Der Sommer ist schon wieder recht heiss. Hitzetage mit 30 Grad und mehr plagen viele. Dabei ist Hitze ein biblisches Phänomen – nicht nur, wenn man an die Hitze im Heiligen Land zu Zeiten des Alten und Neuen Testaments denkt. Wie gehen Seelsorgende heutzutage mit sengender Sonne um?
Wolfgang Holz
«Und es geschah, als die Sonne aufging, da entsandte Gott einen heissen Ostwind, und die Sonne stach Jona aufs Haupt, sodass er ganz matt wurde; und er wünschte sich den Tod und sprach: Es ist besser, dass ich sterbe, als dass ich am Leben bleibe!» (Jona 4,8)
Während wir in mitteleuropäischen Breitengraden über die sommerliche Hitze stöhnen, vergisst man oft, dass echte Hitze dort zuhause ist, wo sich die biblischen Geschichten im Alten und Neuen Testament abspielen: Im Heiligen Land.
Dort ist man wahrlich nicht verwöhnt vom Klima. Es gibt nur das kleine Rinnsal des Jordans, der schon in biblischen Zeiten kein riesiger Fluss war. Es gab damals also kaum eine sichere natürliche Bewässerung. Deswegen war man abhängig von den Regenfällen, die sich nur auf wenige Monate beschränken. Und wenn die nicht fielen, war das Land in Not.
Auch Dekan Pfarrer Kurt B. Susak – der in Davos das Thermometer höchst selten mal auf 30 Grad klettern sieht – kennt die sengende Sonne im Heiligen Land.
«Eine derartige Hitze habe ich noch nicht erlebt.»
Dekan Pfarrer Kurt Susak, Davos
«Wir sind einmal im Sommer auf einer Israel-Reise im Jordan-Tal nach Jericho unterwegs gewesen. Da hatte es sage und schreibe eine brütende Hitze von 51 Grad Celsius», erinnert sich Susak.
«Eine derartige Hitze habe ich noch nicht erlebt», berichtet der Davoser Seelsorger. Zwar sei die Hitze sehr trocken gewesen. «Aber wir waren dann schon froh, mit der Gruppe wieder ins klimatisierte Auto einsteigen zu können.»
Eigentlich liebt der Davoser Dekan den Sommer und die Wärme. «Man sollte sich halt nicht in der Mittagszeit in der prallen Sonne aufhalten und genug Wasser trinken», sagt der 44-Jährige, der aus dem Allgäu stammt und seit 13 Jahren Pfarrer von Davos ist. Den Klimawandel mit Hitze und Dürre sieht er nicht als Strafe oder Plage Gottes – wie es im Alten Testament nicht selten dargestellt wird. Aber nachdenklich sollte er schon machen.
«Zum einen ist der Klimawandel ein Phänomen der Natur in Gestalt von Eiszeiten und Hitzeperioden», ist Kurt Susak sich bewusst. «Das Klima und das Wetter hat der Mensch letztlich nicht in der Hand.» Zum anderen werde der Klimawandel durch das menschliche Verhalten aber mitgeprägt. Und zwar massiv.
«Die Schöpfung zu bewahren und sich für Umwelt- und Naturschutz einzusetzen, ist eine wichtige Aufgabe für alle Menschen.»
Kurt Susak
«Wir können auch durch unser Verhalten den Klimawandel beziehungsweise die Umwelt positiv oder negativ beeinflussen.» Er sei zwar kein Alarmist und warne vor Hysterie. «Aber die Schöpfung zu bewahren und sich für Umwelt- und Naturschutz einzusetzen, ist eine wichtige Aufgabe für alle Menschen. Es ist dem Christentum in die DNA eingeschrieben, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si’ betont.»
In der alltäglichen Gottesdienstliturgie spürt der Seelsorger, dass dem Wetter- und Alpsegen angesichts des Klimawandels immer mehr Bedeutung zuwächst und die Menschen dadurch sensibilisiert werden. «Diesen Segen schätzen die Gläubigen sehr.»
Der Herr wird dich schlagen mit Schwulst, Fieber, Hitze, Brunst, Dürre, giftiger Luft und Gelbsucht und wird dich verfolgen, bis er dich umbringe. (5 Moses 28:22)
«Ich habe Hitze gern, wenn sie nicht oberschwül ist», sagt Diakon Stefan Staub aus Teufen, einer katholischen Kirchgemeinde im Appenzellischen. Auch dort wird es nicht so heiss wie im Mittelland.
«Ich habe einen guten Wasserhaushalt in meinem Körper.»
Stefan Staub, Diakon in Teufen
Doch selbst wenn es mal richtig heiss wird, kann der katholische Seelsorger die Wärme geniessen.
«Ich habe einen guten Wasserhaushalt in meinem Körper», verrät er. Ausserdem schaltet er bei Hitze gerne mal «zwei, drei Gänge runter» und nimmt sich eine Auszeit. «Ich sitze bei Hitze beispielsweise mit Vorliebe auf meinem Balkon und wechsle vom Schatten in die Sonne und zurück.»
Allerdings hat der 56-jährige Seelsorger auch schon ganz andere Temperaturen erlebt. «Als ich im Sommer 2020 einen Hilfstransport nach Mossul in den Nordirak begleitete, herrschte dort eine Hitze von 45 Grad Celsius.
«Die sengende Sonne war eindeutig zu viel für mich. Ich dehydrierte, litt permanent an extremem Kopfweh und fühlte mich als Helfer auch irgendwie ohnmächtig – die Hitze hat dieses Gefühl noch verstärkt.»
Den Klimawandel empfindet der Teufner Diakon nicht als Strafe Gottes – wie in dem Moses-Zitat insinuiert wird. «Der Klimawandel ist ganz klar die Folge unserer Mobilität, unseres Energieverbrauchs, er ist die negative Konsequenz unserer Zivilisationsverhaltens», ist Staub überzeugt.
Andererseits erkennt er in der Sonne durchaus biblisches Leidenspotenzial für die Menschen; «Sonne kann sowohl Segen als auch Fluch sein, die Sonne kann den Tod bringen.»
Und den Menschen ward heiss vor grosser Hitze, und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen; und taten nicht Busse, ihm die Ehre zu geben. (Offenbarung 16:9)
Auch Adriano Burali, Pfarrer im liechtensteinischen Gamprin ist überzeugt, dass Hitze nicht infolge von Gottes Zorn auf den Menschen herunterbrennt. «Ich halte es da ganz mit Papst Johannes Paul II.», sagt der 60-jährige Priester. Will heissen: Gott strafe mit Sicherheit nicht seine eigene Schöpfung, indem er sie durch Elemente der Schöpfung zerstöre.
«Hitze, Dürre und Wüste bringen den Menschen zur Besinnung und Einkehr, lassen ihn demütig werden.»
Adriano Burali, Pfarrer in Bendern-Gamprin
Hitze, Dürre und Wüste seien allerdings Phänomene, die den Menschen biblisch gesehen auf die Probe stellen könnten. «Sie bringen den Menschen zur Besinnung und Einkehr, lassen ihn demütig werden. Sie können den Menschen aber auch dazu herausfordern, Dinge ändern zu wollen – wie etwa in Israel, indem man die Felder anfing künstlich zu bewässern», erklärt Pfarrer Burali.
Er selbst erträgt Hitze gut. «Als ich vor Jahren durch die südlichen Staaten der USA gereist bin, von Kalifornien über New Mexico bis nach Alabama, habe ich mich stets wohlgefühlt auch als Person mit roten Haaren», erzählt der Priester aus dem Ländle.
«Und wenn es mir dann doch einmal etwas zu heiss wurde, habe ich mich in eine Kirche geflüchtet und mich in der Kühle des Gotteshauses erfrischt», so Burali. Ein spiritueller Anti-Hitze-Tipp, der auch in unseren Breitengraden zu empfehlen sei.
Generell sind für ihn Klimawandel und damit die zunehmende Hitze klar von Menschenhand gemacht. «Das hat man ja am besten gesehen während der Covid-Pandemie, als die Natur durch die Einschränkung unserer Mobilität für einmal Zeit hatte sich zu erholen», analysiert Adriano Burali. «Leider sind wir inzwischen wieder zurück im gleichen Trott.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant