Die zehn Kardinäle der Schweiz

Am kommenden Wochenende ist es so weit: Papst Franziskus kreiert am 30. September 2023 insgesamt 21 neue Kardinäle. Unter ihnen ist auch der Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig (76) aus Unterems im Wallis. Das veranlasst kath.ch, die zehn Kardinäle mit ihrem Lebensweg und Hintergrund kurz vorzustellen.

Stephan Leimgruber

Matthäus Kardinal Schiner (1465-1522) – Schlachtross des Papstes

Der früheste Schweizer Kardinal lebte in der Zeit zwischen Bruder Klaus (1417-1487) und Martin Luther (1483-1546). Schiner war in der Schlacht von Marignano dabei. Als Kardinal hat er so sehr die Interessen des Papstes vertreten, dass er «Schlachtross des Papstes» genannt wurde.

Matthäus wurde 1465 in Ernen geboren, besuchte Lateinschulen in Sitten und Como, empfing 24-jährig die Priesterweihe und wurde dann Kaplan. 1496 wurde er Pfarrer von Ernen, bald Domherr und Domdekan im Bistum Sitten.

Am 13. Oktober 1499, also mit 34 Jahren, wurde er in Rom zum Bischof von Sitten geweiht mit der Aufgabe, die Kirche im Wallis zu erneuern und die Einheit im Volk wiederherzustellen. Schiner gründete Schulen, machte eloquent Politik und bezog klar Position gegen Frankreich. Als Vermittler von Papst Julius II. erzielte er ein Bündnis zwischen dem Papst und den zwölf eidgenössischen Orten.

1511 wurde Schiner zum Kardinal und zum päpstlichen Legaten ernannt. 1512 führte er die Eidgenossen zum Sieg über Frankreich bei Pavia und 1513 in Novara. Bellinzona und das Bleniotal kamen dank ihm zur Schweiz. Doch die Niederlage von Marignano (1515) bewirkte für ihn persönlich, dass er nicht mehr in sein Bistum Sitten zurückkehren konnte.

Schiner knüpfte Kontakte mit Erasmus von Rotterdam und Huldrych Zwingli, war er doch humanistischer Bildung zugetan. Auf dem Reichstag zu Worms (1521) grenzte er sich gegenüber Martin Luther ab. Im Konklave nach dem Tod von Papst Leo X. (1522) kam er in die engere Wahl, stand dann aber dem gewählten Papst Hadrian zur Seite.

Kardinal Schiner starb am 1. Oktober 1522 an der Pest und wurde in der Kirche Maria dell’Anima, Rom, beigesetzt. 500 Jahre nach seinem Tod gibt es in Ernen 2022 ein Theater und Ausstellungen zu seinem Wirken.

Gaspard Kardinal Mermillod (1824-1892) – Opfer des Kulturkampfs

Der zweite Schweizer Kardinal ist in Carouge GE geboren. Er war Jesuitenschüler in Fribourg und Priester seit 1847. Als Weihbischof in Genf hatte er kein Glück.

Am 18. Februar 1873 wurde er ausgewiesen, weil die radikale Regierung in seiner Ernennung zum Apostolischen Vikar mit Jurisdiktion in Genf einen Verstoss gegen die Bundesverfassung sah, welche für die Errichtung eines neuen Bistums das staatliche Plazet erforderte. Mermillod leitete seine Diözese von Fernex (Frankreich) aus.

Zehn Jahre später intervenierte Joseph Déruaz bei Bundesrat Louis Ruchonnet. Und so konnte Bischof Mermillod 1883 zurückkehren und als Diözesanbischof von Lausanne und Genf wirken. Papst Leo XIII. nahm ihn am 23. Juni 1890 ins Kardinalskollegium auf, in dem er noch zwei Jahre aktiv sein konnte. Mermillod leitete die «Union de Fribourg» und war vorbereitender Mitverfasser der ersten Sozialenzyklika «Rerum Novarum» (1891) von Papst Leo XIII.

Charles Kardinal Journet (1891-1974) – Dogmatikprofessor in Fribourg

Noch im 19. Jahrhundert in eine Kaufmannsfamilie geboren, besuchte Charles das Collège Saint-Michel in Fribourg und empfing unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg die Priesterweihe (1913). Danach arbeitete er als Vikar in Carouge und in St. Peter, Fribourg. Er begegnete Jacques Maritain und begann mit theologischen Publikationen. Bischof Marius Besson ernannte Abbé Charles Journet zum Dogmatikprofessor im Seminar Fribourg, wobei er Seelsorger in Genf blieb.

Journet setzte sich intensiv mit dem Judentum und mit ökumenischen Fragen auseinander. Er nahm 1947 an der Seelisberger Konferenz teil. Er gab dort gewichtige Voten ab, die zur Formulierung der Zehn Thesen von Seelisberg führten. Eine Biografie über Niklaus von Flüe fehlt in seinem Werk nicht. In der Revue «Nova et Vetera» hatte er sein geistliches Führungsinstrument gefunden.

1947 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Hausprälat; 1960 berief ihn Johannes XXIII. in die Vorbereitungskommission des II. Vatikanums. Am 22. Februar 1965, also mitten im Zweiten Vatikanischen Konzil, ernannte ihn Paul VI. zum Kardinal. In der darauffolgenden Sitzungsperiode des Konzils gab er mehrere Voten zur Religionsfreiheit ab. 1975 wurde er auf dem Friedhof der Valsainte bestattet.

Benno Gut OSB (1897-1970) – Abt von Einsiedeln und mitverantwortlich für die Liturgiereform

Der aus Reiden LU stammende Benediktiner Walter (Benno ist sein Klostername) Gut wurde Ende des 19. Jahrhunderts in einer Lehrersfamilie gross, besuchte die Gymnasien in Luzern und Einsiedeln (Matura 1916) und studierte zunächst Musik an der Universität Basel.

Die ewige Profess legte er 1918 in Einsiedeln ab, wo er auch 1921 ordiniert wurde. Das Theologiestudium in Sant’Anselmo, Rom, schloss er mit dem Doktorat in Theologie ab (1923), dem er ein Lizentiat in Bibelwissenschaften folgen liess (1934).

Im Kloster Einsiedeln nahm er eine Vielzahl von Aufgaben wahr: von der Seelsorge über Choralmagister, Präfekt, Leiter der Studentenmusik bis zum Dozenten an den ordenseigenen Hochschulen in Einsiedeln und in Sant’Anselmo, Rom. Er wurde 1947 zum Abt von Einsiedeln gewählt und 1959 zum Abtprimas der Benediktinischen Konföderation, was den Verzicht auf Einsiedeln bedeutete.

Als Abtprimas wurde er 1960 Mitglied der vorbereitenden Konzilskommission, von 1962 bis 1965 Konzilsvater und 1967 zum Bischof geweiht. Papst Paul VI. kreierte ihn am 26. Juni1967 zum Kardinal. Als solcher leitete er die Ritenkongregation und seit 1969 die Kongregation für die Sakramente. Benno Kardinal Gut verstarb am 12. August 1970 in Rom.

Hans Urs von Balthasar (1905-1988) – designierter Kardinal

Aus einer Luzerner Patrizierfamilie stammend, Gymnasium in Engelberg und Theologie im Jesuitenkollegium Feldkirch, studierte Hans Urs Germanistik und Philosophie. Er wurde mit der Arbeit «Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur» promoviert. 1927 entschloss er sich, Jesuit zu werden. Er studierte die Kirchenväter in Lyon à fonds unter der Führung von Henri de Lubac. 1936 wird er zum Priester geweiht.

In Basel lernte er die Ärztin und Konvertitin Adrienne von Speyr (1902-1967) kennen, mit der er die Johannesgemeinschaft gründete. Dies führte zu Missverständnissen und zum schmerzlichen Bruch mit dem Jesuitenorden (1950).

Von Balthasar wurde Privatgelehrter und entwarf ein eigenständiges theologisch-spirituelles Werk, das – erst spät – weltweit grosse Anerkennung erhält und zu dem unzählige Doktoratsthesen erstellt werden. Sein Ansatz ist – im Vergleich zu Karl Barth – eine katholisch dialektische Theologie.

Im Zentrum steht Gottes Offenbarung und Menschwerdung. Seine Schriften haben der Theologie des Zweiten Vatikanums den Weg bereitet. Die «Offenbarung Gottes» hat er in einer Trilogie dargestellt: Herrlichkeit, Theodramatik und Theologik.

Von Balthasar wurde Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission. 1984 bekam er den Preis Paul VI. und Johannes Paul II. ehrte ihn mit der Kardinalswürde, deren Verleihung am 28. Juni 1988 er sich durch seinen Tod am 26. Juni 1988 entzog. In Bezug auf die Kirche trat er 1953 mit der «Schleifung der Bastionen» hervor und mit einer Warnung vor jeglicher Form des Integralismus.

Georges Marie Kardinal Cottier OP (1922-2017) – Konzilstheologe und Päpstlicher Berater

Der Dominikanerpater Georges Cottier aus Carouge GE setzte sich eingehend mit dem Atheismus auseinander, insbesondere mit Karl Marx und mit dem deutschen Idealismus in der Person Friedrich Hegels, und zwar aus thomistischer Sicht. Er trat in die Fussstapfen von Jacques Maritain (1882-1973) und dem bereits erwähnten Theologen Charles Kardinal Journet.

Tief eingegraben hat sich in das Bewusstsein der Kriegsgeneration die Katastrophe von «Auschwitz», die für das nationalsozialistische Programm der Auslöschung des Judentums steht. Seine Dissertation «L’athéisme du jeune Marx, ses origines hégéliennes» (1959-1969) war die Frucht seiner geistigen Arbeit.

Cottier hatte das Privileg, das Zweite Vatikanische Konzil von nahe zu beobachten. Er gab mit Jacques Maritain eine Reflexion über «Dynamik des Glaubens und des Unglaubens» (1963) heraus und stellte die Frage der Glaubwürdigkeit der Kirche im Buch «Die Evangelische Armut und das Antlitz der Kirche».

Cottier verfasste ein Interview mit Roger Garaudy über «Christen und Marxisten» (1967). Als päpstlicher Haustheologe stand er Paul VI. und Johannes Paul II. nahe. Er gab im Vatikan mehrmals gewichtige Voten ab und erteilte öfter Exerzitien. Seine Befürwortung von «Humanae vitae» irritiert auch 54 Jahre danach. 2003 wurde sein Wirken mit der Verleihung des Kardinalats belohnt.

Gilberto Agustoni (1922-2017) – Kurienkardinal und Realisator der Liturgiereform

Gilberto entstammte einer Tessiner Zolldirektorenfamilie und wuchs mit vier Brüdern in Schaffhausen auf. Er studierte Philosophie und Theologie in Rom und Fribourg bis zum Dr. der Theologie. Er wurde unmittelbar nach dem Konzil Priester, wie auch zwei seiner Brüder. Er setzte sich für die Katholische Aktion im Tessin ein.

Mit 28 Jahren siedelte er nach Rom um und trat für über sechzig Jahre in den Dienst des Vatikans, zunächst als Sekretar von Kardinal Ottaviani. Dann engagierte er sich in der Umsetzung und Realisierung der Litugiereform. Johannnes Paul II. ernannte ihn 1994 zum Kardinal. Als solcher lebte er bis zu seinem Tod 2017 in Rom.

Heinrich Kardinal Schwery (1932-2021) – Bischof von Sitten und 1991 zum Kardinal ernannt

Heinrich stammt aus einer Grossfamilie in Saint Léonard VS. Schwerpunkt der Tätigkeit des Priesters Heinrich Schwery war Lehrer und Rektor der kantonalen Mittelschule von Sitten (1961-1977), nachdem er Mathematik und Physik an der Uni Fribourg studiert hatte. Mit 25 wurde er zum Diözesanpriester und mit 45 zum Bischof von Sitten geweiht. Diese Aufgabe nahm er 18 Jahre lang wahr, bis er aus gesundheitlichen Gründen das Amt niederlegen musste.

1991 wurde er von Johannes Paul II. ins Kardinalskollegium aufgenommen. Er nahm teil am Konklave von 2005, an dem Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Sein Wahlspruch war «Gottes Geist ist Freude und Hoffnung». In seinem Bistum war er längere Zeit befasst mit dem Problem des Traditionalisten Marcel Lefebvre sowie mit dessen nahe gelegenem Priesterseminar. In diesen Problemen versuchte er eine vermittelnde Position einzunehmen.

Bischof Schwery war Präsident der Schweizer Bischofskonferenz von 1983-1988 und Mitglied in der Kongregation für die Seligsprechungen, ferner Mitglied des Rats für soziale Kommunikationsmittel. Von 1978-1983 war er Mitglied der Kongregation für katholische Bildung und nicht zuletzt Mitglied des Ritterordens vom hl. Grab in verschiedenen Chargen.

Kurt Kardinal Koch (*1950) – der «Ökumene-Minister»

In Emmenbrücke 1950 geboren, absolvierte die Kantonsschule Luzern, sein Theologiestudium in Luzern und München mit einer Promotion über Wolfhart Pannenberg (1987). Vor und nach der Priesterweihe wirkte er als Seelsorger in Sursee und Bern, bald auch als Dozent am Katechetischen Institut Luzern. Er habilitierte über «Ethik des Lebens». 1995 wählte ihn das Basler Domkapitel zum Diözesanbischof, eine Aufgabe, die er 15 Jahre lang wahrnahm.

2010 bekam er von Papst Benedikt XVI. den Ruf zur Nachfolge von Walter Kardinal Kasper als Vorsitzender des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen. Damit verbunden war die Erwählung zum Kardinal im selben Jahr. Die entsprechenden Pflichten konnte er im Konklave 2013 nach dem überraschenden Rücktritt Benedikts XVI. wahrnehmen, nämlich die Mitwirkung an der Wahl in der Sixtinischen Kapelle von Papst Franziskus.

Kurt Kardinal Koch arbeitet in sieben Kongregationen mit: in den Kongregationen für die religiösen Beziehungen zum Judentum, für die orientalischen Kirchen, für das Bildungswesen, für die Bischöfe und für die Glaubenslehre, dazu im Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog. Er begleitet den Papst bei diversen Begegnungen, insbesondere mit Patriarch Kyrill in Havanna (2016). Er hat das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhalten und über sechzig Bücher verfasst.

Emil Paul Tscherrig (*1947) – Päpstlicher Diplomat

Aus einfachen Walliser Verhältnissen stammend, wurde Emil Paul Tscherrig am Eingang des Turtmanntals in Unterems am 3. Februar 1947 als ältester Sohn geboren. Er wuchs mit sieben Geschwistern auf, sein Vater starb früh. Das Gymnasium Spiritus Sanctus besuchte er in Brig und schloss es mit der klassischen Matura ab. Ohne Zwischenjahr trat er ins Priesterseminar Sitten ein und studierte an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg Philosophie und Theologie.

Am 11. April 1974 weihte ihn Bischof Adam zum Diözesanpriester. In einem Promotionsstudium im Fach Kirchenrecht doktorierte er 1974-1978 an der Gregoriana-Universität in Rom. Dann absolvierte er die Päpstliche Akademie für den Diplomatischen Dienst. Darauf folgten erste Stellen in den Nuntiaturen von Uganda (1978-1981), Südkorea (1981-1984) und Bangladesch (1984-1985).

Johannes Paul II. beauftragte den 1996 zum Bischof geweihten Tscherrig mit der Planung und Mitorganisation von vierzig Apostolischen Reisen. Sein Wahlspruch lautet: «Christus, meine Hoffnung». Im neuen Jahrtausend wurde Erzbischof Paul Tscherrig mit anspruchsvollen Aufgaben betraut.

Seine optimistische Grundstimmung half ihm, auch in konfliktiven Situationen den Mut nicht zu verlieren und Vermittlungsdiplomatie des Heiligen Stuhls zu leisten – etwa in Venezuela, als eine grosse Auseinandersetzung zwischen der Regierung und der Opposition (2016) eine Friedensmission nötig machte.

Als Nuntius von Argentinien lernte er den damaligen Bischof Jorge Mario Bergoglio, den heutigen Papst, kennen. 1996 hatte er als Nuntius von Burundi mit Idi Amin zu tun. Und 2000 kam er nach Trinidad und Jamaika, auf die Bahamas und die Antillen, 2004 wieder nach Südkorea.

Papst Benedikt XVI. ernannte ihn zum Apostolischen Nuntius der skandinavischen Länder (2008), von Argentinien (2012) und Papst Franziskus sah ihn für Venezuela (2016) vor. 2017 wurde er als erster Nichtitaliener Nuntius von Italien und San Marino. Am 30. September 2023 kreiert Papst Franziskus 21 neue Kardinäle. Unter ihnen ist auch der Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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