Gunda Brüske: Wort-Gottes-Feier kann Eucharistiefeier nicht ersetzen

In manchen Pfarreien gibt es noch täglich Eucharistiefeiern, in anderen sind sie zur Seltenheit geworden. Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung werden stattdessen gefeiert. «Die liturgische Realität in der Schweiz ist sehr plural», sagt die Liturgiewissenschaftlerin Gunda Brüske. In der Gemeinschaft der versammelten Gläubigen sei Christus aber immer präsent.

Wolfgang Holz

Frau Brüske, wenn man die Häufigkeit von Gottesdiensten in den letzten Jahren statistisch beobachtet, kann man am Beispiel des Bistums Basel den Eindruck gewinnen, dass Eucharistiefeiern zahlenmässig eher im Sinken, Wort-Gottes-Feiern mit Kommunion dagegen eher im Steigen begriffen sind. Sehen Sie das auch so?

Gunda Brüske*: Diese Beobachtung teile ich, was das Bistum Basel anbelangt. In anderen Bistümern ist es teilweise anders. Es ist aber zu bedenken, dass die Zahlen jeweils im Februar erhoben und dann hochgerechnet werden. Für die Corona-Jahre 2021 und 2022 ist also eine gewisse Vorsicht in der Bewertung geboten.

Was sind die Gründe für eine solche Entwicklung?

Brüske: Neben dem Priestermangel dürfte die Errichtung von Pastoral- und Seelsorgeräumen und die damit einhergehende Neuordnung von Gottesdienstorten und -zeiten zu diesen Veränderungen führen.

Da Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionspendung seit Jahrzehnten bekannt sind, wird dort, wo eine Eucharistiefeier nicht möglich ist, auf diese Form zurückgegriffen. Die Frage, ob eine Wort-Gottes-Feier mit oder ohne Kommunionspendung gefeiert werden soll, scheint eher selten diskutiert zu werden. Andere Formen wie zum Beispiel eine Vesper finden sich selten.

«Eine Wort-Gottes-Feier ist keine Eucharistiefeier und kann diese auch nicht ersetzen.»

Im Gespräch mit einem Seelsorger habe ich neulich erfahren, dass in seiner Pfarrei mangels Priester nur noch eine Eucharistiefeier pro Monat stattfindet. Ist dies Besorgnis erregend oder entspricht das inzwischen der liturgischen Realität in der Schweiz?

Brüske: Die liturgische Realität in der Schweiz ist sehr plural: Es gibt Orte, in denen einmal im Monat an einem Sonntag in der Pfarrkirche Eucharistie gefeiert wird und vielleicht zusätzlich an Wochentagen oder in einer Senioreneinrichtung, einer Sprachmission.

Anderswo gibt es noch tägliche Eucharistiefeiern. Angesichts der demografischen Veränderungen ist in den nächsten beiden Jahrzehnten mit einem weiteren Rückgang zu rechnen. Das ist in der Tat besorgniserregend.

Derselbe Seelsorger meinte dann im gleichen Atemzug, dass 90 Prozent der Gläubigen in seiner Gemeinde überhaupt keine Probleme mit der «modernen» Form von Wort-Gottes-Feiern mit Kommunion haben und dass für viele der Unterschied zur Eucharistiefeier sowieso kaum mehr nachzuvollziehen sei. Ist das bedenklich oder zu begrüssen?

Brüske: Die Zahl von 90 Prozent Zustimmung überrascht mich, da ich immer wieder höre, dass weniger Mitfeiernde an Wort-Gottes-Feiern teilnehmen. Es kommt vor, dass Wort-Gottes-Feiern so gefeiert werden, dass der Unterschied zwischen einer Eucharistie- und einer Wort-Gottes-Feier kaum erkennbar ist. Diese Praxis ist fragwürdig, da eine Wort-Gottes-Feier keine Eucharistiefeier ist und diese auch nicht ersetzen kann.

«Im Zentrum einer Wort-Gottes-Feier sollte das Wort Gottes stehen und zwar als geistliche Nahrung für die Gläubigen.»

Warum fragwürdig?

Brüske: Im Zentrum einer Wort-Gottes-Feier sollte das Wort Gottes stehen und zwar als geistliche Nahrung für die Gläubigen. Sie sollte die Gegenwart Christi im Wort der Schrift erfahrbar machen.

Das liturgische Buch für Wort-Gottes-Feiern am Sonntag bietet neue Zeichenhandlungen, die das Wort ins Zentrum stellen, und zeitgenössische Gebete an. Die Feier unterscheidet sich dann deutlich von einer Eucharistiefeier. Sie hat eine eigene Qualität und einen eigenen Wert, der nicht von der Eucharistiefeier abgeleitet ist.

«Ich habe den Eindruck, dass nach wie vor viele Gläubige aus der Eucharistie Kraft fürs Leben schöpfen.»

Besagter Seelsorger zum Dritten: Befragt, ob dann zur monatlichen Eucharistiefeier mehr Gläubige zum Gottesdienst erscheinen, lautete seine Antwort: nein. Wie wichtig sind Eucharistiefeiern im liturgischen Alltag noch?

Brüske: Die Frage müssten wir an die Gläubigen richten – an die, die nicht mehr mitfeiern und an die, die mitfeiern. Ich habe den Eindruck, dass nach wie vor viele Gläubige aus der Eucharistie Kraft fürs Leben schöpfen.

Jenen, die nicht mehr mitfeiern, fehlt möglicherweise ein spiritueller Zugang zur Eucharistie. Tatsächlich reicht das Geheimnis, das wir feiern, in Tiefenschichten, die zu erschliessen für die einen wie die anderen eine wichtige geistliche und theologische Aufgabe ist. Wir erleben in Kursen immer wieder, das Teilnehmende dafür sehr dankbar sind.

Warum sind Eucharistiefeiern liturgisch wertvoller als Wort-Gottes-Feiern mit Kommunion?

Brüske: Man kann diese beiden Feiern nicht miteinander vergleichen. Um nur einen Grund zu nennen: Die Eucharistiefeier erfüllt den Auftrag Jesu «Tut dies zu meinem Gedächtnis», in dem sie tut, was er tat: Er nahm das Brot, das ist die Gabenbereitung. Er dankte, was wir im eucharistischen Hochgebet tun. Er brach das Brot, was wir heute noch besser entfalten können, wenn wir eine einzige grosse Brothostie verwenden, und er gab es den Seinen, also die Kommunion. In der Wort-Gottes-Feier wird die Kommunion ausgeteilt und empfangen. Der Rest fehlt.

«Das Problem ist wohl eher, dass wir nicht immer so präsent sind.»

Sind Gottesdienste, die keine Eucharistiefeier sind echte Gottesdienste?

Brüske: Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir eine grosse Palette von wirklich echten Gottesdiensten haben – von einfachen Formen mit Kindern über neue, offene oder freiere Formen über Segensfeiern, Begräbnis, Wort-Gottes-Feier, Stundengebet, Taufe bis zur Eucharistiefeier und noch viele weitere.

Immer ist Christus präsent: in der Gemeinschaft, die sich versammelt hat, im Wort der Schrift, selbstverständlich in den eucharistischen Gaben wie in den anderen Sakramenten, wenn wir beten und singen. Das Problem ist wohl eher, dass wir nicht immer so präsent sind und dass wir seine mit den leiblichen Sinnen kaum zu erfassende Präsenz wohl oft nicht wahrnehmen, sie vielleicht auch gar nicht immer erwarten.

Wie wird die Zukunft der Eucharistiefeier in der katholischen Kirche Schweiz aussehen?

Brüske: Die Kirche befindet sich in einem gewaltigen Umbruch, der häufig mit einer Abwärtsbewegung assoziiert wird. Die Frage nach der Liturgie und der Eucharistie lässt sich nicht isoliert von diesen Prozessen betrachten.

Was am Ende der Veränderungen stehen wird, wissen wir nicht, aber es wird in Mitteleuropa sicher eine andere Sozialform von Kirche sein als die bisherige. Ich rechne mit einem Zeitraum von zwei Generationen, was der biblischen Grösse von 40 Jahren entspricht. Wie werden wir Eucharistie feiern, wenn der Transformationsprozess, den die Kirche durchlaufen wird, zur Ruhe kommt? Ich weiss es nicht, aber ich bin sicher, wir werden weiterhin Eucharistie feiern.

Was wären Strategien, um die Eucharistiefeier in der katholischen Kirche in der Schweiz wieder zur Normalität werden zu lassen? Frauenpriestertum? Laienkonzelebration?

Brüske: Abgesehen davon, dass die Eucharistiefeier meiner Einschätzung nach noch immer Normalität ist, möchte ich daran erinnern, dass der Kommunionempfang in der Eucharistiefeier vor 100 Jahre die Ausnahme und nicht die Normalität war. Aber mich interessieren noch mehr andere Fragen.

«Mich interessiert, wie die Eucharistie geistlich intensiver gefeiert werden kann.»

Welche?

Brüske: Mich interessiert, wie in der Phase, die vor uns liegt, die Eucharistie geistlich intensiver gefeiert werden kann. Wie kann sie zum Fest werden, so dass in grösseren pastoralen Räumen die Gläubigen miteinander feiern? Wie kann sie in einer pluralisierten Kirche zum Sakrament der Einheit werden? Wie kann die Wandlung der Gaben noch mehr zur Wandlung der Mitfeiernden werden, so dass die Kirche von Gott verwandelt wird dem Neuen entgegen, dass wir noch nicht kennen und das letztlich nur von ihm kommen kann?

Wie können wir dem Wort Gottes, das uns auf der vor uns liegenden Wegstrecke Impulse geben kann, im gemeinsamen Feiern so Raum geben, dass es seine Kraft nicht nur im individuellen Leben, sondern in einer vielleicht nur kleinen christlichen Gemeinschaft entfaltet? Wenn die Eucharistie und Liturgie Quelle und Höhepunkt synodaler Dynamik ist, wie es das Dokument zur kontinentalen Phase des synodalen Prozesses formuliert, müssen wir dieses Potenzial freilegen und entfalten.

*Gunda Brüske ist seit 2004 Leiterin des Liturgischen Instituts für die deutschsprachige Schweiz in Freiburg. Sie betreibt unter anderem literarische Bildungsarbeit und beschäftigt sich mit Konzeptarbeit im Bereich Liturgiepastoral inklusive Kirchenerneuerung.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/christus-ist-immer-praesent-ueber-die-bedeutung-von-eucharistiefeiern-und-den-wert-von-wort-gottes-feiern/