Der Vatikan hat am Donnerstag das Apostolische Schreiben «Laudate Deum» präsentiert. Bei der Vorstellung des neuen Umwelt-Appells war Luisa Neubauer (27) auf dem Podium. «Dass auch der Papst in so einer Deutlichkeit und Klarheit laut wird, finde ich sehr hoffnungsvoll», sagt die deutsche Klimaaktivistin gegenüber kath.ch.
Charles Martig
Sie sind hier in den Vatikanischen Gärten bei der Präsentation von «Laudate Deum». Warum ist Ihnen das wichtig?
Luisa Neubauer*: Wir sind verzweifelt auf der Suche nach Institutionen, die laut werden und deutlich machen, dass wir das kleine Möglichkeitsfenster zu verpassen drohen. Es geht um die letzte Chance, in Sachen Klimawandel wirklich etwas zu verändern.
Die katholische Kirche ist eine solche Partnerin?
Neubauer: Der Papst hat gewarnt und appelliert. Das ist wichtig. «Laudate Deum» ist in meinen Augen ein sehr bedeutsames Zeichen.
Sie waren heute auch bei Papst Franziskus im persönlichen Gespräch. Was haben Sie daraus mitgenommen?
Neubauer: Gerade findet die Synode nebenan statt. Und trotzdem hat sich der Papst Zeit genommen. Im Gespräch hat er deutlich gemacht, wie sehr er hinter uns Aktivistinnen steht und unsere Arbeit würdigt.
Sie haben an der Präsentation der neuen Enzyklika «Laudate Deum» gesagt, dass Ihnen die Kriminalisierung der Aktivistinnen grosse Sorge bereitet. Worin besteht diese Sorge?
Neubauer: Meine Sorge besteht darin, dass selbstverständlich erklärt wird, dass man eine Zivilgesellschaft braucht, die sich frei und mündig gegen Klima-Ungerechtigkeit stellen kann. Aber gleichzeitig wird zugesehen, dass diese Zivilgesellschaft massive Repressionen erlebt. Das ist mittlerweile in jedem Land der Welt so. Wir erleben das in verschärfter Form in Vietnam oder Kolumbien. Dort ist es lebensbedrohlich, Klimaaktivistin zu sein. Aber auch in Deutschland gibt es mittlerweile bis zu 30 Tage Präventivhaft für Klimaaktivisten. Mittlerweile geschieht ähnliches auch in der Schweiz und in Österreich. Hier werden Antiterror-Gesetze gegen Klimaaktivisten eingesetzt, und das muss uns alle besorgen.
Was erwarten Sie von der katholischen Kirche?
Neubauer: Der Papst hat vorgelegt. Jetzt schaue ich auf die katholische Kirche weltweit und erwarte gerade von Kirchen an privilegierten Orten, dass sie nachlegen. Das heisst zum Beispiel Desinvestition bei fossilen Brennstoffen. Das ist bisher nicht im notwendigen Ausmass passiert. Jetzt wäre der richtige Moment.
Der Papst sieht die ökologische Krise auch als eine spirituelle Krise. Sehen Sie das auch so?
Neubauer: Ja, da stimme ich ihm sehr wohl zu. Lange haben wir in der Klimakrise ignoriert, dass es nicht darum geht, hier und da ein wenig zu reduzieren. Es stehen grundsätzliche Fragen im Raum: Wonach sehnen wir uns, wenn wir den fossilen Konsum hinter uns lassen? Wie sieht ein gutes Leben aus? Wie sieht eine Welt aus, in der wir uns gegenseitig nicht fortlaufend ausbeuten? Das sind sehr weitreichende und spirituelle Fragen, auf die wir dringend Antworten finden sollten.
Sie sprechen von einer «Krise der Hoffnung». Was meinen Sie damit?
Neubauer: Ich bin sehr besorgt darum, dass viele junge Menschen die Hoffnung verlieren. Sie sehen nicht mehr, dass wir gegen die fossile Industrie und deren Lobby ankommen. Zudem gibt es die Politik der Kriminalisierung von jungen Menschen, die sich gegen die fossile Industrie engagieren. Es ist zynisch zu sagen: «Danke, dass ihr uns Hoffnung gebt.» Und gleichzeitig wird aber nicht gefragt, wer den jungen Menschen Hoffnung gibt. Für uns junge Menschen ist es wichtig, dass alle Generationen laut werden, vor allem auch diejenigen, die Privilegien und Macht haben.
Gibt Ihnen «Laudate Deum» von Papst Franziskus Hoffnung?
Neuauer: Dass auch der Papst in so einer Deutlichkeit und Klarheit laut wird, finde ich sehr hoffnungsvoll.
*Luisa-Marie Neubauer ist eine deutsche Klimaschutz-Aktivistin und Publizistin. In Deutschland ist sie eine der Hauptorganisatorinnen des von Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks «Fridays for Future».
Im Wortlaut: «Laudate Deum» (pdf)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/luisa-neubauer-der-papst-hat-gewarnt-und-appelliert-das-ist-wichtig/