Lisbeth Binder: «Unsere Missbrauchserfahrung soll verjährt sein? Das kann nicht sein»

Lisbeth Binder (72) ist mehrfach Betroffene von sexuellem Missbrauch durch Priester – wie im Film «Unser Vater» zu erfahren ist. «Das kann die Kirche nicht mehr gutmachen», sagt sie. Sie erhofft sich von der Missbrauchsstudie, dass damit das Machtgehabe der Kirchenleitung aufhört. Und die Kirche soll sich betreffend Wiedergutmachung ein Vorbild am Staat nehmen.

Regula Pfeifer

Morgen wird die Pilotstudie Missbrauch in der katholischen Kirche Schweiz publiziert. Was erwarten Sie davon – als Missbrauchsbetroffene?

Lisbeth Binder*: Ich finde gut, dass es diese Studie gibt. Und wünsche mir, dass damit das Machtgehabe der Kirchenleitung dahinfällt. Ich finde, Missbrauch ist mit Macht verbunden. Und Macht ist – überhaupt im Leben – nicht angebracht. In der Kirche wurde die Macht über Jahrzehnte missbraucht, in jedem Bereich. Viele Leute waren davon betroffen – und wir haben uns gewehrt.

Wie meinen Sie das?

Binder: Wir sechs Halbgeschwister haben uns im Film «Unser Vater» über den Priester Anton Ebnöter offenbart und gesagt: So geht es nicht, Ebnöter hat seine Macht eindeutig missbraucht. Dabei wurde er von kirchlichen Verantwortlichen unterstützt, die ihn zwar versetzten, aber nicht klar Stellung bezogen und ihn so im Grunde deckten und gewähren liessen. Ich gehe davon aus, dass das bei anderen übergriffigen Geistlichen ebenso geschah.

«Ich habe Missbrauchsbetroffene ermutigt, sich zu melden.»

Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Binder: Bei den Podiumsdiskussionen, die ich seit Erscheinen des Films bestreite, musste ich an drei Orten feststellen, dass im Publikum Personen sassen, die missbraucht worden sind. Ich merkte das, weil sie ein total blockiertes Verhalten zeigten. Sie haben offenbar den Mut nicht, sich zu outen. Ich habe dann alle Betroffenen ermutigt, sich zu melden. Es gehe ihnen besser, wenn sie sich outeten, als wenn sie alles in sich hineinfressen würden.

Haben Sie und Ihre Geschwister durch Ihr Outing Erleichterung erfahren?

Binder: Bei uns hat jeder und jede eine eigene Geschichte. Die einzige Gemeinsamkeit ist der Erzeuger. Unsere Mütter, auch wenn sie Ebnöter teilweise gern hatten, befanden sich in einer Situation der Unterlegenheit ihm gegenüber.

«Der Zölibat muss abgeschafft werden.»

Was muss sich ändern in der Kirche?

Binder: Der Zölibat muss abgeschafft werden, das sollten die kirchlichen Verantwortlichen einfach mal einsehen, sonst steht die Kirche irgendwann allein da.

Und weiter?

Binder: Die kleinen Änderungen, die eingeführt wurden, reichen nicht. Das habe ich Bischof Bonnemain gesagt. Etwa die psychologischen Abklärungen im Priesterseminar: Das mag für den Moment etwas bringen, aber nicht lebenslang. Und wenn ein Geistlicher den Zölibat nicht einhalten kann, muss er Verantwortung übernehmen. Und der Vorgesetzte muss ihn in den Senkel stellen.

«Es wurden sogar Anwärter zum Priester geweiht, obwohl bekannt war, dass sie Kinder haben.»

Wissen Sie von weiteren Geistlichen, die den Zölibat nicht einhalten?

Binder: Ich weiss von mehreren guten Seelsorgern, die sehr unter dem Machtgehabe der ihnen vorgesetzten Priester leiden. Und von diesen Geistlichen ist bekannt, dass sie Kinder haben. Es wurden sogar Anwärter zum Priester geweiht, obwohl bekannt war, dass sie Kinder haben. Sie wurden nicht zur Verantwortung gezogen und übernahmen keine Verantwortung. Die betreffenden Frauen standen und stehen allein da mit ihren Kindern. Das geht einfach nicht. Aber diese Art Verantwortungslosigkeit existiert bis heute.

Wie merken Sie das?

Binder: Wir Halbgeschwister sind wegen des Filmes aktuell viel in der Öffentlichkeit. Aber hat mal ein Kirchenverantwortlicher uns gefragt, wie es uns geht? Keiner! Und das geht überhaupt nicht, vor allem nicht von Seiten der Kirche. Ich persönlich vermisse ein solches Zeichen von Mitgefühl.

Waren die Podiumsdiskussionen belastend?

Binder: Viele Podiumsdiskussionen waren gut, mit interessanten Gesprächspartnern und wichtigen Fragen. Aber es gab auch wenig erfreuliche, belastende Podien. Vor allem die ersten wühlten mich auf. Ich bekam Aggressionen gegen die Kirche. Insgesamt aber waren die Podiumsdiskussionen positiv, weil ich so meine Lebensgeschichte besser verarbeiten konnte.

Sie haben von Aggressionen gegenüber der Kirche gesprochen…

Binder: Ich bin ein gläubiger Mensch und habe sehr viel gemacht für die Kirche, in der Kirchgemeinde und in der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) im kantonalen und schweizerischen Gremium. Inzwischen habe ich mich total von der Kirche entfernt. Ausschlaggebend war der Moment, als ich während des Filmdrehs von meiner Mutter erfuhr, wie ich entstanden war. Da hatte ich den Schock meines Lebens.

Priester Ebnöter vergewaltigte ihre Mutter…

Binder: Ja, sie erhielt danach von ihm 100 Franken mit der Aufforderung, mich wegzumachen. Das Couvert fand ich nach dem Tod meiner Mutter. Ich heulte und verlor jede Achtung vor Ebnöter. Meine Mutter hat mir dies bis ins hohe Alter verschwiegen. Sie litt aber ihr Leben lang – und ich als Tochter stützte sie, als ob ich ihre Mutter wäre und nicht umgekehrt.

«Wer keine guten, unterstützenden Menschen um sich hat, geht drauf.»

Sie haben mehrfach sexuellen Missbrauch in der Kirche erlebt. Sie sind durch Vergewaltigung gezeugt worden, erlebten als Kind einen übergriffigen Pfarrer und mussten als Erwachsene einen Übergriff ihres Priester-Vaters abwehren. Kann das die katholische Kirche je wieder gutmachen?

Binder: Nein, das alles hat zu viel Leid verursacht. Als wir Halbgeschwister 2013 im Gespräch mit Bischof Bonnemain erfuhren, dass unsere Fälle verjährt seien, widersprach ich ihm: «Das kann gar nicht verjährt sein, das hat so viel stilles Leid verursacht.» Wer keine guten, unterstützenden Menschen um sich hat, geht drauf.

Hatten Sie und Ihre Mutter helfende Menschen um sich?

Binder: Ja, meine Mutter hatte Glück, dass ihre Mutter sie aufnahm und wir beiden auf dem grosselterlichen Bauernhof leben durften. Wäre sie allein gewesen, ich glaube, sie hätte das nicht überlebt. Mir half später mein Mann bei all meinen Fragen und Zweifeln.

Die Kirche kann eine solche Unterstützung wohl nicht bieten…

Binder: Sie fragt ja nicht danach. Aber eigentlich müsste sie psychologische Hilfe bieten. Jedenfalls jenen Menschen, die das brauchen. Mein Halbbruder Toni hat in seiner tiefsten Seele so viel Leid erfahren, als er erfuhr, dass er ein Kuckuckskind ist. Aber seitens der Kirche heisst es einfach: Das ist verjährt.

Haben Sie finanzielle Wiedergutmachung erhalten?

Binder: Nein, nie. Auch meine Mutter nie – ausser den erwähnten 100 Franken von Ebnöter. Obwohl dessen Vorgesetzter, der Pfarrer, davon wusste. Der schickte meine Mutter für die Zeit der Schwangerschaft und Geburt zu seiner Schwester ins Wallis. Damit möglichst niemand davon erfuhr.

«Bei den ehemaligen Verdingkindern hat der Staat finanzielle Wiedergutmachung geleistet.»

Und als ich unlängst um Genugtuung nachfragte, hiess es, es sei verjährt. Das ist ungerecht, denn die Gewalt- und Missbrauchserfahrung von ehemaligen Verdingkindern gilt auch nicht als verjährt. Da hat der Staat finanzielle Wiedergutmachung geleistet.

Sie sind aufgetreten, als die Schweizer Bischöfe um Entschuldigung baten.

Binder: Ja, das war im Dezember 2016 in Sitten.

Wie war das für Sie?

Binder: Ich habe Bischof Bonnemains Anfrage, in Sitten Fürbitten zu lesen, zuerst positiv aufgenommen. Aber damals ging es mir nicht gut – wegen dem Tod meiner Mutter. Der Gottesdienst in Sitten war für mich sehr emotional, fast nicht auszuhalten. Bekannte der Zürcher Kirche erfuhren an jenem Tag erstmals, dass ich Missbrauchsbetroffene bin. Ich musste danach sofort nach Hause gehen.

«Dabei dachte ich, Bischof Gmür sei einer, der es besser macht.»

Was haben Sie vom Anlass erwartet?

Binder: Ich hatte die Hoffnung, dass die Bischöfe nun einen neuen Umgang mit dem Missbrauch in der Kirche suchen würden. Aber ich wurde enttäuscht, es passierte sehr wenig. Vor kurzem habe ich gelesen, wie Bischof Gmür mit einer Missbrauchsbetroffenen umging. Ich war schockiert. Dabei dachte ich, er sei einer, der es besser macht. Ich finde: Wer sich als Seelsorger berufen fühlt, soll seine Arbeit gefälligst machen, also Seelsorge. Und sich nicht als Manager gebärden und Macht ausüben.

*Lisbeth Binder ist eines von sechs erwachsenen Kindern des Priesters Anton Ebnöter, die im Film «Unser Vater» über ihre Lebensgeschichte berichten. Die ehemalige Kirchgemeindepräsidentin lebt in Dietikon ZH.


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