Bischof Felix Gmür: «Hoffnung leben» ist ein gutes Motto

Welchen Auftrag hat ein Bischof? «Der Bischof hat den Geist der Leitung», sagt Bischof Felix Gmür an der Bischofsweihe von Josef Stübi. «Manchmal geht er voraus. Manchmal hinkt er ein bisschen hinten nach und schaut, was sich entwickelt. Aber er gehört immer dazu und ist mittendrin.» Die Aufgaben in der Kirche «können sich auch ändern».

Bischof Felix Gmür*

Liebe Schwestern und Brüder

Lieber Bischof Josef

Hoffnung leben – das ist dein Bischofsmotto und ich nehme an: Es ist auch dein Lebensmotto. Es ist ein gutes Motto für eine Christin und einen Christen. Und es ist ein gutes Motto für die Aufgabe, die dir übertragen wird. 

Hoffnung bis ans Ende aller Zeiten

Hoffnung ist ja offensichtlich nicht selbstverständlich. Deswegen muss der Prophet Jeremia, den wir in der Lesung gehört haben, den Leuten einbläuen: Ich gebe euch eine Hoffnung! Und die Hoffnung ist nicht im luftleeren Raum für irgendwen, sondern für diejenigen, die sie annehmen: Euch gebe ich Hoffnung! Und sie ist nicht irgendwann, sondern sie ist für die Zukunft. Und die Zukunft beginnt jetzt. Zehn Sekunden später sind wir schon in der Zukunft. 

Deswegen ist das Motto Hoffnung leben kein frommer Wunsch, sondern eine Haltung. Eine Haltung, die einen frohen Christen und eine frohe Christin auszeichnet. Denn mit der Hoffnung geht die Gewissheit einher, dass Gott, auf den wir vertrauen und dem wir trauen, bei uns ist: jetzt und in Zukunft. Und wie der Schluss des Matthäus-Evangeliums sagt, den wir gehört haben: bis ans Ende aller Zeiten.

Die Haltung der Hoffnung leben

Gott ist mit uns und Gott ist da und Gott bleibt da. Gott sei Dank! Das ist die Haltung der Hoffnung. Und jetzt? Und das ist so lehrreich an der Heiligen Schrift und so gut an den Schriften der Jüdinnen und Juden, der Priesterinnen und Priester: Die Bibel ist nüchtern und realistisch. 

Natürlich können wir Hoffnung haben. Natürlich können wir in einer Haltung der Hoffnung leben. Gleichwohl gibt es Zeichen auf der Welt, die uns an der Hoffnung zweifeln lassen. 

Voller Zweifel – auch heute: Türkei, Syrien, Philippinen

Auch die Jünger hatten Zweifel. Die elf Jünger, die bei Jesus geblieben waren, gingen nach Galiläa zu dem Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Jesus hat den elf Jüngern erzählt, dass er selbst zweifelte. Zweifel gibt es selbst unter Gläubigen.

Vieles lässt uns verzweifeln. Denken wir an das Erdbeben in der Türkei und in Syrien und an all die Naturkatastrophen, die jedes Jahr zwei oder drei Mal unsere Welt erschüttern, wie zum Beispiel auf den Philippinen. Denken wir an den Krieg in der Ukraine, der nun schon über ein Jahr dauert und unter dem nicht nur Tausende, sondern Millionen von Menschen leiden. 

«Trotzdem gehören wir immer noch ein bisschen zur Ursünde»

Der Zweifel, der die Jünger begleitet, hat einen guten Grund. Paulus schreibt – das ist die Lesung des heutigen ersten Fastensonntags –, dass wir zwar gerettet sind in Jesus Christus, weil er uns gerettet hat durch sein Kreuz, sein Tod und seine Auferstehung. Und trotzdem gehören wir immer noch ein bisschen zur Ursünde. 

Luther sagte, wir sind «simul iustus et peccator», «gerecht und Sünder zugleich». Wir sind Sünderinnen und Sünder, auch wenn wir gleichzeitig schon mit einem Fuss im Himmel sind. «Wir sind Sünderinnen und Sünder» bedeutet, dass eben Vieles nicht perfekt, nicht mal gut ist auf der Welt.

In der Hoffnung bleiben

Wir brauchen nur die Zeitung aufzumachen, das Radio einzuschalten oder auf unseren Geräten Nachrichten zu schauen: Überall gibt es Dinge, die schlecht sind. Sehr schlecht. Und in diesen Zeiten Hoffnung zu leben als Handlung geht nur, wenn wir auf Christus schauen.

Christus nähert sich den elf verbliebenen Jüngern – einer ist ja abgesprungen – auf dem Berg und sagt ihnen als erstes: «Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf Erden.» Und weil Christus alle Vollmacht hat und weil Christus gelehrt hat, wie man als guter Mensch leben kann: Deswegen ist es gut, als Christin und als Christ in der Hoffnung zu bleiben. Hoffnung zu geben.

Synodaler Prozess: Gemeinschaft leben

Diese Hoffnung lebt sich, wie alle synodalen Bewegungen jetzt zeigen, in einer dreifachen Hinsicht. Hoffnung leben wir, wenn wir Gemeinschaft leben. Gemeinschaft mit den Mitmenschen, richtig und gut – und zwar mit allen Mitmenschen, auch mit jenen, die jetzt weit weg sind von uns.

Man kann mit ihnen Gemeinschaft leben: im Gebet, in Gedanken, in Solidarität. Und Gemeinschaft mit Gott. Denn Gemeinschaft mit Gott hindert uns daran, übermütig zu werden und zu meinen, wir seien selber Gott und hätten alle Macht auf Erden.

Synodaler Prozess: Partizipation leben

Die zweite Dimension, die in den synodalen Bewegungen, in unserer Kirche drinsteckt, ist Partizipation, Teilhabe: Alle Christinnen und Christen haben Teil an der Gnade, von der Paulus im Brief an die Römerinnen und Römer schreibt. Aber jede und jeder hat nur Teil, ist also nicht das Ganze. Jede und jeder hat eine oder verschiedene Aufgaben, die können sich auch ändern.

Aber niemand ist zu allem bestimmt. Der Bischof, so heisst es im Weihegebet nachher, hat den Geist der Leitung. Manchmal geht er voraus. Manchmal hinkt er ein bisschen hinten nach und schaut, was sich entwickelt. Aber er gehört immer dazu und ist mittendrin, mitten in der Herde, sagt das Weihegebet.

Synodaler Prozess: Mission leben

Und die dritte Dimension ist jene der Missionen: Der Abschnitt, den wir aus dem Matthäus-Evangelium hörten, wird oft überschrieben mit Missionsauftrag.

Ja was ist denn mit dieser Hoffnung, die wir leben? Wenn es unsere Haltung ist als Christinnen und als Christ, dann strahlt sie aus, dann wollen wir, dass sie ausstrahlt, denn wir wollen, dass die Menschen in die Zukunft schauen und mit gutem, aufrechtem Blick ihre Zukunft gestalten.

Mit Freude Hoffnung leben

Deswegen ist der Auftrag der Taufe nicht nur der Auftrag, ein einzelnes Sakrament zu feiern, sondern in diesem Sakrament zu bleiben – das heisst in der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott und allen Menschen, die sich zu diesem dreifaltigen Gott bekennen.

Hoffnung: Ich wünsche dir Josef, dass es dir Freude macht, Hoffnung zu leben. Und ich wünsche uns allen, dass es uns Freude macht, Josef zu sehen, dass es ihm Freude macht, und schliessen uns hoffnungsvoll mit ein. Gelobt sei Jesus Christus!

* Felix Gmür ist Bischof von Basel und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Diese Predigt hat er am Sonntag in der Kathedrale von Solothurn anlässlich der Bischofsweihe von Josef Stübi frei gehalten. Ein Abschnitt war auf Französisch. (Transkription und Übersetzung: rr)


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