Jesus hätte sich auf das knallgelbe Bänkli gesetzt

Sitzbänke mit der Aufschrift «Wie geht’s dir?» sollen im Kanton Baselland Menschen zum Gespräch über die psychische Gesundheit einladen. Im Jura-Dorf Lupsingen sprechen die Diakoniechefin der katholischen Landeskirche und die Gemeinderätin über die christlichen und weltlichen Werte einer solchen Bank.

Boris Burkhardt

Es scheint zu funktionieren: Aus Verena Gauthier und Marie-Rose Beutling sprudeln die Gedanken nur so heraus, als sie gemeinsam auf der knallgelben Bank vor dem Dorfladen in Lupsingen sitzen. Der Autor, der mit auf der Bank sitzt, muss die ersten zwanzig Minuten keine Fragen stellen und nur eifrig mitschreiben. Die beiden haben es selbst erfahren: «Die Leute sprechen uns an, seit wir hier sitzen.»

«Wie geht’s dir?»-Bänkli

«Wie geht’s dir?» steht in grossen schwarzen Lettern auf dem obersten der Bretter der Rückenlehne. Die Bank ist eine von 30, die die Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) des Kantons Baselland in Baselbieter Gemeinden aufgestellt hat. Mit dieser Aktion im Rahmen der nationalen Kampagne «Wie geht’s dir?» will die VGD die Baselbieter ermuntern, «Kontakte zu knüpfen, einander zuzuhören und sich mit dem Thema der psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen», wie sie in der Pressemitteilung zum Aktionsstart Anfang Mai schreibt.

In Lupsingen steht das «Wie geht’s dir?»-Bänkli seit wenigen Wochen an der Ost-, das heisst windgeschützten Seite des Dorfladens, mit Blick Richtung Dorfplatz, «schön eingenistet», wie die beiden Frauen sagen, zwischen dem Verkaufsregal für Kohlesäcke und dem Kasten für die PET-Rückgabe. Schon von weitem, sagt Gauthier, könne man die Bank und den Schriftzug lesen, wenn man ins Dorf einfahre. «Gelb hat eine Ausstrahlung. Die Farbe zieht an», stimmen die beiden Frauen überein.

Lupsingen im Baselbieter Jura

Lupsingen ist ein typisches Dorf im Oberbaselbieter Jura: 1475 Einwohner, ein Dorfplatz zwischen Gemeindehaus, Spielplatz und Dorfladen; im September ist nach einigen Jahren wieder ein Dorffest geplant. Hier gibt es kaum Durchgangsverkehr: Wer nach Lupsingen fährt, hat auch in Lupsingen etwas zu tun. Eine Kirche hat das Dorf keine: Die Katholiken gehen schon immer das Orisbachtal hinunter nach Liestal, die Reformierten über den Berg in den südlichen Nachbarort Ziefen.

Verena Gauthier und Marie-Rose Beutling wohnen beide in Lupsingen: Beutling ist die Gemeinderätin, die sich um das «Wie geht’s dir?»-Bänkli beworben hat; Gauthier ist in der katholischen Landeskirche des Kantons zuständig für die Fachstelle Diakonie.

Gelbe Bänkli als Symbol für die Kirche

Das «Wie geht’s dir?»-Bänkli ist für Gauthier ein Symbol für die Kirche, «hinauszugehen an die Orte, wo sich die Menschen treffen». Genau das empfiehlt sie den Theologen in den Kirchgemeinden. «Auch Jesus ist immer zu den Menschen gegangen, war mit ihnen unterwegs. Er handelte dort, wo er das Leiden sah», sagt Gauthier. Die Diakonie stehe in der Nachfolge dieser Hinwendung Jesu zu den Menschen.

«Alles ist unterstützenswert, was das Zwischenmenschliche im Dorf fördert.»

Als Gauthier das Bänkli am vergangenen Wochenende erstmals bemerkte, sei eine ältere Frau darauf gesessen: «Zusammen mit der Frage auf der Bank hat mich das sehr berührt.» Sie selbst könne sich gut vorstellen, in Zukunft nach einem Einkauf noch ein halbes Stündlein auf der Bank sitzen zu bleiben: «Ich mag es, mit den Menschen zu reden.» Nächstes Jahr werde sie pensioniert: «Dann habe ich Zeit.»

Bänkli gegen Einsamkeit

«Wenn man hier beim Dorfladen sitzt und hinaus auf den Platz sieht, können die Menschen zu einem kommen», findet Beutling: «Auf dieser Bank hat der Mensch eine Funktion.» Nur 30 von 86 Einwohnergemeinden haben das Angebot des Kantons einer solchen kostenlosen Bank angenommen. Beutling war die Idee ein wirkliches Anliegen: «Ich bin sehr glücklich, dass wir eine Bank bekommen haben.» Sie findet die Idee so gut, dass sie auch eine auf Kosten der Gemeinde angeschafft hätte, hätte der Kanton sie nicht spendiert: «Alles ist unterstützenswert, was das Zwischenmenschliche im Dorf fördert.» Gauthier ergänzt: «Wenn das Soziale im Dorf funktioniert, ist das präventiv gegen psychische Krankheiten.»

In ihrer Arbeit für die Landeskirche nimmt Gauthier Einsamkeit als stark zunehmendes Problem wahr: Es werde in der mittelfristigen Zukunft immer mehr einsame Senioren geben, weil aufgrund mangelnder Pflegeplätze immer mehr Menschen so lange wie möglich daheim wohnen bleiben müssten. Aber auch mittelalte und junge Menschen seien zunehmend einsam: «Es gibt immer mehr Singles; immer mehr Menschen suchen einen Partner.» Eine reformierte Kirchgemeinde in Zürich habe sogar schon ein Speeddating organisiert. In einer repräsentativen Umfrage, berichtet Gauthier, eruierten die beiden Baselbieter Landeskirchen gerade explizit, welche Auswirkungen die Einsamkeit auf die Menschen habe und was sie sich gegen die Einsamkeit wünschten. 

Viele Projekte gegen Einsamkeit

Gauthier will aber nicht nur schwarzmalen: Es gebe bereits viele gute Projekte, mit denen die Kirche zu den Menschen gehe und sie aus der Einsamkeit hole, sei es der einfache Seniorenmittagstisch, der Spielenachmittag oder der Familientag, sei es ein ganzes kulturelles Programm wie der Jurtensommer in der Liestaler Pfarrei Bruder Klaus. Ausserdem vergleicht sie das Bänkli mit dem Roten Sofa, auf dem die Kollegen von der Schwesterkirche in Basel-Stadt an öffentlichen Plätzen Passanten zu zwanglosen Gesprächen einladen. Die Schwierigkeit sei, die Angebote den Menschen bekanntzumachen, findet Gauthier: Für Baselland hat sie deshalb alle Angebote zusammengefasst.

Den Kampf gegen die Einsamkeit dürfe die Gesellschaft aber nicht den Profis überlassen, mahnt Gauthier. Hierzu sei das Bänkli perfekt; es biete die niederschwellige Chance, in Kontakt zu kommen: «Es gibt jedem die Möglichkeit zu sagen: Ja, cool, ich setze mich mal her und schaue, was passiert.» Beutling kann sich auch vorstellen, dass die Gemeinde ein Zeitungsabo löst und im Dorfladen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, um sie auf der Bank zu lesen, wie es früher in Wirtschaften üblich war.

Wie werden die einstigen Senioren einer Gesellschaft, die zunehmend auf Individualismus setzt und den Sinn für Solidarität verliert, Einsamkeit empfinden? Werden auch sie es mögen, in der Öffentlichkeit angesprochen zu werden, wie es für die heutige Seniorengeneration zumindest im Dorf noch selbstverständlich ist? «Wenn man hier auf dem Bänkli sitzt, ist es etwas anderes, angesprochen zu werden, als auf der Strasse», findet Gauthier: «Alles, was Menschen niederschwellig aus der Einsamkeit holt, wird angenommen. Heute ist das Bedürfnis danach jedenfalls da.»


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/jesus-haette-sich-auf-das-knallgelbe-baenkli-gesetzt/