Den Priester im Christentum gibt es erst seit dem 3. Jahrhundert – eine Neuerung, auch aus Gründen des Geldes, sagt der Neutestamentler Martin Ebner. Frauen sollten nicht das Frauenpriestertum fordern. Es sei eine «Falle». Zudem: Die Kirche brauche keine Priester, um existieren zu können. Er schlägt stattdessen ein Gemeindemodell der Beauftragung vor.
Jacqueline Straub
Sie haben ein Buch mit dem Titel «Braucht die katholisch Kirche Priester?» geschrieben. Sie selbst sind Priester. Warum sollte Ihre Berufsgruppe abgeschafft werden?
Martin Ebner*: Ich will nicht die Berufsgruppe abschaffen und ich will auch nicht den Seelsorgenden abschaffen. Ebenso wenig die Lebensform Priester.
«Gegen diese Zentrierung auf einen Stand protestiere ich.»
Was stellen Sie dann in Frage?
Ebner: Ich möchte zur Diskussion stellen, dass der Stand des Priesters mit ungeheuren Privilegien verbunden ist. Der Priester allein darf der Eucharistiefeier vorstehen, predigen und Leitung innehaben. Gegen diese Zentrierung auf einen Stand, bei dem die Qualitätskriterien darin bestehen, dass man Mann ist und sich zu einem Zölibatsversprechen überreden lässt, dagegen protestiere ich.
Was finden Sie so problematisch am Begriff «Priester»?
Ebner: Das deutsche Wort «Priester» kommt von Begriff «Presbyter». Ein Presbyter ist ein Ratsherr, also ein ganz weltlicher Posten. Aber das, was ein Priester im Altertum macht, gehört in die sakrale Sphäre. Mit dem Priester ist automatisch eine Überhöhung, Abgrenzung, etwas Besonderes verbunden. Er ist dem normalen Alltag enthoben. Von der Etymologie her ist das eine Täuschung.
«Das Tempelopfer wurde für sie dadurch überflüssig.»
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der heutige Priester mit der Sünde-Opfer-Vorstellung des Alten Testaments zusammenhängt. Inwiefern?
Ebner: Der Tod Jesu am Kreuz ist eine Bestrafung der Aufständischen im Römischen Reich. Christen haben diesen schändlichen Tod jedoch positiv gedeutet: Im Kreuzestod Jesu habe Gott das bewirkt, was im Tempel nur durch einen Priester mit einem blutigen Opfer bewirkt werden kann, die Sündenvergebung durch ein Tieropfer.
Die Priester im Tempel in Israel tropften das Blut eines Tieres auf einen Altar. Dadurch sollte die Schuld eines Menschen getilgt werden.
Ebner: Genau. Auf den Brandopferaltar vor dem Tempel, beziehungsweise auf die Sühne-Platte im Allerheiligsten des Tempels – durch den Hohepriester. Diese Vorstellung wurde auf Jesus übertragen. Christen glauben: Jesus wurde in seinem Tod von Gott zu dieser Sühne-Platte gemacht. Das Tempelopfer wurde für sie dadurch überflüssig. Wenn sie sich beim Herrenmahl an diesen so gedeuteten Tod Jesu erinnerten, wurden Sünden vergeben: «Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden» (Mt 26,28). Für die Glaubenden brauchte es keine Priester mehr, die am Tempel Tieropfer darbrachten.
«Bischöfe mussten verheiratet sein.»
Ist das nicht eine massive Kultkritik, die Sie da betreiben?
Ebner: Ich habe nichts gegen den Kult. Denn Kult bedeutet, Riten vollziehen, und das tut vielen Menschen gut. Ich würde es eher Institutionskritik nennen. Denn es schiebt sich eine Kaste zwischen den normalen Gläubigen und Gott, die das Privileg für sich in Anspruch nimmt, dass nur ein Priester als Vermittler zwischen Gott und Menschen fungieren kann. Genau das passiert im 3. Jahrhundert. Und da berühren wir einen ganz wunden Punkt der Kirchengeschichte.
Was meinen Sie damit?
Ebner: Im dritten Jahrhundert bezeichnen sich zunächst Bischöfe, dann auch Presbyter als Priester. Das hat seine Gründe: Das Amt wurde bis dato ehrenamtlich ausgeführt. Bischöfe mussten verheiratet sein. Nun wurden aber die Gemeinden grösser und somit wurden auch die Aufgaben mehr. In dieser Zeit kam zum ersten Mal die Forderung auf, dass Gemeindevorsteher besoldet werden sollen. Das war schwierig zu begründen.
Es gibt keinen neutestamentlichen Beleg dafür.
Ebner: Genau. So griff man auf das alttestamentliche Priesterbild. Dort war es üblich, dass der Zehnt der Ernte an die Priesterschaft ging. Die symbolische Bezeichnung der Gemeindeleiter als Priester stützte nicht nur die profane Forderung einer Besoldung, sondern führte auch dazu, dass die Vorstellung des alttestamentlichen Priesters, einer, der ein Opfer darbringt und über dem Volk steht, Einzug hielt in die christliche Theologie.
«Priester hatten in dieser Welt eine gesellschaftlich privilegierte Stellung.»
Wie kam es, dass in der Kirche Altäre einzogen? Die ersten Christinnen und Christen feierten Gottesdienst gemeinsam an einem Tisch.
Ebner: Das hängt mit dieser «Verpriesterlichung» zusammen. In der römisch-geprägten Welt war «Religion» gleichbedeutend mit «cultus». Hierfür brauchte es Priester, Altäre und Opfer. Priester hatten in dieser Welt eine gesellschaftlich privilegierte Stellung, im Judentum genauso wie im paganen Raum.
«Unter Kaiser Konstantin wurden die christlichen Priester mit den heidnischen Priesterschaften gleichgestellt.»
Zu dieser gesellschaftlich anerkannten Gruppe konnten sich dann auch christliche Gemeindeleiter zählen, sobald sie sich als «Priester» verstanden. Entsprechend wurde dann auch ihre Tätigkeit bei der Herrenmahlfeier als «Opfer» verstanden, und der Tisch, auf dem die Gaben von Brot und Wein standen, «Altar» genannt. Und sie wurden schliesslich auch so gestaltet, wie in der Antike Altäre aussahen: als Steinblock. Unter Kaiser Konstantin wurden die christlichen Priester mit den heidnischen Priesterschaften gleichgestellt – und genossen damit auch Steuerfreiheit.
Es ging also auch um Geld. Auch im 12. Jahrhundert, als das Zölibat zur Pflicht wurde und damit eine legale Vererbung von Kirchengütern ausgeschlossen wurde.
Ebner: Nicht nur da. Im 7. Jahrhundert führten die iroschottischen Mönche die Einzelbeichte ein. Als Busse wurde Askese aufgetragen, eine bestimmte Anzahl von strengen Fasttagen. Die konnten später dann durch Psalmengebete abgelöst werden. Auch das wurde vielen zu umständlich, sodass man als Busse für die Sünden Messen lesen liess – und dafür Geld bezahlte.
Braucht die katholische Kirche Priester, um existieren zu können?
Ebner: Nein.
«Es braucht beides: Expertinnen und Zeugen für den Glauben.»
Warum nicht?
Ebner: Der Auftrag des Christentums ist, eine Botschaft zu künden, die ein gutes Leben, ein gutes Miteinander vermittelt. Aber für ein Miteinander unterschiedlich gestellter Menschen in Verantwortung vor Gott braucht es keine Priester. Dafür braucht es Menschen, die überzeugend diesen Glauben leben – und ihn auch verstanden haben. Es braucht beides: Expertinnen und Zeugen für den Glauben.
«Die Gemeinde vor Ort sollte an erster Stelle stehen.»
Was für ein Modell schlagen Sie vor?
Ebner: Menschen, die sich in Gemeinden für den Glauben engagieren, sollten eine offizielle Beauftragung erhalten, um eine Gemeinde zu leiten oder auch Eucharistie zu feiern. Die Gemeinde vor Ort sollte an erster Stelle stehen.
Welchen Begriff schlagen Sie statt «Priester» vor?
Ebner: Seelsorger klingt etwas veraltet, ist aber ein neutraler Begriff. Ansonsten würde ich Funktionsbegriffe für die Ämter vorschlagen: Gemeindeleiterin, Liturge, Gottesdienstvorsteher, Predigerin, Pfarrgemeinderat (im Sinn des Presbyters), ganz einfach.
Sie plädieren für eine Dezentralisierung der kirchlichen Aufgaben. Dabei sollte auch die Weihe abgeschafft werden. Warum?
Ebner: Sobald die Weihe im Spiel ist, sehe ich eine Gefahr.
«Es findet eine Sakralisierung einer Person statt. «
Inwiefern?
Ebner: Weil mit der Weihe eine Überordnung hineinkommt. Man wird durch die «Ordination» in einen höheren Stand versetzt. Und: Es findet eine Sakralisierung einer Person statt. Eine Beauftragung ist etwas anderes. Man erhält einen Auftrag für eine bestimmte Zeit. Eine Weihe hat ja die Aura, dass man aus dem normalen Leben herausgehoben wird, für immer verändert wird – und deshalb überall priesterlich agieren kann.
Bei der Priesterweihe legt der Neupriester seine gefalteten Händen in die Hände des Bischofs. Sie haben das nicht gemacht. Warum?
Ebner: Dieser Gestus entspricht dem mittelalterlichen Lehnseid. Der Priester ist diesem Bischof und seinen Nachfolgern zum Gehorsam verpflichtet. Der Bischof ist wiederum verantwortlich für seinen Priester.
In der Schweiz wurde kürzlich ein Fall bekannt, bei dem ein Bischof nicht Verantwortung für einen Priester übernehmen wollte, da er in einem anderen Land geweiht wurde.
Ebner: Nach meinem Modell – sofern es den Bischof noch gibt – könnte sich der Bischof nicht aus seiner Verantwortung herausstehlen, weil er für sein Gebiet Verantwortung trägt – und den betreffenden Priester ja wohl auch selbst dort eingesetzt hat.
Nach Ihrem Modell sollen Menschen für Aufgaben beauftragt werden. Wie stellen Sie sich das vor?
Ebner: Mehrere Menschen pro Gemeinde werden für bestimmte Aufgaben eingesetzt. Diese stammen aus der Gemeinde selbst und werden auch von der Gemeinde ausgewählt. Sie können für sieben oder zehn Jahre dieses Amt bekleiden, eine weitere Amtsperiode ist möglich. Sie arbeiten in Teams zusammen; das verhindert die Zentrierung auf eine Person und somit auch Klerikalismus. Und vor allem führt das dazu, dass keine ausländischen Priester mehr in Gemeinden eingesetzt werden, deren Kultur und Sprache sie kaum verstehen. Und: Wenn der Bischof jemanden nicht beauftragen will, muss er Gründe dafür nennen.
«Die Amtskirche will gar keine Frauen in kirchlichen Ämtern.»
Die Gemeinden sind aber dennoch auf einen Priester angewiesen, der die Sakramente mit ihnen feiert. Wie wollen Sie das Problem lösen?
Ebner: Es braucht eine theologische Reflexion darüber, dass Menschen – durch eine Beauftragung – in ihren Gemeinden Sakramente feiern dürfen. Gemeinden werden das akzeptieren.
Sie sprechen sich gegen die Priesterweihe aus. Sollten Frauen überhaupt das Priesteramt anstreben?
Ebner: Nein, das ist für mich eine Falle. Denn sie gehen in das alte System Kirche, das eine Kaste zwischen Gläubigen und Gott eingeführt hat. Frauen zwängen sich somit in ein Korsett – und ich weiss nicht, ob sie sich dann von dem Korsett lösen können. Es wäre aber sicherlich eine Zwischenlösung. Ich möchte aber auch hinzufügen: Die Amtskirche will gar keine Frauen in kirchlichen Ämtern.
Woran machen Sie das fest?
Ebner: Die Amtskirche könnte Frauen, die das Zölibat versprechen, weihen. Das würde am System nichts ändern, aber emotional ändert es etwas an der Männergesellschaft. Mehr sage ich nicht.
«Das 19. Jahrhundert brachte einen Bruch mit der Tradition der ersten Jahrhunderte.»
Ist Ihr Modell überhaupt noch katholisch?
Ebner: Es rüttelt am Modell der katholischen, zentralistischen Kirche des 19. Jahrhunderts, ja. Aber was ist katholisch? Dass die Ämter nur an zölibatär lebende Männer vergeben werden? Dass wir Frauen ausschliessen, ist das christlich? Manchmal muss man umgekehrt fragen: Was wollen wir nach aussen zeigen, was für uns typisch ist. Das 19. Jahrhundert brachte einen Bruch mit der Tradition der ersten Jahrhunderte. Im dritten Jahrhundert kam es durch die Einführung des Priestertums bereits zu einem Bruch mit dem frühen Christentum. Neue Modelle sind also möglich – und notwendig.
*Martin Ebner (67) ist Priester der Diözese Würzburg und war Professor für Exegese des Neuen Testaments an den Universitäten Münster und Bonn.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martin-ebner-die-priesterweihe-ist-eine-gefahr/