Wenn in Basel die Fasnacht mit dem Morgenstraich beginnt, ist in Luzern der Spuk bereits vorüber. Auch sonst gibt’s Unterschiede. Das reformierte Basel setzt stark auf Kritik an Gesellschaft und Politik. In Luzern geht’s lockerer zu. Doch auch hier bekommen Würdenträger ihr Fett weg. Zum Beispiel Erzbischof Wolfgang Haas.
Barbara Ludwig
Die Basler Fasnacht lebe davon, dass sie Kritik übt und Gesellschaft und Politik den Spiegel vorhält. Das sagt Felix Rudolf von Rohr im Gespräch mit kath.ch. Der ehemalige Präsident des Grossen Rates im Kanton Basel-Stadt ist Fasnächtler und Katholik. 22 Jahre lang hat er das Basler Fasnachts-Comité geleitet.
«Heute Nachmittag werden Sie am Cortège reihenweise kritische Sujets sehen», sagt von Rohr um die Mittagszeit. Wahrscheinlich über den Krieg in der Ukraine oder den Klimawandel. «Unsere Fasnacht ist ernsthaft und politisch.»
Auch die Kirche dürfe kritisiert werden, wenn es Gründe dafür gebe. Das gelte sowohl für die katholische als auch die reformierte Kirche. In Bezug auf die katholische Kirche meint er: «Man darf eine kritische Meinung zur Problematik pädophiler Priester haben. Oder wenn Frauen noch immer als zweitklassig behandelt werden, darf man das kritisieren.»
Sofern man das im richtigen Ton macht, sagt von Rohr einschränkend. Man müsse wissen, wo die Grenzen des guten Geschmacks lägen: «In Basel spürt man diese Grenzen sehr gut.» Andere Religionen wie der Islam oder das Judentum würden jedoch kaum thematisiert.
Der Basler hat den Eindruck, dass die Innerschweizer Fasnacht weniger politisch sei. «In Basel haben wir dafür weniger diese ausgelassene Fröhlichkeit, die ich etwa in Luzern erlebt habe. Dort riecht es eher nach Schnaps, wenn man durch die Menge läuft, als in Basel.»
Die Basler Fasnacht nimmt immer mal wieder religiöse Würdenträger aufs Korn, sagt die Basler Ethnologin Maya Brändli zu kath.ch. »Meist geht es an der Basler Fasnacht nicht um die Inhalte von Religionen. Vielmehr werden religiöse Exponentinnen und Exponenten kritisiert, wenn ihr Verhalten von der Bevölkerung nicht goutiert wird.»
So komme ab und zu der Papst dran. In der Vergangenheit sei zudem der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche thematisiert worden. Zielscheibe von Spott könnten aber auch Vertreterinnen und Vertreter der reformierten Kirche werden, sagt Maya Brändli.
«Gottfried Locher wäre bestimmt dran gekommen, wenn die Fasnacht nicht wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden wäre», ist die Ethnologin überzeugt. Der frühere Ratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz geriet 2020 in den Strudel von «MeToo»-Vorwürfen und trat von seinem Amt zurück. Später trat er aus der reformierten Kirche aus.
Übers Ganze gesehen sei Religion allerdings kein grosses Thema an der Basler Fasnacht, findet die Ethnologin. Schliesslich spiele Religion auch in der stark säkularisierten Basler Gesellschaft keine wichtige Rolle. Witze über Juden und Muslime seien tabu.
Auch wenn Religion ein Randthema bleibt, zeigt sich aus Sicht von Maya Brändli in der Basler Fasnacht der Einfluss der ehemals dominierenden reformierten Konfession. «Die Basler Fasnacht ist eine protestantische Fasnacht.» Das beeinflusse auch den Stil, der selten unter die Gürtellinie gehe. »Unter anderem auch, weil der Protestantismus in Basel durch eine gebildete Oberschicht geprägt ist. Der Humor an der Basler Fasnacht ist nie primitiv.»
Maya Brändli spricht von der Basler Fasnacht als etwas, das die Gesellschaft zusammenhalte. Tausende von Menschen würden sich lange Zeit vor dem Anlass intensiv darauf vorbereiten. »Das ist ein unglaublicher Kitt, der die einzelnen Individuen miteinander verbindet», sagt die Ethnologin.
Felix Christ, ehemaliger reformierter Pfarrer in Basel, ist mit Maya Brändli verheiratet. Auch er betont, die Basler Fasnacht sei eine »ernste Sache». »Sie setzt sich auf humoristische Art und Weise mit Ereignissen oder mit Dingen auseinander, die schieflaufen.» Das unterscheide sie von der klassischen katholischen Fasnacht, etwa in der Innerschweiz. »Dort geht es darum, vor Beginn der Fastenzeit noch einmal – im übertragenen Sinn – die Sau rauszulassen. In Basel ist das nicht so», sagt Felix Christ.
Urban Schwegler ist Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche Stadt Luzern und selber Fasnächtler. Er räumt auf Anfrage ein: »Die Luzerner Fasnacht ist insgesamt weniger politisch als die Basler Fasnacht.» Gleichwohl gebe es vor allem auf dem Land eine Tradition der Kritik an lokalen Begebenheiten, die sogenannten «Sprüchli-Abende».
Da gehen Gruppen von Beiz zu Beiz und machen sich über lokale Themen lustig. »Das Sprüchli-Machen war immer ein Element der Luzerner Fasnacht. Es ist etwas verloren gegangen in letzter Zeit. Dafür sind die Guuggenmusiken heute sehr wichtig.»
Schuld daran ist – ausgerechnet – ein Basler. Die erste Guuggenmusik sei nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Basler gegründet worden, weiss Urban Schwegler. Stark präsent seien an der Luzerner Fasnacht die dämonischen Figuren, die traditionsgemäss den Winter vertreiben. »An der Luzerner Fasnacht sind viele Monster und furchterregende Gesellen unterwegs.»
Dazu passt vielleicht auch, dass die Fasnacht in Luzern chaotischer und wilder wirke als in Basel. Das findet jedenfalls Urban Schwegler: »Die Luzerner Fasnacht ist weniger reglementiert. Es kommt zum Beispiel vor, dass sich wilde – das heisst unangemeldete – Gruppen in die Fasnachtsumzüge einreihen.»
Zum Alkoholkonsum meint er: »Es wird schon gebechert an der Fasnacht. Das Trinken gehört für viele halt auch zum gemeinsamen Feiern. In Luzern wollen wir es an der Fasnacht lustig haben.»
Und auch in Luzern bekommen kirchliche Würdenträger ihr Fett weg. Zum Beispiel die umstrittenen Churer Bischöfe Vitus Huonder und Wolfgang Haas. Der Erzbischof von Vaduz, Wolfgang Haas, war sogar dieses Jahr in Luzern Thema – und zwar beim katholischen Trio «Urbi@orbi».
Dem Trio gehören Urban Schwegler, Franz Zemp und Herbert Gut an. Wolfgang Haas machten sie in ihrem Gedicht zum Klimakleber:
«Der Kirchenfürst und Profichrist
Ist der älteste Klima-Aktivist.
Seit 25 Jahren trägt er Seide und Samt
Und klebt in Vaduz am Bischofsamt.»
(korrigiert, 28.2.2023, bal)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant