Alexander VI. – Der «Familienmensch»

Er macht seinen Sohn zum Kardinal und lässt den Mann seiner Lieblingstochter ermorden. Wer dem Borgia-Papst Alexander VI. in die Quere kommt, findet oft ein unrühmliches Ende. Aber mit dem Tod Alexanders VI. fällt das Borgia-Imperium sofort in sich zusammen.

Annalena Müller

Nicht mal richtig zählen kann er. Als Rodrigo Borgia 1492 zum Papst gewählt wird, nennt er sich Alexander VI. Eigentlich aber ist er erst der fünfte Papst dieses Namens. Denn «Alexander V.» steht auf der Liste der Gegenpäpste und ist damit nicht Teil der offiziellen Zählung. Aber auf dieses Detail kommt es dabei auch nicht mehr an. Denn Alexanders Pontifikat ist alles, nur kein rühmliches – egal, wie man zählt.

Gekaufte Wahl und Machthunger

Jeder Kardinal, der Rodrigo Borgia im Konklave seine Stimme gibt, weiss, was er tut. Und warum er es tut: für Geld. Davon verspricht Rodrigo den Kardinälen viel – wenn sie ihn wählen. Simonie nennt man den Kauf kirchlicher Ämter, welche in der Renaissance gang und gäbe ist.

Kaum inthronisiert bricht Alexander VI. (1492-1503) die meisten seiner Versprechen. Darüber beschweren sich die unbezahlten Kardinäle. Deren Klagen wiederum sind der Grund, warum wir heute von Alexanders leeren Versprechungen wissen.

Es zeigt sich schnell, dass Alexander nur seiner Familie gegenüber loyal ist. Er will die aus Spanien stammenden Borgia als bleibenden Machtfaktor in der Kirche und in Italien etablieren.

Skrupelloser Familienmensch

Seinen Sohn Cesare (1475-1507) macht Alexander VI. 1493 zum Kardinal. Nur um ihn fünf Jahre später zu laisieren und mit einer einflussreichen französischen Adeligen zu verheiraten. Cesare ist erfolgreich und skrupellos. Er erobert zahlreiche Städte der Romagna, wo die Borgia sich ein Herzogtum aufbauen wollen.

Seine Lieblingstochter Lucrezia (1480-1519) verheiratet Alexander zunächst an einen Sprössling der einflussreichen Sforza. Als diese Verbindung nicht mehr vorteilhaft ist, annulliert der Papst-Vater diese wegen angeblicher Impotenz des Gatten und verheiratet seine Tochter an einen unehelichen Sohn des neapolitanischen Königshauses. Es ist nur ein «Zwischenparken» der Tochter, bis sich eine bessere Partie abzeichnet. 1500 ist es soweit. Der neapolitanische Prinz muss weichen. Lucrezias Bruder, Cesare, ermordet ihn, wohl im Auftrag des Vaters.

Ein Kartenhaus des Terrors

Die Borgia gründen ihre weltliche Macht auf Terror. Feinde finden ein unrühmliches Ende – nicht selten fischt man ihre Leichen aus dem Tiber. Allerdings machen die Borgia einen entscheidenden Fehler beim Aufbau ihrer Macht. Sie teilen ihre Beute nicht mit ihren Verbündeten. Der Papst und sein Clan haben viele Feinde, aber kaum Freunde. Im ersten Moment der Schwächte fällt die Macht der Borgia daher auch in sich zusammen.

Im Sommer 1503 erkranken Alexander VI. und Cesare an der Malaria. Der Papst stirbt am 18. August. Cesare überlebt, aber ohne den Schutz des päpstlichen Vaters, findet er sich schnell in verschiedenen Kerkern wieder. Zwar gelingt ihm nach einigen Jahren die Flucht. Aber er fällt 1507 in einer Schlacht, politisch bedeutungslos geworden. Lucretia Borgia darf bei ihrem dritten Ehemann, dem Fürsten von Ferrara, bleiben. Aber auch sie wird nicht alt. 1519 stirbt sie im Alter von 39 Jahren an Kindbettfieber.

Mit Alexander VI. hat das Papsttum seinen moralischen Tiefpunkt erreicht. Während Sixtus IV. wenigstens Klosterreformen vorantrieb und die Sixtinische Kapelle ausmalen liess, scheffelt Alexander VI. nur in die Tasche seiner Familie. Bei den Gläubigen und Gelehrten erweckt das Renaissance-Papsttum vor allem Abscheu. Unter denjenigen, die laut Reformen forderten, war auch ein gewisser Martin Luther.

Lesen Sie am 13. August das Porträt Pius VI. Er wollte die Macht des Papsttums erneuern und verlor den Vatikanstaat an Napoleon. Pius VI. – Der grosse Verlierer.


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