Weniger hart und direkt: Westschweizer Bistum passt französische Übersetzung des Verhaltenskodex an

Vor rund einem Jahr hat das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg im deutschsprachigen Teil der Diözese einen Verhaltenskodex eingeführt, um Missbrauch vorzubeugen. Die französischsprachige Fassung soll – vor ihrer Einführung – sprachlich an «die Gegebenheiten» der frankophonen Welt angepasst werden. Der noch junge Bischofsrat für Prävention kündigt zudem an, dass künftig auch die neuen geistlichen Gemeinschaften in die Präventionsarbeit integriert werden.

Barbara Ludwig

Seit Mai vergangenen Jahres existiert im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg ein «Conseil épiscopal Prévention» – ein Bischofsrat für Prävention. Das Gremium unterstützt den Bischof im Kampf gegen sexuellen und spirituellen Missbrauch, aber auch gegen Machtmissbrauch. Gegründet wurde der Bischofsrat Prävention, um die Prioritäten in diesem Bereich zu ermitteln.

Kodex in französischer Sprache begutachtet

Nun zieht das Gremium erstmals Bilanz über seine Tätigkeit, wie das Bistum am Donnerstag mitteilt.  Der Bischofsrat Prävention, dessen Mitglieder vom Bischof ernannt wurden, hat sich unter anderem mit dem Verhaltenskodex befasst. Dieses Dokument soll die kirchlichen Mitarbeitenden und freiwillig Engagierte im Umgang mit Macht schulen – um sexuellen und geistlichen Missbrauch vorzubeugen.

Im deutschsprachigen Teil des Bistums wurde der Kodex vor rund einem Jahr eingeführt – im frankophonen Teil ist es noch nicht so weit. Laut der Pressemitteilung haben rund 30 Personen mit unterschiedlichem Hintergrund die französischsprachige Fassung unter die Lupe genommen. Die Lektorinnen und Lektoren seien sich inhaltlich einig. «Sie fordern aber, dass die Sprache an die Gegebenheiten der französischsprachigen Welt angepasst wird.»

Kontraproduktive Wirkung befürchtet

Warum ist dies notwendig? «Die Sprache des deutschen Kodex ist direkter», teilt Mari Carmen Avila kath.ch mit. Die Religionswissenschaftlerin ist Präventionsbeauftragte des Bistums und leitet den Bischofsrat Prävention als Vertreterin des Bischofs. Obschon der Kodex von Profis übersetzt worden sei, habe man beim Lesen der Übersetzung festgestellt, dass die Sätze als «hart» empfunden werden könnten und die Wirkung kontraproduktiv ausfallen könnte, so Mari Carmen Avila.

«Man hätte das Gegenteil von dem erreicht, was wir anstreben. Statt Sensibilisierung entsteht der Eindruck, in eine Zwangsjacke gesteckt zu werden.» Dabei sollte der Verhaltenskodex ein nützliches Instrument sein, um die kirchlichen Ämter «mit Leidenschaft, in Freiheit und im Respekt vor der Würde aller Getauften» auszuüben. Wann der französischsprachige Verhaltenskodex eingeführt wird, ist derzeit noch offen.

Der Verhaltenskodex des Westschweizer Bischofs lehnt sich stark an das Pendant des Churer Bistums an, das als erstes Schweizer Bistum einen «Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht» entwickelt hatte. Dort kritisierte eine Minderheit von Priestern – der sogenannte Churer Priesterkreis – einige Passagen des Dokuments und verweigerten ihre Unterschrift.

Religiöse Gemeinschaften besser begleiten

Der Bischofsrat Prävention der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg hat sich zudem vorgenommen, demnächst die Präventionsmassnahmen zu aktualisieren. Hier geht es etwa um die Interaktion zwischen involvierten Gremien oder die Entwicklung von Schulungen.

Dabei wird der Kreis der Adressaten erweitert: Das Gremium kündigt an, künftig die neuen geistlichen Gemeinschaften und generell die religiösen Gemeinschaften in die Präventionsarbeit zu integrieren. Betroffen davon sind damit auch die charismatischen Gemeinschaften. Mari Carmen Avila bestätigt gegenüber kath.ch, dass dies eine Neuerung darstellt. «Es genügt ein Blick auf die vielen Nachrichten – in Frankreich und anderswo – um sich bewusst zu werden, dass die Prävention bislang nicht Teil der Begleitung durch die Kirche war, weder bei den alten Kongregationen noch den neuen Gemeinschaften», stellt die Fachfrau kritisch fest.

Neue Gemeinschaften müssen Reifeprozess durchlaufen

Auch in der Romandie hatten verschiedene Gemeinschaften für negative Schlagzeilen gesorgt. Im Juli vergangenen Jahres wurde zum Beispiel die charismatische Gemeinschaft «Verbe de Vie» wegen «ernsthaften und systembedingten Störungen» aufgelöst. Sie unterhielt auch ein Haus im Kanton Freiburg. Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, rief dazu auf, mögliche Fälle von spirituellem oder sexuellem Missbrauch der Polizei oder dem Bistum zu melden.

«Die neuen geistlichen Gemeinschaften müssen noch einen wichtigen Reifeprozess durchlaufen», schreibt Mari Carmen Avila weiter. Sie müssten in ihrem missionarischen Elan, der sich als «aufdringlich» erweisen kann, begleitet werden. Die Präventionsbeauftragte findet, die Ordensleute generell sollten die mit den drei Gelübden verbundene Anthropologie überdenken – also Gehorsam, Keuschheit und Armut. Insbesondere das Gehorsamsgelübde führe – wenn es falsch verstanden werde – oft zu Machtmissbrauch.

Seelsorgende vor Ort betreuen

Als wichtig für die Prävention erachtet der Bischofsrat die Betreuung der Seelsorgenden vor Ort. Dies geschieht mit Hilfe der «lokalen Taskforces» und in Zusammenarbeit mit den Personalabteilungen der Kantonalkirchen, heisst es in der Mitteilung. Der Taskforce gehören jeweils an: Mari Carmen Avila als Vertreterin des Bischofs sowie Verantwortliche für Pastoral und Administration in den betreffenden Gebieten.

Für Priester aus anderen Ländern, die in der Diözese eingesetzt werden, wurde zudem eine bereits bestehende Einführung in die Schweizer Kultur weiterentwickelt. Sie sollen drei Monate lang Zeit haben, um in die neue Kultur einzutauchen – und zwar noch bevor sie ihr künftiges Amt ausüben.

Zu den wichtigsten Präventionsmassnahmen zählt Mari Carmen Avila eine vertiefte Schulung aller Seelsorgenden – mit und ohne Weihe. Dabei gehe es nicht nur darum, bestimmte Umstände oder Verhaltensweisen zu vermeiden, die Missbrauch begünstigen. Wichtig sei viel mehr auch, Akteur einer neuen Kultur innerhalb der Kirche zu sein, in der jede und jeder seinen beziehungsweise ihren Platz findet, um im Glauben zu wachsen.


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