Passanten helfen Bettelnden: «Sie zu verjagen ist doch keine Lösung»

Wer nach Bern kommt, dem fallen die zahlreichen Bettler in der Innenstadt auf. Dabei stören sich nicht wenige Passanten gar nicht daran. Im Gegenteil. Sie helfen den Armen auf der Strasse und schenken ihnen teilweise sogar Lebensmittel.

Wolfgang Holz

Der junge Mann sitzt auf dem Asphalt – mit dem Rücken an die Rolltreppe am Bahnhofplatz gelehnt. Er ist barfuss. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Er saugt an einer Wursthaut. Er ist nicht ansprechbar. Passanten gehen an ihm vorbei, und werfen ab und zu eine Münze in seinen Behälter.

Auf dem Bahnhofplatz unter dem Plexiglasdach wird der Bettler kaum wahrgenommen, weil ständig Menschen vorbeiströmen. Auf den Bus oder aufs Tram eilen. Nur einige Meter dahinter, gegenüber der Heiliggeistkirche haben sich zahlreiche Randständige eingefunden, um miteinander gesellig zu sein. Sie sitzen auf Bänken. Sie reden und lachen. Hören Musik. Tanzen. Trinken Bier. Streicheln ihre Hunde. Die meisten Passanten scheint die bunte Gesellschaft nicht zu stören.

Britischer Gentleman am Boden

Hinter der Heiliggeistkirche, in der Laube vor den Geschäften, ist es ruhiger. Hier hockt Marc allein am Boden. Der 58-Jährige ist Engländer. Obwohl er nicht so aussieht, wirkt er wie ein Gentleman. Vor sich hat er einen schwarzen Hut, in dem einige Zweifränkler aufscheinen. Neben ihm liegt seine Hündin Brieze.

«Eigentlich arbeite ich mit Marionetten und reise quer durch Europa, von einem Festival zum anderen. Aber heute Morgen hatte ich keine Lust, sie mitzubringen», sagt er. Er lebe seit Jahren in einem Wohnwagen mit seiner Freundin. «Sie ist Schweizerin, und seit Brexit kann sie leider nicht mehr in Grossbritannien arbeiten», erzählt er. Deshalb sei er jetzt schon einige Zeit in Bern.

Eine junge Frau mit einem kleinen Buben unterbricht das Gespräch: «Sie nehmen auch Euro?» Fragts und legt einen Plastiksack voller Münzen auf Marcs Rucksack.

Burger für Zwei

Zuvor hat ein Mann ein Geldstück in den Hut gelegt. «Ich ignoriere Bettler normalerweise», versichert er. «Aber wenn ich sehe, dass die Menschen etwas verwahrlost aussehen, gebe ich gerne etwas. Manchmal kaufe ich auch bei McDonalds gleich zwei Burger und schenke einen davon einem Bettler auf der Strasse.»

Die Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen wie Marc ist überraschend gross. Eine ältere Dame, die jeden Tag an der Laube am Bahnhofsplatz vorbeikommt, weiss, dass auch Marc jeden Tag hier her kommt. «Das sind einfach instabile Menschen. Was vor allem daran liegt, dass man heutzutage so leicht an Drogen herankommt», ist sie überzeugt. «Bettler zu verjagen ist doch keine Lösung.»

Mitleid mit dem Hund

Die Polizei würde die Leute ja dann doch nur kurzzeitig verhaften und danach wieder auf freien Fuss setzen. Dann seien sie wieder bloss auf der Strasse. «Es bräuchte mehr Hilfsangebote. Ich habe Marc heute eine heisse Schokolade vorbeigebracht und einige Lebensmittel – Honig, Brot, Käse und etwas für seinen Hund.»

Auch andere Passantinnen helfen dem Bettler. «Mich stören die vielen Bettler bei uns eigentlich schon etwas», meint eine Bernerin in breitem Berndeutsch. Sie habe heute etwas gegeben, weil sie den Hund bemitleidet habe. «Ich habe ihn auch gestreichelt.» Wenn sie Politikerin wäre, versichert sie, würde sie solche Armen auf der Strasse nicht vertreiben. «Es kann schliesslich jedem von uns passieren, auf der Strasse zu landen.»

Stadt mit humanitärem Touch

Vielerorts in der Schweiz ist das Betteln verboten – in Bern hingegen nicht. Das verleiht Bundesbern einen humanitären Touch. Die Stadt hat offenbar Herz und Seele. Im Gegensatz zu anderen Städten in der Schweiz, wo vor allem das Geld regiert. Wie beispielsweise im millionenschweren Zug, wo Betteln verboten ist.

Doch nun fühlt sich Bern durch den jüngsten Bundesgerichtsentscheid im Fall des Basler Bettelverbots bestätigt. Wenn Bettelnde keine Schweizer Staatsbürgerschaft und keinen Schweizer Wohnsitz haben, weist Bern sie aus.

Dieses Urteil stütze das strikte Vorgehen der Behörden in Bern seit 2008, sagte Alexander Ott, Vorsteher der Fremdenpolizei der Stadt Bern gegenüber srf.ch. Bei der Berner Polizei gingen nämlich oft Meldungen ein, dass sich Bettlerinnen und Bettler aufdringlich oder gar aggressiv verhalten.

Wegweisungen

In solchen Fällen würden die betroffenen Personen konsequent kontrolliert und weg gewiesen. Und wenn es EU-Bürgerinnen und Bürger ohne Wohnsitz in der Schweiz seien, müssten sie die Schweiz verlassen, so Ott.

Doch eigentlich dürfen sich Personen aus der Europäischen Union aufgrund des von der Schweiz unterzeichneten Personenfreizügigkeitsabkommens 90 Tage lang hierzulande aufhalten. Dies wird in Bern jetzt so uminterpretiert, dass man finanziell für sich sorgen «können» müsse. Die Stadt will mit dieser rigiden Politik vor allem das bandenmässig organisierte Bettlertum aus Osteuropa eindämmen.

Zudem sieht das durchs Bundesgericht legitimierte Basler Bettelverbot vor, dass Bettler unmittelbar vor Restaurants und Geschäften verschwinden sollen. Nur in Parks soll Betteln noch erlaubt sein. Einen Filialleiter in Bern, vor dessen Tür ein Bettler gerade sitzt, macht, von kath.ch befragt, aus seinem Herzen keine Mördergrube.

«Meistens stören die Bettler unsere Kunden nicht.»

Filialleiter in Bern

«Natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn so ein Verbot generell zum Tragen kommt. Aber meistens stören die Bettler unsere Kunden nicht und verhalten sich ruhig», so der Filialleiter. Wenn man Bettler vertreibe, würden sie womöglich wieder an anderen Orten auftauchen – wo sie dann ebenfalls nicht genehm seien.

Auf der anderen Seite der Heiliggeistkirche sitzt Rodrigo. Er trägt eine weisse Wollmütze. Auch er ist dankbar, wenn ihm Passanten etwas zustecken. Eine Münze in die Plastiktüte werfen – wie jene Dame mit dem gelben Anorak.

«Mir macht es Freude zu helfen.»

Deutsche in Bern

«Ich finde, es gibt hier gar nicht so viele Bettler», meint die Deutsche. Sie kommt aus Berlin – da gebe es inzwischen richtig viele Bettler auf der Strasse. Dort würden Leute in Restaurants und Strassencafés Bedürftigen oft etwas von ihrem Essen abgeben, das sie gerade bestellt haben. «Die meisten von uns haben doch genug in der Tasche – und mir macht es Freude zu helfen.» 

Der Strassenzeitungs-Verkäufer

«Kumar», ein 67-jähriger Sri-Lanker, hat es auf andere Weise geschafft, sich ein Stück weit zu helfen. Er sitzt neben einer Tramhaltestelle und verkauft eine Strassenzeitung für fünf Franken pro Heft. Zwei Franken darf er von jedem verkauften Exemplar für sich behalten. 

Er ist nicht zu übersehen. Neben dem gelbschwarzen YB-Schal hat er einen Schlapphut mit dem Schweizer Kreuz über seine Wollmütze gestülpt. «Vielen herzlichen Dank», sagt er und freut sich über das verkaufte Heft. Schon 40 Jahre sei er in der Schweiz. Eine Wohnung hat er in der Berner «Agglo» gefunden. «Dort lebe ich mit meiner Frau – sie ist leider sehr krank.»  

Aber es gibt in Bern auch Organisationen wie «Pinto», die sich um Menschen auf der Strasse kümmern. «Pinto» gibt es schon seit 2005 und ist die Abkürzung für «Prävention Intervention Toleranz», wie ein Mitarbeiter gegenüber kath.ch. erklärt.

Duschen, Waschmaschinen, Schliessfächer

Laut «Pinto» sind momentan deutlich weniger Bettler als in den vergangenen Monaten, weil die organisierten Bettler aus Osteuropa nicht mehr derart massenhaft präsent sind. «Wobei die meisten Bettler in Bern aus Osteuropa stammen, die hier keine Arbeitsbewilligung erhalten.»

Die Organisation selbst hilft Menschen auf der Strasse mit niederschwelligen Angeboten wie etwa mit Duschmöglichkeiten, Waschmaschinen- und Schliessfächerzugang. Alles gratis. «Diese Leistungen werden zahlreich wahrgenommen. Ebenso wird unser Obdachlosencafé intensiv frequentiert. Wir haben in diesem Jahr doppelt so viele Besucherinnen und Besucher wie auch schon.»


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https://www.kath.ch/newsd/passanten-helfen-bettelnden-sie-zu-verjagen-ist-doch-keine-loesung/