebt haben. Und dann kommt es nach Jahren zurück. Andere wiederum haben jede Nacht Alpträume. Im Fall der jungen Frau ist es so gewesen, dass sie fast gestorben ist aufgrund der Last, die sie an dem Missbrauch zu tragen hatte.
«Es war ganz unwahrscheinlich, dass ich überleben würde.»
Noch eine persönliche Frage: Wie geht es Ihnen eigentlich gesundheitlich, Herr Bischof, nach ihrer schweren Operation?
Bischof Morerod: Gesundheit eigentlich besser – das sind hier meine Löcher (lächelt und zeigt auf seine Operationsnarben am Kopf). Es geht mir mehr oder weniger gut. Vor allem war es ganz unwahrscheinlich, dass ich überleben würde.
Ehrlich?
Bischof Morerod: Ja, ja. Wirklich. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben war sehr klein. Also, ich lebe noch…
«Und sehr oft haben mir die Leute gesagt: Bleiben Sie, wir brauchen Sie.»
Ist das jetzt für Sie auch eine Art von Wiedergeburt?
Bischof Morerod: Ja, schon. Ich muss Dinge erledigen. Ich frage mich: Warum lebe ich eigentlich noch? Eine Ärztin hat mich neulich auf der Strasse angesprochen und sagte mir, dass sie mich damals vor der Operation in der «Tagesschau» gesehen habe: mit schiefem Blick in die Kamera. Sie war damals überzeugt gewesen, dass ich es nach der Tagesschau nicht wieder nach Freiburg zurück schaffen würde. Dass ich nicht überleben würde. Jetzt geht es ziemlich gut. Ich konnte vor der Operation nicht mehr gehen.
Und wie lange wollen Sie jetzt noch Bischof bleiben?
Bischof Morerod: Ich habe dem Nuntius gesagt, es wäre im Grunde besser, weniger lang im Amt zu bleiben. Ich bin sehr überrascht von den Briefen, die ich in den letzten Monaten erhalten habe. Es waren Hunderte. Und sehr oft haben mir die Leute gesagt: Bleiben Sie, wir brauchen Sie. Das hätte ich nicht gedacht. Denn als ich im Spital war, war ich mir nicht sicher, dass ich noch leben wollte.
*Charles Morerod ist seit 2011 Bischof des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg (LGF). Von 1999 bis 2010 war Bernard Genoud Diözesanbischof von LGF.
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