kath.ch hat die Ergebnisse der sogenannten «Widmer-Studie» veröffentlicht. Sie zeigt: Die Zürcher Landeskirchen haben massiv an Bedeutung verloren. Daher seien die kantonalen Finanzleistungen von jährlich 50 Millionen Franken neu zu diskutieren. Landeskirchen und Kanton nehmen Stellung.
Annalena Müller
Die Kommunikationsbeauftragte Stefanie Keller hält fest: «Die anerkannten Religionsgemeinschaften erbringen wichtige Leistungen für die gesamte Gesellschaft». Keller unterstreicht, dass der Kanton Zürich diese auch künftig unterstützen wird. Die beiden Landeskirchen nehmen gemeinsam Stellung. Den in der Studie konstatierten Bedeutungsverlust räumen sie grundsätzlich ein. Die Kritik der Studie an den Kirchen während der Corona-Pandemie bezeichnen sie als «einseitig».
Die Studie «Kirchliche Tätigkeiten mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung im Kanton Zürich» wurde vom Kanton Zürich den beiden Landeskirchen in Auftrag gegeben. Das intern «Widmer-Studie» genannte Papier zeichnet ein durchwachsenes Bild. Einerseits bestätigt die Studie, dass die Landeskirchen gesamtgesellschaftlich wichtige Leistungen erbringen. Gleichzeitig hätten sie in den letzten sechs Jahren deutlich an gesellschaftlicher Bedeutung verloren. Deswegen sei die Höhe der finanziellen Leistungen, die der Kanton den Landeskirchen zahlt, künftig neu zu diskutieren.
Auf Anfrage von kath.ch äussert sich die zuständige Kommunikationsbeauftragte des Kantons zu den Ergebnissen der Studie. «Die Studienergebnisse und die Haltungen der drei Auftraggebenden werden in die Erarbeitung dieser Tätigkeitsprogramme einfliessen, die gegenwärtig von den anerkannten Religionsgemeinschaften erstellt werden. Aussagen zu möglichen Konsequenzen der Studie für die Tätigkeitsprogramme und den Antrag für den Rahmenkredit zu den Kostenbeiträgen an diese Programme sind daher derzeit noch nicht möglich.»
Für die katholische Körperschaft äussert sich Simon Spengler und für die reformierte Landeskirche Nicolas Mori. In einer gemeinsamen Stellungnahme räumen sie den Bedeutungsverlust der Kirchen «grundsätzlich» ein und halten fest: Dies «muss den Kirchen mittel- und langfristig zu denken geben». Gleiches gilt für die Beobachtung, dass die «jüngeren Kohorten bis 45» immer weniger erreicht werden.
Kritisch äussern sich Mori und Spengler zur Einschätzung, dass die Kirchen während der Corona-Pandemie versagt hätten: «Diese Beurteilung ist einseitig und verkennt die Realität in den Kirchgemeinden während der Pandemie. Die Vorschriften des BAG wechselten in kurzer Frist und forderten von den Gemeinden eine enorme Flexibilität, um wenigstens einen Teil ihrer Angebote aufrechterhalten zu können.»
Die «Widmer-Studie» berücksichtige die enormen Herausforderungen, welche die Kirchen zu bewältigen hatten, allein um «Abdankungen und Begräbnisse» ermöglichen zu können, zu wenig. Ausserdem verweisen Mori und Spengler auf die zahlreichen Angebote der Kirchen während der Pandemie, inklusive «Mahlzeiten-Service nach Hause» und verschiedenen digitalen Angebote und Telefonseesorge der Hilfswerke HEKS und Caritas Zürich.
Spengler und Mori geben sich aber auch selbstkritisch: «Rückblickend müssen sich die Kirchen vielleicht hinterfragen, ob sie sich energisch genug für die unter der langen Isolation leidenden Menschen in Heimen und Kliniken eingesetzt hat und stattdessen zu stark mit sich selbst beschäftigt waren.»
Weder der Kanton noch die beiden Landeskirchen sehen zum jetzigen Zeitpunkt eine Reduktion des Finanzrahmens angebracht. «Ob und wie weit die Studienergebnisse in die Tätigkeitsprogramme einfliessen, wird Ende des 1. Quartals 2024 ersichtlich, wenn die Tätigkeitsprogramme der Direktion der Justiz und des Innern eingereicht werden», schreibt Keller.
Und auch die Landeskirchen beruhigen: «Bedeutungsverlust gibt es nicht in dem Ausmass, wie ihn die Studie insinuiert. Für eine Änderung der guten Zusammenarbeit mit dem Kanton besteht kein Anlass», schreiben Mori und Spengler.
«Aus unserer Sicht geben die Studienergebnisse keinen Anlass für eine Reduktion. Sollte sich der Schrumpfungsprozess der Kirchen weiter im gleichen Ausmass fortsetzen, muss sich der Staat natürlich Gedanken darüber machen, wie die heute von den Kirchen erbrachten Leistungen künftig sichergestellt werden können. Aber diese Frage stellt sich aus unserer Sicht nicht für 2026, sondern in einer viel längeren Perspektive.»
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