Seit kurzem gibt’s das «Café unter der Linde» auf dem Luzerner Friedhof Friedental – initiiert von Luzerner Theologinnen. Sie wollten «ein niederschwelliges Angebot» schaffen, «bei dem über Gott und die Welt, Leben und Sterben, Freude, Trauer und Abschied gesprochen werden kann», sagt Silvia Strahm Bernet.
Dominik Thali*
«Eine wunderbare Idee» sei dieses Café, findet Annina Meier. Die Seniorin aus Küssnacht SZ sitzt an einem der Tische unter der grossen Linde. Ihr gegenüber ist ihr Schwager Markus Schönbucher aus Luzern, mit dem sie das Grab von dessen verstorbener Frau besucht.
An einem anderen Tisch besprechen zwei junge Frauen eine Arbeit. Später stösst ein älterer Herr dazu. Er besucht jeden Tag das Grab seiner Frau und freut sich, dass er im «Friedental» jetzt auch Kaffee trinken kann.
Die Menschen, die auf den Friedhof kämen, seien oft einsam und kämen in Trauer, weiss Meier, schon viele Jahre verwitwet, aus eigener Erfahrung. Da sei ein solches Café «ein Begegnungsort, der einem gut tun kann».
Darum geht es auch den fünf Frauen, die das Friedhofscafé im Luzerner «Friedental» seit Ende April betreiben. Sie wollten «ein niederschwelliges Angebot» schaffen, «bei dem über Gott und die Welt, Leben und Sterben, Freude, Trauer und Abschied gesprochen werden kann», sagt Silvia Strahm Bernet.
Die Theologin ist mit Carmen Jud, Heidi Müller, Li Hangartner und Beata Pedrazzini schon viele Jahrzehnte im «Arbeitskreis feministische Theologie Luzern» unterwegs. Vor fünf Jahren entstand in dieser Gruppe die Idee Friedhofscafé.
Strahm Bernet hatte ein solches in Berlin kennengelernt und war begeistert, Jud wohnt im Quartier, spaziert oft durchs «Friedental» und fand schon lange, «es wäre schön, wenn man hier ‹neume anehöckle› und einen Kaffee trinken könnte». Beata Pedrazzini schliesslich, die in ihrem Berufsleben Religionspädagogin und Pfarreiseelsorgerin war, vernahm von diesem Wunsch in vielen Trauergesprächen.
Die fünf Frauen gelangten deshalb an die Stadt – und stiessen dort auf offene Ohren. Für Pascal Vincent, Leiter Friedhöfe, ist das «Café unter der Linde» ein Versuch, den Friedhof «noch stärker zu einem Ort der Begegnung zu machen». Das «Friedental» sei «ein multifunktionaler Raum», in dem ein solches Angebot gut Platz habe, solange es angemessen Zeit und Raum einnehme.
Für Vincent ist klar: Ein Container dürfte nicht aufgestellt und das Café nicht täglich betrieben werden, denn auch die Stille sei «eine Qualität, die diesen Ort auszeichnet».
Die Stadt bewilligte der «IG Friedhofscafé», als welche die Initiantinnen auftreten, vorerst 24 Nachmittage für einen Versuchsbetrieb. Mehr könnte die IG auch gar nicht stemmen. Den Betrieb mit 30 bis 40 Freiwilligen zu koordinieren, ist aufwändig genug.
Das Café besteht aus einem mobilen Wagen mit einer kleinen Küche: Kaffeemaschine, Kühlschrank, Geschirr aus dem Brocki. Viele haben beim Bauen geholfen, ein Fonds, eine Stiftung und die grossen Kirchen der Stadt Geld gesprochen. Der Wagen steht unter der grossen Linde in der Nähe des Gemeinschaftsgrabes.
Bei schönem Wetter werden dort von Donnerstag- bis Samstagnachmittag ein paar Tische aufgestellt – drei nur, damit die Besucher:innen sich zueinander setzen und miteinander ins Gespräch kommen. Schon an den ersten Nachmittagen hatte das Team mit jeweils 30 bis 40 Gästen alle Hände voll zu tun.
Die Reaktionen auf die Eröffnung seien «durchwegs positiv» gewesen, sagt Strahm Bernet. Es habe wenige Leute gegeben, die fanden, ein Café auf einem Friedhof gehöre sich nicht.
Die IG Friedhofscafé verweist auf die Gastfreundschaft, die Jesus mit Menschen jedwelcher Herkunft gepflegt habe, und Strahm Bernet erinnert an jesuanische Reich-Gottes-Erzählungen, bei denen Festessen und Gastmähler gängige Bilder seien.
Ein Café auf einem Friedhof, «an dieser Schnittstelle zwischen Leben und Tod», passe da doch gut. «Es ist schön, wenn Menschen, die darüber miteinander reden möchten, jetzt eine Gelegenheit haben», findet sie.
Als Pilotprojekt besteht das «Café unter der Linde» bis Mitte Juli. Danach wertet die IG den Versuch aus. Ziel ist, dass es nächstes Jahr weitergeht. Wie, ist offen, der Entscheid fällt gemeinsam mit der Stadt.
*Dominik Thali leitet den Fachbereich Kommunikation der Römisch-katholischen Kirche im Kanton Luzern. Der Beitrag erscheint demnächst auch im Pfarreiblatt des Kantons Luzern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/feministische-theologinnen-betreiben-friedhofcafe-in-luzern/