Röschenzer Geisterfahrt: Warum der sexuelle Missbrauch in der Kirche alle betrifft

Was geschieht, wenn der Kirchgemeinderat von Röschenz in der Sache Franz Sabo von einem «Vorfall» oder «Fehltritt» spricht? Das ist ein «verharmlosendes Framing» meint Claus Noppeney im Gastkommentar. «Wer einen Täter in dieser Weise zum Opfer erklärt, macht den Betroffenen zum Täter.»

Claus Noppeney

Die Reaktion des Kirchgemeinderats auf die Enthüllungen des «SonntagsBlick» in Sachen Röschenz und Franz Sabo bietet einige Überraschungen. Denn die ausführliche Stellungnahme, mit der sich der Kirchgemeinderat wenige Tage nach den Medienberichten an die Öffentlichkeit wendet, wirbelt gängige Vorstellungen durcheinander.

Auf den ersten Blick stösst man auf einen Kirchgemeinderat, der so sicher und ganz genau um den Tathergang weiss, dass es einen stutzig macht. Die «mühsame Geschichte», der «Vorfall» oder der «Fehltritt» – so das durchgehend verharmlosende Framing des Kirchgemeinderats – beginnt mit der Beichte eines Jugendlichen, die als geselliger Anlass des persönlichen Kennenlernens gezeichnet wird.

«Beichte als asymmmetrische Kommunikationssituation ist verantwortlich zu gestalten.»

Mit keiner Silbe klingt an, dass die Beichte als geschützter Ort mit der Hoffnung auf Gottes Nähe gesucht wird und stets als asymmetrische Kommunikationssituation verantwortlich zu gestalten ist. Wie würde man sich in Röschenz eigentlich äussern, wenn Sabo nicht der Pfarrer, sondern der Lehrer im Dorf wäre? Was wäre, wenn sich etwa eine junge Frau als Überlebende zu erkennen gegeben hätte?

«Kein Schweigens-Kartell, keine Heimlichtuerei, sondern totale Publizität»

Zahlreiche Studien zur sexuellen Gewalt im Umfeld der katholischen Kirche haben zwischenzeitlich herausgearbeitet, wie kirchlich Verantwortliche versuchen, den Missbrauch um jeden Preis öffentlich zu verschweigen. Ganz anders nun die Strategie in Röschenz: Denn hier sei alles immer schon längst öffentlich bekannt gewesen. Kein Schweigens-Kartell, keine Heimlichtuerei, sondern totale Publizität. Als ob so das Verbrechen schon lange geheilt worden wäre.

Es sei dahingestellt, wie viele Eltern tatsächlich die Vorgeschichte des begeisternden Jugendpfarrers kannten. Die perfide Idee genügt, um zu ahnen, welchen Mut Überlebende aufbringen, wenn sie sich angesichts einer solchen Phalanx aus Pfarrer und kirchlicher Behörde mit ihrer Lebensgeschichte öffentlich zu Wort melden.

«Selbst demokratisch gewählte Organe sind nicht davor gefeit, jede Achtung vor den Betroffenen sexualisierter Gewalt vermissen zu lassen.»

Wer einen Täter in dieser Weise zum Opfer erklärt, macht den Betroffenen zum Täter. Röschenz führt vor, wie leicht auch heute noch die kirchliche Öffentlichkeit als aufklärerische Instanz zur Illusion werden kann. Selbst demokratisch gewählte Organe sind nicht davor gefeit, jede Achtung vor den Betroffenen sexualisierter Gewalt vermissen zu lassen.

«Die Röschenzer Stellungnahme belegt eine Überidentifikation mit dem Pfarrer.»

Im dualen System ist der Kirchgemeinderat das leitende und vollziehende Organ der Kirchgemeinde und damit die Anstellungsbehörde für den Pfarrer. Zwischen Pfarrer und Kirchgemeinderat sollte man also eine vertrauensvolle aber eben auch professionelle Arbeitsbeziehung erwarten dürfen. Stattdessen belegt die Röschenzer Stellungnahme eine Überidentifikation mit dem angestellten Pfarrer, wenn sogar moralisch jeder Zweifel ausgeschlossen wird. Professionalität dagegen kann nur gelingen, wo Grenzen respektiert werden und Distanz gewahrt bleibt.

Die Verstrickung der staatskirchenrechtlichen Körperschaften gibt dem Fall Röschenz einen spezifischen Geschmack, der bislang kaum beachtet wurde. Zweifellos: Röschenz ist nicht überall. Und doch verspricht gerade die Auseinandersetzung mit extremen Fällen wie den kirchlichen Geisterfahrern aus Röschenz neue Einsichten, weil sich an ihnen beispielsweise Denkmuster oder Scheidelinien im Denken besonders gut herauskristallisieren lassen. Die Stellungnahme aus Röschenz zeigt einmal mehr, wie sehr der sexuelle Missbrauch in der Kirche ausnahmslos alle betrifft.

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https://www.kath.ch/newsd/roeschenzer-geisterfahrt-warum-der-sexuelle-missbrauch-in-der-kirche-alle-betrifft/