Bei dem Amoklauf in Hamburg sind acht Menschen ums Leben gekommen. Zu den Toten zählt die Polizei auch den Täter sowie ein ungeborenes Kind.
Das teilte Hamburgs Innensenator Andy Grote am Freitag in Hamburg auf einer Pressekonferenz mit. «Unter den Toten befindet sich auch ein ungeborenes Kind im Alter von sieben Monaten, das im Mutterleib getroffen wurde», sagte Grote. Er bezeichnete den Vorfall als Amoklauf. «Eine Amoktat dieser Dimension – das kannten wir bislang nicht. Das ist die schlimmste Straftat, das schlimmste Verbrechen in der jüngeren Geschichte unserer Stadt.»
Der mutmassliche Todesschütze ist ein 35 Jahre alter Deutscher. Philipp F. sei ein ehemaliges Mitglied der Hamburger Gemeinde der Zeugen Jehovas gewesen und habe diese vor eineinhalb Jahren freiwillig, aber offensichtlich nicht im Guten verlassen. Das teilten Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenbehörde am Freitag in Hamburg bei der Pressekonferenz ebenfalls mit.
Die tödlichen Schüsse waren am Donnerstagabend gegen 21 Uhr während einer Veranstaltung im Gebäude der Zeugen Jehovas im Hamburger Stadtteil Alsterdorf gefallen. Das hatte zu einem Grosseinsatz geführt. Bis in den Vormittag waren die Ermittler zur Spurensuche am Tatort unterwegs. Die ersten Leichen wurden mittlerweile abtransportiert.
Als Extremist war der mutmassliche Schütze demnach nicht bekannt. Er soll in der Vergangenheit eine waffenrechtliche Erlaubnis beantragt haben.
Das Erzbistum Hamburg rief am Donnerstagabend zu Gebeten auf: «Wir vertrauen dir diejenigen an, deren Leben heute ein Ende gemacht wurde.»
Die «Zeugen Jehovas» verstehen sich als christlich orientierte Religionsgemeinschaft. Die 1881 vom ehemaligen Adventisten-Prediger Charles Taze Russell in den USA gegründete Gruppierung zählt nach eigenen Angaben weltweit über acht Millionen Mitglieder, in Deutschland um die 170000. Die deutsche Zentrale ist in Selters im Taunus, die internationale Zentrale in New York.
Der Name «Zeugen Jehovas» geht auf eine missverstandene Lesart des hebräischen Gottesnamens JHWH im Alten Testament zurück. Die Lehre besteht aus einer eigenwilligen Interpretation biblischer Texte; im Mittelpunkt steht die schon mehrfach vorhergesagte «Schlacht von Harmagedon», bei der Gott das «gegenwärtige System der Dinge» und alle «Bösen» vernichten werde.
Die Zeugen Jehovas haben keine bezahlten Geistlichen. Ihre Gottesdienste finden in «Königreichssälen» statt. Ihre wichtigsten Publikationen sind «Der Wachtturm» und «Erwachet!».
Dem Staat stehen die Zeugen Jehovas distanziert gegenüber. An Wahlen nehmen sie aus religiösen Gründen nicht teil. Übermässiger Alkoholgenuss, Tabak und Partys werden ebenso abgelehnt wie Bluttransfusionen.
Nach Angaben von Sekten-Experten hat die zentralistisch organisierte Wachtturmgesellschaft 1995 ihre bisherige Endzeitlehre insofern uminterpretiert, als die «Generation von 1914», zu deren Lebenszeit die Endschlacht ursprünglich stattfinden sollte, nicht mehr buchstäblich verstanden werde, sondern als «Beginn eines neuen Zeitalters».
Kritiker werfen der Gruppe eine repressive Innenstruktur und totalitäres Verhalten vor. Die «Zeugen Jehovas» verhinderten durch psychische Abhängigkeitsverhältnisse freie Persönlichkeitsentfaltung und schürten durch ihre Endzeit-Ideologie Angst.
Auch die Erziehungsvorstellungen der Organisation und ihre detaillierten Vorschriften wie etwa die Verweigerung von Bluttransfusionen stehen in der Kritik. Ausserdem fehle es an einem «Mindestmass an Bejahung des Staates» und der demokratischen Grundordnung.
10.03.2023, 13.00 Uhr: Wir haben den Artikel aktualisiert und die Todeszahl auf acht korrigiert. (sda/kna/rr)
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