Hella Sodies: «Auch in den Kirchenkaffees kommt das Thema Missbrauch auf den Tisch»

Die katholische Kirche wird seit der Publikation der Pilotstudie zum Missbrauch durchgeschüttelt. Wie gehen Pfarreien damit um? In Greifensee ist die Thematik sehr präsent. Co-Pfarreileiterin Hella Sodies ist wichtig, das Thema zu bearbeiten und den Wandel «jeden Tag selbst zu leben».

Barbara Ludwig

Hella Sodies ist Co-Leiterin der Pfarrei Johannes XXIII. in Greifensee-Nänikon-Werrikon im Kanton Zürich. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Missbrauch begann unmittelbar nach der Publikation der Pilotstudie am 12. September.

Sie habe die Studie und die ganze Situation in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zum Eidgenössischen Buss- und Bettag vom 17. September gestellt und auch dazu gepredigt, teilt Hella Sodies auf Anfrage von kath.ch mit. Diesen Gottesdienst habe man gemeinsam mit der Pfarrei Bruder Klaus in Volketswil ZH gefeiert.

Keine moralischen Erwartungen an Missbrauchsopfer

In ihrer Predigt plädierte die Theologin mit Blick auf das Evangelium des Tages dafür, keine moralischen Erwartungen an Missbrauchsopfer zu stellen und von ihnen keine Vergebung zu erwarten. «Machen wir nicht den Fehler, den Opfern von Missbrauch oder anderen Menschen, die Unrecht erfahren haben, dieses Reich-Gottes-Gleichnis überzustülpen», mahnte sie gemäss dem Predigttext, der kath.ch vorliegt. «Nein, man oder frau muss gar nichts in einem solch persönlichen und hochsensiblen Bereich.» Mit moralischen Erwartungen komme man schnell in den Bereich des spirituellen Missbrauchs.

Seither habe es wohl keinen Sonntagsgottesdienst und auch kaum einen Werktagsgottesdienst gegeben, in dem die Situation in der katholischen Kirche nicht in irgendeiner Form mindestens kurz zur Sprache kam und mit in die Liturgie hineingenommen wurde, meint Hella Sodies. Alle ihre Kolleginnen und Kollegen seien beim Feiern von Gottesdiensten darauf eingegangen.

Besuch von Anlässen

Die Pfarrei hat zudem zum gemeinsamen Besuch von zwei Anlässen an der Zürcher Paulus-Akademie eingeladen. Bei dem einen handelte es sich um die Podiumsdiskussion vom 25. September, an der sich auch der Churer Bischof Joseph Bonnemain und die Missbrauchsbetroffene Vreni Peterer beteiligten. Eine weitere Veranstaltung über Kirchenrecht und Macht fand am Mittwoch, 18. Oktober, statt. Auch dieser Anlass sei von Personen aus Greifensee besucht worden.

Auch Pfarreiangehörige sprechen es an

Die Co-Pfarreileiterin geht im Übrigen davon aus, dass die Studie, deren Konsequenzen und die mediale Berichterstattung seither breit diskutiert werden: in allen Team-, Pfarreirats- und Arbeitsgruppen-Sitzungen – in den Traktanden oder im informellen Rahmen.

«Auch in den Kirchenkaffees nach den Sonntags- und Werktagsgottesdiensten kommt das Thema immer wieder auf den Tisch», stellt sie fest. Es werde sowohl vom Seelsorgeteam als auch von Pfarreiangehörigen eingebracht – auch auf der Strasse und in Seelsorgegesprächen. «Die Thematik ist also sehr präsent. Uns im Team ist es wichtig, dass sie nicht einfach so schnell wieder unter den Tisch gekehrt wird, bis in drei Jahren die Folgestudie erscheint.»

Austausch ermöglichen

Die Theologin betont, man wolle den Pfarreiangehörigen Gesprächsräume öffnen und Austausch ermöglichen. Es sei wichtig, dass «die Kirche und wir als ihre Mitglieder uns dem Thema stellen, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als wenn so viel ‹bad news› (schlechte Nachrichten, die Red.) uns eher schaden würden».

Gleichzeitig wolle das Seelsorgeteam das Bewusstsein dafür schaffen, dass man den Wandel, «den wir vor Ort bereits leben», auch von «oben» fordere. Hella Sodies verweist in diesem Zusammenhang auf einen offenen Brief der Kirchgemeinde Uster. Darin wird die Kirche in der Schweiz aufgefordert, in Rom strukturelle Reformen zu verlangen.

Die Pfarrei Johannes XXIII. hat vor, das Thema Missbrauch an der Jahresversammlung im November zur Sprache zu bringen. Dort wolle man erörtern, ob es ein Bedürfnis nach einer eigenen thematischen Veranstaltung vor Ort gebe, so Hella Sodies.

Im Gespräch bleiben

Noch wichtiger scheine ihr zurzeit, mit den Menschen und untereinander im Gespräch zu bleiben. Und nun vor dem Hintergrund der Studie die eigene Arbeit und die Strukturen vor Ort immer wieder «konstruktiv-kritisch» zu hinterfragen. Wichtig sei, den Wandel, den man sich für die ganze Kirche wünsche, «jeden Tag selbst zu leben und nicht nur in irgendeiner Form darüber zu sprechen».


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