Neun Chorherren der Abtei Saint-Maurice im Wallis wird sexueller Missbrauch oder Pädokriminalität vorgeworfen. Im Kloster Einsiedeln wurde vor 12 Jahren ebenfalls bekannt, dass über Jahrzehnte insgesamt 15 Mönche sexuelle Übergriffe begingen. Damals hatte der Einsiedler Abt Martin Werlen aus eigener Initiative eine externe Untersuchung angeordnet. Wie sieht er die Situation heute?
Wolfgang Holz
Propst Martin, haben Sie jüngst die RTS-Fernseh-Dokumentation über die Missbrauchsvorwürfe gegenüber neun Augustiner-Chorherren im Kloster St. Maurice im Wallis gesehen? Was sagen Sie dazu?
Propst Martin Werlen*: Ich lebe seit drei Jahren in Österreich und bin nicht mehr unmittelbar auf dem Laufenden, was in der Schweiz los ist. Die Fernseh-Dokumentation habe ich dank Ihrer Anfrage kennengelernt und in der Folge angeschaut. Tatsächlich: Da verschlägt es einem fast die Sprache. Viele Menschen haben offensichtlich noch nicht verstanden, worum es geht – oder wollen nicht verstehen. Das zeigt auch der Artikel «Verteidigung der katholischen Kirche» in einer Zeitschrift, die Woche für Woche die Welt zu erklären versucht.
Haben Sie die Ergebnisse überrascht? Abt Jean César Scarcella vom Kloster St. Maurice musste ja bereits einen Tag nach Veröffentlichung der schweizerischen Missbrauchsstudie der Universität Zürich sein Amt ruhen lassen, weil er ebenfalls beschuldigt wird.
Werlen: Die Ergebnisse überraschen mich leider nicht. Was jetzt gefordert ist: Offene Kommunikation nach innen und nach aussen. Das soll nach Ankündigung morgen in der Kapitelsversammlung der Gemeinschaft in Saint-Maurice geschehen. Dies ist die Voraussetzung für Aufarbeitung, Kontakt mit den Opfern und Prävention.
«Das war wohl das Wichtigste, was ich in meiner Amtszeit getan habe.»
Das Kloster Einsiedeln hat in Sachen Missbrauchsaufarbeitung vorbildlich gehandelt und auf Ihre Initiative hin schon 2011 untersuchen lassen, in welchem Umfang es zu sexuellem Missbrauch im Kloster Einsiedeln gekommen ist. Wie haben Sie damals als Abt persönlich diese Untersuchung erlebt?
Werlen: Die Aufarbeitung durch eine externe Untersuchungskommission verdanken wir Daniela Lager, die mich am 19. März 2010 in der Sendung 10vor10 live gefragt hat, ob ich mir in Einsiedeln eine externe Untersuchungskommission vorstellen könnte. Ich antwortete sinngemäss: Für das Kloster Einsiedeln: Ja, für die Bischofskonferenz kann ich hier nicht sprechen. Das war wohl das Wichtigste, was ich in meiner Amtszeit getan habe.
«Die meisten Mitbrüder haben die Untersuchung mit bestem Wissen und Gewissen mitgetragen.»
Gab es damals grosse Widerstände unter den Einsiedler Mönchen angesichts dieser Untersuchung?
Werlen: Die meisten Mitbrüder haben die Untersuchung mit bestem Wissen und Gewissen mitgetragen. Andere fanden das als überflüssig. Wenige sperrten von teilweise bis ganz.
Welche Bedeutung hat die damalige Untersuchung im Kloster Einsiedeln aus Ihrer Sicht heute – gerade nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im September?
Werlen: Bereits vorher haben wir Missbrauch in unserer Gemeinschaft immer wieder thematisiert und auch Fachleute dazu eingeladen. Es war mir ein grosses Anliegen, das grosse Problem nicht einfach mit dem Klischee Einzelfall beiseite zu schieben, sondern das Systemische zu entdecken.
Wie meinen Sie das?
Werlen: Das Systemische zu entdecken geht nur, wenn man nicht theoretisch über Missbrauch spricht, sondern miteinander konkrete Fälle anschaut, und wie damit umgegangen wurde. Hier war der systemische Widerstand am Grössten.
«Die damalige Untersuchung war ein weiterer wichtiger Schritt – vor allem für die Opfer.»
Die damalige Untersuchung war ein weiterer wichtiger Schritt – vor allem für die Opfer. Für die Gemeinschaft besonders im Hinblick auf die Prävention. Niemand konnte nach aussen hin mehr so tun, als ob es das Problem bei uns nicht geben würde. Wir müssen daran arbeiten.
1998 hat das Kloster Einsiedeln Richtlinien gegen sexuellen Missbrauch erlassen. Wie haben diese Richtlinien konkret ausgesehen? Können Sie Beispiele geben?
Werlen: Ich habe die Richtlinien hier in Österreich nicht zur Verfügung. Entstanden sind sie im Auftrag von Abt Georg Holzherr in Zusammenarbeit mit einem Juristen, einer Psychologin, einem Mitbruder in der Seelsorge und mir. Diese Richtlinien dienten 2002 als Grundlage für die Richtlinien, die das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe» für die Schweizer Bischofskonferenz erarbeitete.
Seither wurde intensiv daran weitergearbeitet. Vor kurzem fand der diesjährige Weiterbildungstag unserer Klostergemeinschaft mit dem Thema «Nähe und Distanz» statt, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte. Der Referent hatte zu diesem Thema zuvor mehrere Tage mit den Jungen in benediktinischen Klöstern gearbeitet – und sie haben ihn für die gesamte Gemeinschaft vorgeschlagen.
*Martin Werlen war von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Seit 2020 ist er Propst der Propstei St. Gerold in Vorarlberg. Das Interview wurde schriftlich geführt.
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