Er hat sein Leben ganz in den Dienst der Kirche gestellt: Anton Cadotsch. Der in Grenchen gebürtige Seelsorger kann heute sein 100-Jahr-Jubiläum begehen. Bei einem Besuch in der Solothurner Altersresidenz Tertianum zeigt sich der pensionierte Priester im Interview bewundernswert geistesgegenwärtig und gut gelaunt.
Wolfgang Holz
Nach dem Klingeln an der Tür öffnet sich diese kurz darauf. Anton Cadotsch schiebt den Rollator beiseite und bittet den Besucher herzlich einzutreten. Das Appartement, in dem der pensionierte Priester im Solothurner Wohn- und Pflegeheim lebt, ist sehr hell und geräumig. Man spürt sofort, dass sich der 100-jährige in diesen vier Wänden wohlfühlt – obwohl er nicht mehr viel sieht.*
«Ich kann am Umriss erkennen, dass Sie mir gegenübersitzen, mehr kann ich nicht mehr sehen», verrät der frühere Seelsorger. Unzufrieden ist er deswegen nicht. «Ich habe 90 Jahre lang gut sehen können. Es geht noch ganz gut, ich kann mich nicht beklagen», meint er zuversichtlich.
Den grossen Fernseher neben der Couch schaltet er zwar nun nicht mehr ein – stattdessen hört er viel klassische Musik. Neulich hat er die Hör-CD mit dem Roman «Josef und seine Brüder» von Thomas Mann fertig angehört. Sogar sein Morgenessen mit Brot und Konfitüre richtet er sich jeden Tag selbst. Abends gönnt er sich ein Glas Rotwein. Einen Bordeaux. Nur das Mittagessen nimmt er täglich im Speisesaal des modernen Tertianums Sphinxmatte ein.
«Es ist wohl eindeutig ein Geschenk Gottes, dass ich 100 Jahre alt werden darf – angesichts meiner Gesundheit mit einem klaren Kopf und einem guten Gedächtnis», sagt Cadotsch. In der Tat. Während des eineinhalbstündigen Gesprächs beantwortet er sämtliche Fragen, ohne viel nachdenken zu müssen. Er formuliert ohne zu stocken fast druckreife Sätze. Bewundernswert.
Ein Geheimrezept für sein hohes Alter kennt er nicht. «Wahrscheinlich ist es wohl auf meine sportlichen Tätigkeiten als junger Priester zurückzuführen, als ich viel Ski gefahren bin», mutmasst er bescheiden. In fortgeschrittenem Alter habe er später viel Langlauf im Oberwallis gemacht. Wahrscheinlich hat sein Alter auch etwas mit den guten Genen in seiner Familie zu tun. «Meine Schwester Pia wurde 91, meine Mutter 95 Jahre alt.»
Dass er Priester werden wollte, war ihm anfangs noch nicht ganz klar. «Ich fühlte mich zwar berufen und hatte viele gute und lebendige Kontakte zu Pfarrern», erinnert sich Cadotsch. Unter anderem sei sein Onkel Pfarrer in Graubünden gewesen. Aber auch die Musik spielte eine wichtige Rolle in seinem jungen Leben. Am Kapuzinerkollegium St. Fidelis in Stans wurde er musikalisch gefördert, erhielt Oboen- und Orgelunterricht.
«Sie reagierte mit sehr viel Verständnis.»
Anton Cadotsch
«Schliesslich war ich überzeugt, dass meine Begabung als Musiker zu gering sei, und ich entschied mich nach der Rekrutenschule und einem Kurzaufenthalt an der Universität in Genf, aufs Priesterseminar in Luzern zu gehen – eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.» Er habe deshalb sogar am Ende seiner Genfer Zeit eine schöne Beziehung mit der Schwester eines Maturakollegen abgebrochen: «Sie reagierte mit sehr viel Verständnis.»
1950, sechs Jahre später, wurde Anton Cadotsch in Rom in der Kollegiumskirche des Germanikums zum Priester geweiht. In vorkonziliärer Zeit. «Damals wurden die Gottesdienste noch alle auf lateinisch zelebriert», erzählt der Priester. Auch an der Päpstlichen Universität Gregoriana verständigten sich die Studenten auf lateinisch, was man sich heute kaum noch vorstellen kann: «Das war damals unsere Verkehrssprache, so wie es heute Englisch ist.»
Die Aufbruchstimmung für das Zweite Vatikanische Konzil sei danach «sehr stark spürbar» gewesen. Er habe damals von seiner Pariser Zeit profitiert, wo er an der Université Catholique in Theologie promovierte zum Thema: »Kindertaufe bei Luther und Zwingli und die Anfänge des Täufertums»; er sei in Kontakt mit Arbeiterpriestern gestanden und habe viel mit jungen Menschen zu tun gehabt. In der prägenden Pariser Zeit befasste sich Anton Cadotsch auch stark mit der «Nouvelle théologie» im Umfeld des Jesuiten und späteren Kardinals Henri de Lubac.
«Die Erwartungen waren überall gross, dass die Kirche erneuert und lebendiger wird.» Erwartungen, die sich aus Sicht von Anton Cadotsch leider nur zum Teil erfüllten. «Weil versäumt wurde, die Christinnen und Christen mitzunehmen auf der Erneuerungswelle. Man hat die Priester weiter allein die Gottesdienste feiern lassen – das war ein grosses Defizit.» Zudem habe man nach dem Konzil zu sehr nach Rom geschaut, was die kirchliche Zukunft betrifft. «Eine kirchliche Erneuerung ist aber nicht möglich, wenn sie nicht von unten mitgetragen wird.»
Was Anton Cadotsch angeht, blieb er auch während und nach dem Konzil in engem Kontakt mit der kirchlichen Basis. Zum einen als Jugendseelsorger und Vikar in Bern in St. Marien und später als Religionslehrer an der Kantonsschule in Solothurn, wo er 17 Jahre lang arbeitete und eine seiner glücklichsten Zeiten verbrachte.
«Der Umgang mit jungen Menschen hat mir sehr, sehr viel bedeutet», hält der ehemalige Katechet fest. Er habe mit den jungen Leuten viel diskutiert. Über Lebensfragen. Über die Verpflichtung, am Sonntag in die Kirche zum Gottesdienst gehen zu müssen. «Dabei haben wir nicht nur über das Gebot gesprochen, sondern vor allem über die Bedeutung der Eucharistie und warum es daher wichtig ist, die Messe mitzufeiern.»
Gleichzeitig tauchte der Kirchenmann in andere, offizielle Sphären des religiösen Lebens ein. 1972 wurde er nämlich Präsident der Synode 72 im Bistum Basel. Eine Ära, an die Anton Cadotsch gerne zurückdenkt. «Während der Synode erlebte ich eine gegenüber heute viel intensivere Gemeinschaft zwischen den Bischöfen,den Theologen und den Laien– die sich auf fruchtbare Weise in gegenseitigem Vertrauen äusserte.»
Danach ernannte man ihn zum Sekretär der Schweizer Bischofskonferenz – wo er sogar den Papstbesuch von Johannes Paul II. in der Schweiz organisieren durfte.
Ein Besuch, der erst mal abgesagt und um drei Jahre verschoben werden musste, weil am 13.Mai 1981 das Attentat auf Karol Wojtyla in Rom verübt wurde. Der Papst kam erst im Juni 1984 in die Schweiz – Cadotsch war damals schon Generalvikar in Solothurn. «Mit Genugtuung stellte ich fest, dass ein grosser Teil unserer Vorbereitungen in diesen Besuch einfloss.»
Grundsätzlich hat Cadotsch nach eigenen Worten versucht, das Sekretariat der Bischofskonferenz nicht nur als bürokratische Schaltzentrale der Bischöfe zu verstehen, sondern als «Herz der Kirche in der Schweiz».
«Ich wurde stets auf neue Wege geführt, die ich selbst gar nicht gegangen wäre.»
Anton Cadotsch
Für ihn persönlich habe diese Tätigkeit wie später seine Aufgaben als Generalvikar, Domherr von Solothurn und Dompropst der Diözese Basel «vor allem immer neue Herausforderungen» bedeutet. «Ich wurde stets auf neue Wege geführt, die ich selbst gar nicht gegangen wäre». Dank sehr guter Mitarbeiter habe er diese Anforderungen gemeistert und eine interessante Zeit erlebt.
«Ein Schock war für mich allerdings, als mir Bischof Hansjörg Vogel 1995 am Rande der Bischofskonferenz in Einsiedeln mitteilte, dass er demissionierte, weil er Vater werden würde», berichtet der frühere Generalvikar. Auch wenn dies wohl der schwärzeste Tag in seinem Leben als Kirchenmann gewesen sei, habe er Hansjörg Vogel keine Vorwürfe wegen dessen Zerwürfnis mit dem Zölibat gemacht.
Und wie hat Anton Cadotsch selbst den Zölibat erlebt? Ist er als Priester nie in Versuchung geraten? «Auch bei mir wurden hin und wieder Wünsche in dieser Richtung spürbar», bekennt der 100-Jährige. Doch dank guter Beratung durch ältere Priester und dank der Beichte habe er diese inneren Konflikte bewältigt. «Der Zölibat ist eine Frage der Berufung und eine Form des Menschseins».
In seiner Zeit habe es leider wenig Vorbereitungen für Priester diesbezüglich gegeben. Er glaubt aber nicht, dass die Lockerung des Zölibats den Priesterberuf grundsätzlich attraktiver machen würde – das könne man ja am fehlenden Priesternachwuchs anderer Kirchen erkennen, in denen verheiratete Seelsorger erlaubt seien. «Gleichzeitig begrüsse ich die stärkere Rolle der Frauen im Gottesdienst – auch wenn ich nicht weiss, ob Jesus zur Weihe Ja sagen würde.»
«Im Alter erlebe ich jetzt, dass das Leben nicht nur für mich mit dem Zölibat einsamer geworden ist», sagt Anton Cadotsch. Viele andere Senioren fristeten ihr Dasein in Einsamkeit. Er erhalte aber noch regelmässig Besuche von ehemaligen Schulkameraden und Freunden, die ihn ab und zu auf Ausflüge im Auto mitnehmen. An Orte, die er von früher her noch kennt. «Sie beschreiben mir dann, was gerade zu sehen ist», sagt er und lächelt.
Bis vor kurzem habe er noch das Stundengebet regelmässig verrichtet. Er bete weiterhin für die Kirche und für die Nöte dieser Welt – wie etwa den Ukraine-Krieg. Er hält die Friedensinitiative von Papst Franziskus für sehr wichtig – glaubt aber nicht, dass sie von Erfolg gekrönt sein wird. Grund: der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill stehe zu sehr an der Seite Putins.
«Ich danke Gott für jeden neuen Tag, den ich noch erleben darf.»
Anton Cadotsch
«Ich persönlich danke Gott mit meinen 100 Jahren für jeden neuen Tag, den ich noch erleben darf», sagt Anton Cadotsch. Ganz besonders freut er sich jetzt erst mal auf die offizielle Geburtstagsfeier am Sonntag im Schloss Waldegg bei Solothurn. Rund 100 Gäste sind geladen. «Es wird ein klassisches Konzert geben, und auch Bischof Felix wird anwesend sein.» Vielleicht kommt sogar noch Kardinal Kurt Koch.
*Das Gespräch mit Anton Cadotsch fand am 14. Juni in Solothurn in der Altersresidenz Tertianum Sphinxmatte statt. Zwei Tage später stürzte Anton Cadotsch und fühlte sich darauf sehr schwach und konnte den Rollator nicht mehr benutzen. Er wurde hospitalisiert. Es geht ihm bereits wieder viel besser, und er konnte ins Tertianum zurückkehren. Seinen 100. Geburtstag kann er wie geplant begehen. Die Redaktion von kath.ch wünscht Anton Cadotsch alles Gute zum Jubiläum und weiterhin eine stabile Gesundheit!
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant