Papst Franziskus ist nicht liberal, sondern radikal

Warum bremst Papst Franziskus in der Frauenfrage? Warum schafft er den Pflichtzölibat nicht einfach ab? Zehn Jahre nach seinem Amtsbeginn verdichtet sich der Eindruck: Franziskus ist nicht liberal, sondern radikal. Seine Prioritäten liegen in Amazonien und im Kongo – den zwei Lungenflügeln der Erde, wie er sagt. Und bei den Ärmsten der Armen.

Raphael Rauch

Er trägt keine roten Schuhe mehr. Er hat sich vom päpstlichen Bling-Bling befreit. Er setzt sich auch mal selbst ans Steuer und fährt einen bescheidenen Fiat. Seit zehn Jahren krempelt Papst Franziskus das Papsttum um und wirbelt in der katholischen Kirche Staub auf.

«Reisst die Türen auf!»

Anders als Benedikt XVI., der mit seinem Autoritarismus für ein Klima der Angst sorgte, stösst Franziskus einen Prozess nach dem anderen an – und lebt ein Pontifikat der Mehrdeutigkeit. 

Am 6. Juni 2013 erzählten lateinamerikanische Ordensleute, Papst Franziskus habe zu ihnen in einer Audienz sinngemäss gesagt: «Reisst die Türen auf … Reisst die Türen auf! Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füsse treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heisst, dass ihr dies oder jenes gesagt hättet … Macht euch darüber keine Sorgen. Erklärt, wo ihr meint, erklären zu müssen, aber macht weiter … Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht…»

Franziskus tanzt lieber Tango

Diese Ansage gilt auch heute noch. Ein Kurienmitarbeiter will den «Segen für alle» verbieten. Westliche Bischöfe laufen Sturm – und siehe da: Der Kurienmitarbeiter wird strafversetzt. Der «Segen für alle» kann gespendet werden – mit dem impliziten Segen des Papstes, wie die belgische Bischofskonferenz jüngst erlebte.

Unter Franziskus können katholische Lichtsignale zugleich rot und grün leuchten. Das Lehramt bleibt, wie es ist – und die pastorale Klugheit macht den Rest möglich. Mit seiner Mehrdeutigkeit bringt Papst Franziskus vor allem deutschsprachige Katholikinnen und Katholiken zur Weissglut, die lieber Klarheit hätten. Doch der Argentinier Franziskus tanzt lieber Tango: Er geht nach vorne, dreht mit dem Wiegeschritt – und dann geht’s wieder zurück. Die Kirche kommt nicht vom Fleck, gerät aber trotzdem ins Schwitzen – und ist in Bewegung.

Radikaler Einsatz für die «Mutter Erde»

Zehn Jahre nach Amtsbeginn wird klar: Papst Franziskus ist kein liberaler Papst, sondern ein radikaler. Das beweist er auch im jüngsten Interview mit dem Tessiner Sender RSI. Ja, er will Kirchenreformen. Aber noch mehr interessiert er sich für «Mutter Erde». Für die zwei Lungenflügel der Erde, die sich in Amazonien und im Kongo befinden. Für den Plastikmüll, den er ein Verbrechen nennt. Fürs menschliche Miteinander, das durch Klatsch und Tratsch zerstört wird.

Warum bremst Papst Franziskus in der Frauenfrage? Warum macht er nicht mehr für LGBTQ? Auch in dieser Frage setzt Papst Franziskus Akzente, die oft missverstanden werden. Ihm sind Taten wichtiger als Worte. Statt das Lehramt zu ändern (Worte), ist es ihm wichtiger, dass Staaten die Todesstrafe für LGBTQ abschaffen und Eltern ihre queeren Kindern nicht verstossen. Auch in der Frauenfrage ist es Papst Franziskus wichtiger, dass Frauen in den Ländern des Südens Bildung erhalten, als dass sie konzelebrieren können.

Wenn nicht mal die Schweiz mutig vorangeht…

Gewiss ist es unredlich, beides gegeneinander auszuspielen. Eine inklusive Kirche würde in der Schweiz die «Ehe für alle» sakramental spenden und in Afrika die Todesstrafe bekämpfen. Doch Papst Franziskus hat andere Prioritäten. Er denkt radikal: «Wem hast du gedient, wen hast du umarmt, um meinetwillen?» Er will eine Kirche für die Armen sein. Das hat oberste Priorität – und nichts anderes.

Lösungen für andere Bereiche müssen aus den Teilkirchen kommen. Doch wenn nicht einmal die Schweizer Bischöfe und Kantonalkirchen mutig vorangehen: Warum sollte es ausgerechnet ein 86 Jahre alter Papst, der in einer italienisch-argentinisch geprägten Macho-Kultur in Buenos Aires aufgewachsen ist? 

Die Schweiz sollte sich die Radikalität des Papstes zu eigen machen

Die Schweizer Kirche sähe frischer aus, würde sie sich die Radikalität des Papstes zu eigen machen – und diese auf die Schweizer Verhältnisse anwenden. Ein Lichtsignal, das gleichzeitig rot und grün leuchtet, kann man angstfrei grün deuten. Avanti!


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/papst-franziskus-ist-nicht-liberal-sondern-radikal/