Der Termin stand schon lange in der Agenda. Alle fünf Jahre besucht der St. Galler Bischof die Gläubigen in Rapperswil-Jona SG. Am Freitagabend dominierte das Thema «Missbrauch» die Begegnung. «Wir stehen da mit Schmerz, es ist ein Schmerz des Versagens», sagte Büchel in der schlichten Eucharistiefeier. Anschliessend konnten Pfarreiangehörige die Fragen stellen, die ihnen seit Veröffentlichung der Pilotstudie zum Missbrauch in der Schweiz unter den Nägeln brennen.
Barbara Ludwig
Vor dem Altar der Joner Kirche Maria Himmelfahrt stand am Freitagabend ein siebenarmiger Kerzenständer. Ein Zeichen dafür, dass beim diesjährigen Pastoralbesuch von Bischof Markus Büchel etwas anders sein würde also sonst. Das war es dann tatsächlich. Nach jeder Fürbitte wurde nach einem Moment der Stille eine Kerze entzündet – begleitet vom «Kyrie eleison»-Gesang der Gemeinde, «Herr, erbarme dich».
Die erste Fürbitte war den Opfern von sexuellen Missbrauch gewidmet, die zweite den «Verantwortlichen für die Aufarbeitung» (von sexuellem Missbrauch), und auch die übrigen Bitten drehten sich um das Thema, das diese Woche die Berichterstattung dominiert. Dem Seelsorgeteam von Rapperswil-Jona und dem St. Galler Bischof war offensichtlich klar, dass man drei Tage nach der Publikation der historischen Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann.
Der Termin für den Pastoralbesuch des Bischofs sei schon lange festgesetzt gewesen und falle nun in eine Phase, die durch «besondere Herausforderungen» geprägt sei, sagte Diakon Robert Schätzle, als er die geschätzt 130 Gläubigen sowie die Gäste aus St. Gallen begrüsste. Das waren nebst dem Bischof die Kommunikationsbeauftragte Sabine Rüthemann sowie der Kanzler der Diözese, Thomas Englberger.
Auch Büchel kam gleich zur Sache. Er sei lieber hier vor Ort mit den Gläubigen zusammen «als über die Mattscheibe in euren Wohnzimmern», sagte er zu Beginn der Feier. Am Mittwoch hatte der Bischof an einer Medienkonferenz Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch einräumen müssen. Fehler, die durch die Studie publik geworden waren. Ihm sei es wichtig, dass es auch einen direkten Austausch mit den Menschen gebe, erklärte er nun im Gottesdienst in der Kirche von Jona.
Die Fehler der Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch waren dann mehrfach Thema während der Feier, die mit ruhiger Orgelmusik und ohne Weihrauch sehr schlicht gestaltet war. «Wir stehen da mit Schmerz, es ist ein Schmerz des Versagens. Wir stehen da als Kirche in der Schweiz, die einsieht: Es muss etwas anders werden», sagte Büchel in der Predigt.
Zu lange habe man sich um das eigene Ansehen gesorgt, dass «unsere Fassade» keine Kratzer bekomme. Man habe «vertuscht» und «bagatellisiert», das Leiden der Betroffenen nicht ernst genommen, stellte der Bischof fest. Dass die Schweizer Bischöfe eine Pilotstudie in Auftrag gaben, bezeichnete er als «eine mutige Tat». Was da durch die Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte zum Vorschein gekommen sei, «erschüttert uns, macht uns tief betroffen».
Im Gottesdienst machte Büchel auch deutlich, dass es nicht beim Bedauern bleiben solle. Aus dem «Furchtbaren» solle etwas «Fruchtbares», etwas «Gereinigtes» werden. «Bitten wir heute Abend ganz besonders darum», so Büchel in seiner Predigt.
Das Thema «Missbrauch» dominierte auch die anschliessende Diskussion im grossen Saal des Kirchgemeindehauses, an der noch rund 70 Personen als Zuhörende oder Fragende teilnahmen. Zunächst informierte der Bischof über die Pilotstudie, die am Dienstag an der Universität Zürich vorgestellt worden war. Er selber habe die über 100 Seiten starke Studie «noch nicht verdaut». Die Kirche wolle jetzt Transparenz schaffen und schauen, wie sie den Betroffenen helfen könne. Dabei stellte er fest: «Wir haben stark an Glaubwürdigkeit verloren – in der Schweiz, aber auch weltweit.»
Büchel scheute sich nicht, noch einmal seinen eigenen Fehler einzuräumen, den er vor rund zehn Jahren zu Beginn seiner Amtszeit als Bischof begangen habe. Es geht um den Fall des mutmasslichen Täters E. M., der unter seinem Vorgänger aktuell war und den er als «behandelt» betrachtet und darum keine Anzeige erstattet und keine Voruntersuchung eingeleitet habe. «Ich habe einen Fehler gemacht, das tut mir leid», sagte Büchel. Dadurch hätten Betroffenen sich erneut nicht ernst genommen gefühlt.
«Eine Pressekonferenz ist für einen Bischof fast wie eine Fegefeuer.»
Bischof Markus Büchel
In der Fragerunde musste der Bischof auch erzählen, wie es dazu kam, dass er am Mittwoch im Zusammenhang mit dem Fall E. M. gegenüber Medien zunächst eine falsche Auskunft gegeben hat. «Eine Pressekonferenz ist für einen Bischof fast wie eine Fegefeuer», sagte er mit einem Augenzwinkern. Eine Stunde lang habe er gegenüber Medien immer wieder die gleichen Fragen beantworten müssen. Immer habe man von ihm wissen wollen, ob er den Namen des mutmasslichen Täters kenne. «Und so ist mir halt der Satz rausgerutscht: Ich weiss es nicht. Statt: Ich darf ihn nicht nennen.»
Der Ton im Saal blieb anständig und respektvoll. So wie sich das Diakon Robert Schätzle wohl gewünscht hat, als er noch in der Kirche programmatisch ankündigte: «Keine Frage muss ausgeklammert werden. Aber wir wollen dabei geschwisterlich bleiben.»
Der St. Galler Bischof wurde nicht mit Vorwürfen bombardiert. Die Pfarreiangehörigen stellten sachliche und berechtigte Fragen, die teils auch Thema in Medienberichten waren. So wollte jemand wissen, ob der Vatikan seine Archive tatsächlich nicht für die Forschung zugänglich mache. Markus Büchel bestätigte, dass es so ist. Ein Mann fragte nach, ob die Opfer Genugtuung bekommen. Hier konnte der Bischof auf den Genugtuungsfonds für verjährte Fälle verweisen.
Aufgeworfen wurde zudem die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat. Mehrfach wurde nach präventiven Massnahmen gefragt: «Was tut ihr, damit keine Missbräuche mehr vorkommen?», wollte eine Frau wissen. Eine andere gab zu bedenken, dass doch ganz am Anfang die Frage der Eignung von Seelsorgenden gestellt werden müsse.
Was manche Gläubige auch beschäftigt, ist der Generalverdacht, der nun auf allen Mitarbeitenden der Kirche lastet. Ein ehemaliger Kirchgemeindepräsident fragt sich, was es mit den Seelsorgenden mache, wenn alle als potentielle Täter dastünden.
Sabine Rüthemann, die Kommunikationsbeauftragte des Bistums, gab unumwunden und in ernsthaften Ton zu: «Es gibt eine Frage, die mich sehr umtreibt, fast mehr als das, was im ‹Blick› steht: Die Frage: Wie geht es unseren Leuten?» Sie danke für jede Unterstützung «und für jedes Nicht-Pauschal-Verurteilen».
«Bischof Markus macht es nicht so schlecht.»
Sabine Rüthemann, Kommunikationsbeauftragte des Bistums
Im Bistum überlege man sich, Aussprachen mit den Seelsorgenden zu organisieren. Jede Begegnung sei wertvoll, so auch das Treffen mit den Seelsorgenden und Gläubigen in Jona, betonte Rüthemann. Und sie fügte hinzu: «Ich danke für jede Unterstützung für Bischof Markus, ehrlich. Er macht es nicht so schlecht.» Eine Aussage, die mit Heiterkeit und Applaus quittiert wurde – trotz allem Ernst.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant