Sektenexpertin: «Für Reichsbürger und Staatsverweigerer ist der Vatikan der grosse Bösewicht»

Von Reichsbürgern und Staatsverweigerern geht eine Gefahr aus, auch wenn nur wenige zum Waffenkauf aufrufen. «Die Staatsverweigerer sehen sich als den guten Gegenspieler, der die rechte Ordnung wieder herstellt», sagt Sektenexpertin Julia Sulzmann von Relinfo.

Jacqueline Straub

Vergangene Woche gab es in der Schweiz Hausdurchsuchungen bei Reichsbürgern. Was glauben Reichsbürger?

Julia Sulzmann*: Reichsbürger sind das deutsche Äquivalent zu Staatsverweigerern in der Schweiz. Reichsbürger beziehen sich unter anderem auf das ehemalige Deutsche Reich – das hat es in der Schweiz ja nicht gegeben. Was beide gemeinsam haben: Sie lehnen den Staat ab und sagen, dass Deutschland oder die Schweiz nicht rechtmässig existieren würden.

«Auf Telegram zeigen einige Staatsverweigerer ihre Betreibungen.»

Was bedeutet das konkret für den Alltag eines Staatsverweigerers?

Sulzmann: Für die Privatperson und die Behörden hat das extreme Auswirkungen. Staatsverweigerer isolieren sich zunehmend und konsumieren hauptsächlich «alternative Medien». Dadurch kommen sie noch mehr in einen Strudel von Verschwörungsideologie und Abschottung vom normalen Leben, was zu einer Radikalisierung führen kann.

Wie zeigt sich die Radikalisierung?

Sulzmann: Viele der Staatsverweigerer kommen in finanzielle Bredouillen, denn sie sind davon überzeugt, dass sie keine Steuern oder Bussen zahlen müssen. Sie denken, dass sie sich jeglichen Gesetzen entziehen können, weil der Schweizer Staat nicht rechtmässig existiere. Auf Telegram zeigen einige Staatsverweigerer ihre Betreibungen. Manche kommen wegen dieser zahlreichen Betreibungen auch ins Gefängnis. Das ist tragisch. Problematisch wird es auch, wenn Kinder von klein auf in diesen Kreisen sind. In der Schweiz gibt es den Verein Campus Vivere, eine Privatschule, die Verbindungen zur Staatsverweigerer-Szene aufweist.

Sie sagten, dass es auch für die Behörden Auswirkungen hat.

Sulzmann: Behörden haben mit ellenlangen Pamphleten zu kämpfen, die die Staatsverweigerer ihnen zusenden, falls von ihnen Zahlungen verlangt werden. Gleichzeitig gehen manche Staatsverweigerer aber auch persönlich auf die Behörden und stellen die Mitarbeitenden bloss. Sie filmen die Interaktion und stellen diese ins Internet. Wegen der sich mehrenden Anfragen von Behörden, arbeiteten wir derzeit an einem Projekt, um sie im Umgang mit Staatsverweigerern zu schulen.

Wie viele Menschen in der Schweiz sind Staatsverweigerer?

Sulzmann: In der Schweiz finden sich mehrere tausend Personen in entsprechenden Telegram-Chats wieder. Ein paar Hundert davon besitzen radikales Gedankengut. Wir beobachten, dass diese Szene kontinuierlich wächst. Man darf die Augen nicht davor verschliessen.

«Einige glauben daran, dass eine neue Weltordnung kommen wird.»

Von Staatsverweigerern geht Gefahr aus?

Sulzmann: Ja. Neben den individuellen Problemen und den Beschwerden der Behörden hat die Gruppierung das Potenzial, dass sich Einzelpersonen so stark radikalisieren, dass sie gewalttätig werden. In der Szene gibt es Personen, die zum Waffenkauf aufrufen. Einige glauben daran, dass eine neue Weltordnung kommen wird.

Wie stehen Staatsverweigerer zu Religion und Kirche?

Sulzmann: Viele Reichsbürger und Staatsverweigerer lehnen die katholische Kirche ab. Sie sehen im Vatikan den grossen Bösewicht, dem alle anderen Weltreligionen unterstellt und Schachfiguren des Papstes sind.

Immer wieder kommt es zu Gewaltverbrechen, die antisemitisch oder auch islamophob sind. Wäre es auch möglich, dass Kirchen in der Schweiz bald zur Zielscheibe werden?

Sulzmann: Das ist nicht auszuschliessen. Unter den Staatsverweigerern gibt es einen grossen Anteil, der sich politisch am rechten Rand bewegt. Dort spielt Antisemitismus und Islamophobie eine Rolle. Für sie ist das Christentum weniger eine Zielscheibe, unter anderem, weil sie christlich sozialisiert sind.

«Ebenso spielt ein Dualismus eine grosse Rolle.»

Wie sieht das Gottesbild von Staatsverweigerern aus?

Sulzmann: Gott wird unter anderem als Erfüllungshilfe gesehen. Sie fühlen sich ungerecht vom Staat behandelt – weil dieser ja anscheinend nicht existiert – und denken, dass der allmächtige Gott ihre Forderungen durch das Jüngste Gericht erfüllen wird. Andere vertreten ein esoterisches Gottesbild. Beispielsweise wird von «göttlicher Intuition» oder dem «göttlichen Funken» im Selbst gesprochen.

Welche Rolle spielen christliche oder religiöse Motive?

Sulzmann: Es gibt eine enge Verknüpfung mit der Esoterik, aber auch christliche Motive spielen mitunter eine Rolle. Oftmals picken sich Staatsverweigerer das jeweils passende aus den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen heraus. Ebenso spielt ein Dualismus eine grosse Rolle: Eine böse Macht, die uns alle kontrolliere, steht den Staatsverweigerern als Gegenspieler gegenüber.

Warum glauben Staatsverweigerer, dass die Schweiz kein Staat ist?

Sulzmann: Sie beziehen sich auf das sogenannte «Naturrecht», römisches Recht oder auf altes See- und Handelsrecht. Dabei werden Verbindungen mit Spiritualität und göttlichen Vorstellung geschaffen.

Wer ist anfällig für Verschwörungsmythen?

Sulzmann: Jene, die kritisch gegenüber Institutionen sind und dem Staat per se schon misstrauen, sind anfälliger, Verschwörungsideologien anzuhängen. In einer immer komplexer werdenden Welt sind einfache Antworten für viele willkommen. Corona wirkte hierbei als eine Art Beschleuniger. Aber nicht alle, die sich Corona-Verschwörungsmythen zugeneigt fühlen, werden zu Staatsverweigerern. Viele haben nach der Pandemie das Interesse an Verschwörungserzählungen verloren. Dennoch gilt: Wer schon an gewisse Verschwörungsideologien glaubt, ist eher geneigt, auch an andere zu glauben – selbst, wenn diese sich widersprechen.

*Julia Sulzmann (24) ist stellvertretende Leiterin bei Relinfo. Sie studiert derzeit im Master Psychologie an der Universität Zürich.


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