Prinzip Hoffnung – oder die Optimisten kehren aus Prag zurück

Die Europäischen Kirchen haben sich in Prag getroffen. Jetzt liegt endlich die deutsche Fassung der Ergebnisse vor. «Das Hoffen auf den Heiligen Geist wird hier wohl zu stark strapaziert», meint Charles Martig. «Bei aller Euphorie der Beteiligten ist eine ernüchternde Bilanz vorprogrammiert.»

Charles Martig

Wer sich die Zeit und Musse gönnt, das Prager Abschlussdokument der Europäischen Kontinentalversammlung zu lesen, braucht Geduld. Und natürlich Kenntnis der theologischen Sprachspiele.

Auffällig viel ist hier vom «Heiligen Geist» die Rede, ohne den einfach nichts geht. Schon gar nicht eine Veränderung der Kirche. Allerdings stellt sich die Frage, ob es sich hier nicht einfach um eine Leerformel handelt.

Komm, Heiliger Geist!

Wie der Heilige Geist eine Weltkirche mit 1.2 Milliarden Gläubigen führen soll, ist nach heutigem Stand von Strategie- und Organisationsentwicklung weitgehend unbekannt. Es sind eher die Führungskräfte gefragt. Und das gläubige Volk Gottes, das sich am synodalen Prozess beteiligt.

Keine Lösungen – keine Interpretationen

Wenn nun im Prager Dokument steht, dass es keine Lösungen enthält, dann ist das pneumatologisch suboptimal: «Das Dokument bietet keine Lösungen oder theologischen Interpretationen an, sondern will vielmehr die von den Ortskirchen vorgebrachten Spannungsfelder festhalten.» Es ist also eine reine Situationsanalyse aus Sicht der Ortskirchen.

Überraschend ist, dass das Prager Dokument praktisch nichts erreichen will: «Es ist daher weder als Ausdruck einer endgültigen Position noch als Hinweis auf operative Strategien der europäischen Kirchen zu Fragen zu verstehen, über die in den nachfolgenden Phasen des synodalen Prozesses entschieden werden soll.» Das wirkt auf den ersten Blick paradox.

Spannungsfelder sind benannt

Das Dokument benennt sieben Spannungsfelder, sozusagen die «Big Seven». Am Anfang steht die spirituelle Dimension der Synodalität in der Perspektive einer ständigen Bekehrung zu Christus. Hinzu kommt die Wiederentdeckung der Taufwürde. Zum Dritten geht es um die Wechselwirkung von Synodalität und Mission.

Bereits die Nennung dieser ersten drei Punkte zeigt, dass es hier um einen binnenkirchlichen Diskurs geht. Es sind Fachbegriffe, die ein hohes Mass an Vertrautheit mit kirchlichen Dokumenten erfordert. Und eine solide theologische Ausbildung.

Neue Methode zur Entwicklung der Kirche

Weitere vier Spannungsfelder sind im Prager Dokument verhandelt. Um was geht es? Im Grunde will Papst Franziskus eine neue Methode zur Entwicklung der röm.-kath. Kirche einführen. Er setzt auf Synodalität – ein altes kirchliches Verfahren, das bereits im ersten Jahrtausend eine wichtige Rolle spielte – und auf die Unterscheidung als Methode. Dabei soll das Zuhören und das gegenseitige Verständnis eine neue Basis schaffen.

Gute Ansätze und viel Dynamik

Im Prager Dokument gibt es gute Ansätze. Viele wichtige Themen werden genannt. Auch Anliegen aus der Schweiz sind aufgenommen, zum Beispiel die Rolle der Frauen in der Kirche. Aber es bleibt doch der Eindruck eines Sammeldokuments. Wie das alles zusammenwirken soll, bleibt unklar. Das Hoffen auf den Heiligen Geist wird hier wohl zu stark strapaziert.

Bei aller Euphorie der Beteiligten – insbesondere auch bei den delegierten Frauen und Männern aus der Schweiz – ist eine ernüchternde Bilanz vorprogrammiert. Derzeit haben die Optimisten die Nase vorn. Das Treffen von Prag hat wohl einiges ausgelöst.

Prozesse optimieren – aber ohne Strategie

Es gibt eine vergleichbare Bewegung im Management-Bereich: Es sind die sogenannten Prozess-Optimisten. Sie glauben: Je besser die Abläufe und Prozesse in einer Organisation gestaltet sind, desto erfolgreicher wird sie.

Allerdings sind Prozesse nur dann erfolgreich, wenn sie in eine Gesamtstrategie eingebettet sind. Aber ein übergreifendes Ziel ist derzeit in der Kirche nicht sichtbar. Ein solches Ziel zu benennen, wird sogar ausdrücklich zurückgewiesen!

Prinzip Hoffnung

Nach menschlichem Ermessen wird dieser synodale Prozess scheitern. Aber wir sind ja in der Kirche und nicht in einer beliebigen Organisation. Da kann der Heilige Geist jederzeit eingreifen und unsere Führungskräfte in die richtige Richtung führen.

Ernst Bloch nannte das einst «Das Prinzip Hoffnung». Eine starke Kraft in der Geschichte der Menschheit, die prophetisch wirkt und neue Bewegungen in Gang setzt. Ob dieses Prinzip stark genug ist, um die katholische Kirche aus der Krise zu retten, muss sich erst noch zeigen.

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/prinzip-hoffnung-oder-die-optimisten-kehren-aus-prag-zurueck/