Am Sonntag schwammen, radelten und liefen mehr als 4000 Athleten und Athletinnen durch Zürich. Die Teilnehmenden suchen nach ihren körperlichen und mentalen Grenzen. Und ähneln darin den frühchristlichen Asketinnen und Asketen der Wüste. kath.ch hat Annalena Müller ins Rennen geschickt.
Annalena Müller
Bei brütender Hitze schwimmen, radeln und joggen die 4350 Teilnehmer und Teilnehmerinnen durch Zürich. Sie suchen nach ihren mentalen und körperlichen Grenzen. Dafür nehmen sie Schmerzen in Kauf. Der diesjährige «Zurich City Triathlon» ist der grösste je in der Schweiz abgehaltene Triathlon.
Der Triathlon-Hype mag modern sein, die Suche nach Grenzerfahrung ist es nicht. Sie hat im Christentum eine lange Tradition.
Der Heilige Symeon (†459) verbrachte Jahrzehnte auf einer Säule. Dort setzte er sich Tag und Nacht dem Wüstenklima aus. Der Heilige Antonius (†356) schloss sich in einer Höhle ein, ass und trank kaum und kämpfte in der Einsamkeit lautstark mit seinen Dämonen. Symeon und Antonius sind die bekanntesten frühchristlichen Asketen, die mit ihrer extremen Askese das Martyrium Christi am eigenen Leib erfahren wollten. Allerdings ohne dabei zu sterben.
Es waren extreme Figuren, die die Wüsten und Säulen Ägyptens und Syriens bevölkerten. Bei den Zeitgenossen stiess dieses Extrem auf Bewunderung – aber auch auf Kritik. Bewunderung, weil es viele Nachahmer und wenige Nachahmerinnen gab. Und weil die asketische Bewegung so gross wurde, dass wir auch mehr als 1500 Jahre später noch davon wissen. Kritik, weil ausschliesslich die Erfahrung der eigenen Grenzen das Ziel der Asketen war. Die Selbstbezogenheit der Praktizierenden hatte zwangsläufig selbstdarstellerische Züge. Und hier liegen die Schnittstellen zum modernen Triathlon.
Wegen seiner flachen Strecken und urbanen Anbindung ist der Zürich Triathlon als Einstiegsrennen beliebt. Kim (30) stammt aus den Niederlanden. Der «Zurich City Triathlon» ist ihr erster. Sie will wissen, ob ihr Körper diese Leistung erbringen kann und hat sich für die Sprint-Distanz* angemeldet. Ihr Ziel: «Mit einem Lächeln ins Ziel kommen.»
Auch Alexander (26) kommt aus den Niederlanden. Er wagt sich für seinen ersten Triathlon direkt an die Olympische Distanz**. Ihn reizt die mentale Herausforderung. «Es geht nicht um meinen Körper oder mein Fahrrad, sondern um mich und die Frage, wie weit ich mich pushen kann».
Aber es sind auch viele erfahrene Amateursportler dabei. Dass Jürg (47) zu ihnen gehört, erkennt man an seinem Triathlon-Velo. Er jagt in Zürich die Zeit – und will die Olympische Distanz in unter 2 Stunden und 15 Minuten abschliessen. Dafür hat er seit dem Frühjahr im Schnitt zehn Stunden pro Woche trainiert. Das ging nur Dank seiner Frau, sagt Jürg.
Triathlon ist zeitaufwendig. Ob Rookie oder Routinier, alle die hier starten, haben ihr Umfeld zuvor wochenlang mit ihrem Hobby in den Ohren gelegen. Sie haben ihren Partnern und Partnerinnen Zeit abgerungen, Freunden und Kolleginnen von Training, Erschöpfung und Leistungssteigerungen erzählt. Gleich, ob diese es hören wollten oder nicht. Selbsterfahrung geht selten ohne Selbstdarstellung. Hier treffen sich moderne Triathletinnen und frühchristliche Asketen. Die Autorin dieses Artikels ist da keine Ausnahme.
Um 10.45 Uhr startet sie im ersten Block der Amateur-Frauen in den Zürichsee. Distanz: Olympisch. Dass die Teilnehmerinnen ausnahmslos Amateursportlerinnen sind, macht es nicht gemütlicher. Arme und Beine im Gesicht und der ein oder andere ungewollte Schluck Seewasser gehören dazu. Nach 1,5 km entsteigt man dem See. Die Balance ist eine Herausforderung, vom Schwimmen zum Fahrrad zu joggen: nicht ganz einfach.
Es folgen zwei Runden à 20 km Rennvelo. Durch die Stadt, am Opernplatz vorbei, entlang des Zürichsees. Konstant im oberen Pulsbereich, immer an der Grenze zur Übersäuerung. Aber nur an der Grenze, denn man braucht die Beine gleich noch. Wer Triathlon macht, muss seinen Körper kennen.
Der Umstieg vom Velo zum Joggen ist der Beginn der Schmerzen. Es sind andere Muskeln, die gebraucht werden und die Beine sind müde. Seitenstechen ist jetzt ein ständiger Begleiter. Es gilt: Zähne zusammenbeissen und Tunnelblick. Hier leidet jeder und jede. Ausnahmslos. Man sieht es an den Gesichtern der anderen. Sofern man sie überhaupt noch wahrnimmt.
Die Leute am Strassenrand feuern die Läufer und Läuferinnen an. Eine Frau vom Organisationsteam ruft: «Noch 500 Meter zum Ziel!» Sie könnte auch sagen: «Zur Spitze des Kilimandscharo hier entlang». Beides klingt in diesem Moment ähnlich unerreichbar.
Die letzten Meter sind Schmerz. Ein Kampf des Geistes gegen den Körper. Es ist wie in der syrischen Wüste auf einer Säule neben einer Schale Wasser zu sitzen und sich das Trinken zu verbieten. Jeder und jede wird auf den letzten Kilometern zu einem Antonius und kämpft mit den eigenen Dämonen.
Damals wie heute quälen sich alle freiwillig: Askese, Selbsterfahrung, Grenzen austesten, ein Martyrium light erleben. Der spirituelle Kontext ist heute natürlich ein anderer. Nicht mehr Nachfolge Jesu, sondern Selbstoptimierung sind die Schlagworte.
Apropos Selbstoptimierung – die Autorin ist mit 2 Stunden 50 Minuten ihre persönliche Bestzeit gelaufen. Warum sie Ihnen das mitteilt? Weil Askese – ob auf syrischen Säulen oder den Strassen Zürichs – eben auch ein bisschen Selbstdarstellung ist. Im Idealfall gespickt mit einer Prise Selbstironie.
*Triathlon Sprint-Distanz: 750 m Schwimmen, 20 km Rad und 5 km Laufen
** Triathlon Olympische Distanz: 1,5 km Schwimmen, 40 km Rad und 10 km Laufen
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martyrium-und-selbstdarstellung-zuerich-im-triathlon-fieber/