Franziska Keller unterwegs mit «Church to go»: Menschen haben das Bedürfnis zu sprechen

Seit zwei Jahren fährt die Religionspädagogin Franziska Keller mit ihrem «Enzo» durch Einsiedeln. Sie will unterwegs zu den Menschen sein – wie schon Jesus. Zu ihr kommen kirchennahe Menschen, aber auch solche, die sich bereits weit entfernt haben. Nur einmal wurde um sie und ihr Gefährt einen grossen Bogen gemacht.

Barbara Ludwig

Der Motor des Piaggio Ape knattert, als der dreirädrige Kleintransporter rumpelnd über die Pflastersteine zum Einsiedler Klosterplatz hochfährt. In der winzigen Fahrerkabine sitzt Franziska Keller (54). Normalerweise wird die Religionspädagogin der Pfarrei Einsiedeln von einer Freiwilligen aus dem Team des «Familienträffs» begleitet, an diesem Tag darf die Journalistin mitfahren.

Franziska Keller winkt im Vorbeifahren den Leuten auf dem Trottoir zu. Die Frau am Steuer und «Enzo» – so heisst das weisslackierte Gefährt mit der Aufschrift «Church to go» – sind bei den Einheimischen im Klosterdorf bekannt. «Enzo stinkt ein wenig und macht viel Lärm», sagt sie und lacht.

«Wir sollten unterwegs sein, wie es auch Jesus war»

Franziska Keller

Seit zwei Jahren ist Franziska Keller regelmässig mit der «Church to go» im Dorf unterwegs und macht Halt an unterschiedlichen Orten und Plätzen: Mal ist es bei den Reitställen hinter dem Kloster, mal vor der Migros, im Park, neben dem Tennis- oder dem Fussballplatz. «Als Kirche können wir nicht länger warten, bis die Menschen zu uns kommen. Wir müssen dorthin gehen, wo sie sind – und wo die Kirche sonst nicht präsent ist. Wir sollten unterwegs sein, wie es auch Jesus war», sagt die Religionspädagogin. Zu Beginn hat es sie Mut gekostet, hinauszugehen und sich zur Nachfolge Jesu zu bekennen.

An diesem Donnerstag, an dem Einsiedeln die Engelweihe feiert, hat sich Franziska Keller für den Klosterplatz entschieden und parkiert den Ape Piaggio mitten auf dem Kiesplatz unweit der Marienstatue – auf dem sonst ein Fahr- und Parkverbot gilt. Sie hat eine Sondergenehmigung vom Kloster.

Freunde und Kollegen haben geholfen

Sie braucht wenige Minuten, um den Ort der Begegnung einzurichten: Seitentür öffnen, Klapptisch aufstellen, Kaffeemaschine einschalten, Gipfeli und Schoggiherzli bereitstellen. Die Inneneinrichtung aus Holz, die Kaffeemaschine und die Batterie für den Strom – alles wurde von Freunden und einem Geschäftskollegen hergestellt und gesponsert. Das gilt auch für den Kleintransporter.  «Walter Ronner, ein lieber Bekannter, hat mir das Gefährt zur Verfügung gestellt, solange ich es benötige und einsetze», erzählt sie.

Vor dem imposanten Hintergrund der Arkaden und der Klosterfassade wirkt das Gefährt fast etwas verloren. Aber es fällt auf. Zum Beispiel dem evangelischen Pfarrer aus Deutschland, der näher tritt und sich gerne von Franziska Keller einen Kaffee offerieren lässt. Der Mann besucht eine Tagung über christliche Wirtschaftsethik, die im Kloster stattfindet. Weil er sich fürs Projekt «Church to go» interessiert, drückt ihm Franziska Keller einige Flyer in die Hand.

Kaffee in Porzellantassen

Den Kaffee gibt es in kleinen Porzellantassen und nicht in Kartonbechern. «Ich möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen», sagt die Seelsorgerin. Also nicht Kaffee to go. Dann kommen zwei Frauen aus dem Dorf hinzu. Man kennt sich und so beginnt ein Gespräch über Lokales, an dem sich die Gastgeberin rege beteiligt. Etwas später erzählt Franziska Keller einer Frau aus Norwegen die Geschichte des Einsiedler Eremiten Meinrad.

Kurz vor elf läuten die Glocken des Klosters. Das Pontifikalamt anlässlich der Engelweihe ist zu Ende. Nun tauchen Menschen beim Ape Piaggio auf, die in der Messe waren. Zum Beispiel der Mann aus Einsiedeln mit orange getönter Brille und grüner Jacke, ein Altbekannter von Franziska Keller.

«Ungesundes» Wachstum im Kanton Zug und Priestermangel

Oder Patrick Iten aus Unterägeri ZG. Er sei heute wegen der Engelweihe nach Einsiedeln gekommen, habe das Hochamt besucht, erzählt der Selbständigerwerbende. Jetzt kehre er zurück zur Arbeit, abends komme er aber wieder, um bei der eucharistischen Prozession über den Klosterplatz dabei zu sein. «Die Engelweihe bedeutet mir sehr viel, ich komme jedes Jahr», sagt er.

Patrick Iten bleibt dann doch noch eine ganze Weile bei der «Church to go», berichtet von seinen Beziehungen zum Einsiedler Stiftschor, dem «ungesunden» Wachstum im Kanton Zug, das die Mietpreise für Wohnungen in die Höhe treibe. Dann schneidet er auch kirchliche Themen wie Priestermangel, Gottesdienstformen und die Frauenordination an. Gespräche über Gott und die Welt – das trifft es in diesem Fall tatsächlich.

Die Menschen hätten das Bedürfnis zu sprechen und freuten sich, wenn man dafür Zeit habe, sagt Franziska Keller. Das sei ihr noch viel bewusster, seit sie mit dem Ape Piaggo unterwegs sei. Es kämen alte und junge Menschen, Frauen und Kinder, kritische und offene. «Es sind kirchennahe Menschen, aber auch solche, die sich bereits weit entfernt haben.»

«Polizisten haben bei uns Kaffee getrunken»

Franziska Keller

Ablehnende Reaktionen habe sie bislang ein einziges Mal erlebt, als ein Paar einen grossen Bogen um den Piaggo Ape machte und ihr zuriefen, sie hätten «mit dieser Kirche» abgeschlossen. Wenn «Church to go» an wichtigen Einsiedler Anlässen präsent sei, kämen sehr viele Menschen vorbei. «Als wir am Weihnachtsmarkt Enzo aufstellten, haben sogar Polizisten bei uns Kaffee getrunken», erzählt sie. Franziska Keller ist eine lebhafte, empathische Frau, die vor Begeisterung sprüht. Jesus nachzufolgen, sei ihr sehr wichtig. «Ich fokussiere mich auf Jesus und frage mich oft: Was würde Jesus jetzt sagen oder tun? Wo würde er wohl hingehen, wenn er nach Einsiedeln käme? Das Wichtigste ist doch die Liebe – die gelebte Nächstenliebe.»

Francesco Gatti will unbedingt aufs Foto

Plötzlich stehen drei Walliserinnen beim Klapptisch und lassen sich einen Kaffee servieren. Es sind Schwestern, von denen eine in Einsiedeln wohnt, weiss Franziska Keller. Fotografieren lassen wollen sie sich nicht – das lehnen die meisten Einheimischen ab. Die Seelsorgerin informiert sie über kommende Pfarreianlässe und ermuntert sie zur Teilnahme: «Kommt doch auch!»

Als Franziska Keller kurz vor Mittag den Ort der Begegnung – sprich den Ape Piaggio – schliessen will, erscheint ein Altbekannter und bekommt grad noch einen Kaffee, allerdings nur im Kartonbecher, weil die Seelsorgerin losfahren möchte. 21 Jahre hat Francesco Gatti in der Klosterküche gearbeitet. «Darum kenne ich meine Schatzi», scherzt er und schaut zu Franziska Keller. Gegen das Fotografieren hat Francesco Gatti gar nichts. Im Gegenteil, voller Stolz lässt er sich zusammen mit Franziska Keller und deren Berufskollegin Marlies Frischknecht fotografieren, die an diesem Vormittag beim Ausschenken des Kaffees spontan mitgeholfen hat.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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