Nach altem Brauch landet am 11. November ein Gänsebraten auf dem Esstisch. Die grosse Zeit dieser sogenannten Martingans mag vorbei sein. Doch die Aktualität der Geschichte hinter diesem Brauch macht nachdenklich. Ein Aufruf an die Bischöfe, persönliche Konsequenzen zu ziehen.
Claus Noppeney*
Demnach wollte der bescheidene Martin das hohe Amt des Bischofs von Tour nicht annehmen. Um den bedrängenden Anfragen aus dem einfachen Volk zu entgehen, versteckte sich Martin in einem Gänsestall.
Aber das Schnattern der Gänse verriet seinen Aufenthaltsort: Die Gläubigen finden Martin und geleiten ihn zur Bischofsweihe auf den Bischofsstuhl. Martins Leben und Wirken begründet schon bald nach seinem Tod im Jahr 397 seinen Ruf der Heiligkeit.
Mit anderen Worten: Martin wird durch das Vertrauen des Kirchenvolkes als Bischof auserwählt. In den Legenden erfahren wir nichts von einem Domkapitel oder einer synodalen Anstellungsvorbereitungskommission.
Die katholische Kirche ist nicht demokratisch verfasst. Aber eine Idee von Volkssouveränität klingt in der Martinslegende deutlich an und kann durchaus auf die aktuelle Kirchenkrise bezogen werden: Denn wer kann sich heute vorstellen, einen der amtierenden Bischöfe in einem Versteck aufzustöbern, um ihn auf den Bischofsstuhl zu geleiten?
«Ein bischöflicher Dienst auf den Spuren des Heiligen Martins sieht anders aus!»
Die amtierenden Bischöfe mögen sich weiter auf ihre kirchenrechtlichen Vollmachten abstützen können. Die Bischöfe werden auch weiterhin ihre Gehälter von den Kantonen erhalten. Kirchliche Mitarbeitende werden weiter ihren Job irgendwie erledigen. Denn viele stecken in unterschiedlichen Abhängigkeiten. Kirchliche Grundfunktionen mögen so aufrechterhalten werden können. Aber ein bischöflicher Dienst auf den Spuren des Heiligen Martins sieht anders aus!
Das Volk kann seinem Bischof die Pontifikalien nicht nehmen. Doch es kann – wie in dieser Woche in Luzern – die roten Karten als Stimmzettel in die Kamera halten. Ohne das Vertrauen des Volkes kann kein Bischof in seinem Hirtendienst wirksam werden.
Ich danke den Schweizer Bischöfen, wenn sie den Martinstag nutzen, um angesichts ihrer allenfalls eigenen persönlichen Beteiligung an Missbrauch, Vertuschung und verschleppter Aufarbeitung persönliche Konsequenzen zu ziehen.
*Claus Noppeney lehrt und forscht zu Innovation und Unternehmertum an der Berner Fachhochschule und lebt mit seiner Familie in Bern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/der-heilige-martin-und-die-kirchenkrise/