Der Song «Flowers» von Miley Cyrus stürmt die Charts. Der Jesuit Martin Föhn predigt darüber. Er findet den Songtext problematisch: «Miley Cyrus ist allein in einer grossen Villa – sie zeigt kein Interesse an Gemeinschaft. Sie verhält sich egoistisch.» Selbstliebe sei sehr wichtig – doch dabei dürfe es nicht bleiben: «Langfristig vernichtet sich die Sängerin selbst.»
Jacqueline Straub
Die Popsängerin Miley Cyrus hat mit ihrem Song «Flowers» einen neuen Rekord aufgestellt: Ihr Song wurde innert eines Monats 248 Millionen mal auf Youtube angehört. Sie haben darüber gepredigt. Warum?
Martin Föhn*: Ich habe gelesen, dass dieser Song enorm oft gehört wurde und habe mir daraufhin das Musikvideo angeschaut. Da kam mir die Idee, dass dieser Song zum Evangelium mit den Seligpreisungen passt.
Inwiefern?
Föhn: Ich finde, dass die Seligpreisungen genau das Gegenteil von «Flowers» verkünden.
Sie sagten in Ihrer Predigt, dass Miley Cyrus nicht nach Gott suche. Woran machen Sie das fest?
Föhn: Sie tut nicht so, als ob sie Gott, das grössere Ganze suchen würde. Sie und ihre Stärke ist im Zentrum. Stark zu sein und die eigenen Stärken zu kennen, ist gut, sehr gut sogar. Aber der Mensch braucht mehr als nur sich selbst.
Sprechen Sie Miley Cyrus damit nicht den Glauben ab?
Föhn: Nein, das ist nicht meine Absicht. Doch sie wendet sich nicht an Gott oder an andere Mitmenschen in ihrem Trennungsschmerz. Sie sieht nur sich. Und tut so, als ob man allein auf der Welt überleben könnte. Auch ihr Lebensstil zeigt, dass sie nicht mit Gott unterwegs sein möchte.
Ist in dem Musikvideo nicht vielmehr eine starke junge Frau zu sehen, die gelernt hat, sich nicht abhängig von anderen Menschen zu machen?
Föhn: Durchaus. Dieser Song spricht ein tiefes Bedürfnis des Menschen an, nämlich frei und unabhängig zu sein. Und das ist gut, es ist wichtig, stark und frei zu sein. Doch diese Stärke und Freiheit soll nicht genutzt werden, um nur bei sich selbst zu bleiben. Das Reich Gottes baut sich nicht auf, indem wir uns in eine grosse Villa zurückziehen.
Miley Cyrus singt: «Ich kann mich mehr lieben als du.» Ist Selbstliebe keine gute Eigenschaft?
Föhn: Natürlich. Aber nur Selbstliebe ist Egoismus. Es braucht immer alle drei Liebesformen: Selbstliebe, Nächstenliebe und die Liebe zum grösseren Ganzen, die ich Gottesliebe nenne. Nur wer stark ist und sich selbst liebt, soll nicht meinen, dass er andere nicht mehr braucht. Es ist eine Illusion zu meinen unsere Gesellschaft würde funktionieren, wenn alle nur genug frei, unabhängig und stark sind.
Warum ist für Sie Miley Cyrus kein gutes Beispiel für die Umsetzung der Seligpreisungen?
Föhn: Weil die Seligpreisungen darauf abzielen, dass wir Menschen in Gemeinschaft leben. Miley Cyrus ist allein in einer grossen Villa – sie zeigt kein Interesse an Gemeinschaft.
In Ihrer Predigt sagen Sie, dass Miley Cyrus die Verkörperung des westlichen Zeitgeistes des Individualismus und des Kapitalismus ist. Warum?
Föhn: Ich würde inzwischen eher von Egoismus statt Individualismus sprechen. Denn es dreht sich alles nur um sie. Sie lebt nach dem Motto: Ich kann alles, ich brauche nur mich und sonst niemand. Sie tut so, als ob jeder Mensch das tun könnte. Das ist Bullshit. Die meisten Menschen auf diesem Planeten sind unmittelbar abhängig von anderen Menschen. Sie können sich nicht einfach in ihre Luxusvilla zurückziehen.
Sie stellen die Liedzeilen von Miley Cyrus den Seligpreisungen gegenüber: «Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.» Sie finden, Miley Cyrus mache es sich zu einfach. Sie wolle nur sich selbst schützen – und damit werde sie «extrem ungerecht». Ist nicht gerade Selbstschutz eine wichtige Eigenschaft?
Föhn: Selbstverständlich ist Selbstschutz wichtig. Aber es ist die Frage nach der Form des Selbstschutzes. Miley Cyrus versteckt sich in ihrem Musikvideo hinter ihrem Geld und stellt sich als unverwundbar dar. Sie lässt keine Trauer zu. Ich glaube, wenn sie das aufrechterhält, vernichtet sie sich selbst. Und ungerecht wird es dort, wo sie ihren Selbstschutz mit einem unglaublichen Ressourcenverbrauch bezahlt: eigener Swimmingpool, gigantische Hightech-Anlage, eigener Kraftraum, Hubschrauber und so weiter.
«Ich mag selbstbewusste Frauen.»
Sie haben mit vielen Studierenden Kontakt. Vor allem junge Menschen durchleben Krisen – von Minderwertigkeitskomplexen bis zu Magersucht. Was ist so schlimm daran, wenn sich eine junge Frau einfach mal selbst abfeiert – und sich klar von ihrem Ex distanziert?
Föhn: Ich sage nicht, dass es schlimm ist, wenn sich eine junge Frau mal selbst abfeiert. Was ich problematisch finde, ist die einseitige Darstellung des Menschen. Der Mensch ist fundamental ein Beziehungswesen. Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, dann ist es gut, wenn man sich selbst schützt, doch es ist auch wichtig, Schmerz und Trauer zuzulassen, damit dies heilen kann. So wird die Person wieder offen für neue Beziehungen. Tut sie dies nicht, ist die Gefahr gross, sich zu verhärten und zu verschliessen und da entstehen Minderwertigkeitskomplexe und Magersucht.
Wenn sich ein Kleriker an einer selbstbewussten Frau abarbeitet: kann das gutgehen?
Föhn: Ich mag selbstbewusste Frauen und konnte schon viel von ihnen lernen. Mir ging es in dieser Predigt nicht um die selbstbewusste Frau, sondern vielmehr um das einseitige Menschenbild, welches durch diesen Song transportiert wird.
Gibt es auch etwas, was wir vom Lied «Flowers» lernen können?
Föhn: Es ist wichtig sich auf die eigenen Kräfte und Stärken berufen zu können und sie zwischendurch zu feiern.
* Der Jesuitenpater Martin Föhn (40) arbeitet im Bereich Bildung und Spiritualität in der Spezialseelsorge für den Pastoralraum Basel-Stadt und in der Studierendenseelsorge.
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