Dekan Rudolf Nussbaumer dürfte sich mit dem Freiburger Verhaltenskodex leichter tun als mit dem Churer – obwohl an beiden die von Nussbaumer viel kritisierte Präventionsbeauftragte Karin Iten mitgewirkt hat. Auffällig an der Freiburger Fassung ist nicht das, was gesagt wird. Sondern was weggelassen wird.
Annalena Müller
Der Verhaltenskodex des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg übernimmt zu grossen Teilen den Text des Bistums Chur. Ein genauer Textvergleich zeigt aber auch zahlreiche Abweichungen. Dies gilt besonders für den Abschnitt zur sexuellen Selbstbestimmung.
Beide Kodexe unterteilen sich in die Bereiche «Ziele», «Umsetzung», «Grundhaltungen», «Qualitätsstandards», «Begriffe» und eine «Verpflichtungserklärung». Die Bereiche «Ziele» und «Umsetzung» gleichen sich fast im Wortlaut. Erste Unterschiede tauchen bei den «Grundhaltungen» zu Bereichen auf, die eng mit Macht verbunden sind. Chur listet hier zehn auf, während Freiburg nur acht nennt.
Beide Texte formulieren die «Grundhaltungen» in «ich-Form». Bekennen müssen sich Churer Seelsorgende zu: «Verantwortung», «Rollenklarheit», «Nähe», «Bescheidenheit», «Wertschätzung», «Kritisierbarkeit», «Besprechbarkeit», «Transparenz», «Vorbildfunktion» und «Selbstfürsorge».
Der Freiburger Text hat davon übernommen: «Verantwortung», «Nähe», «Bescheidenheit», «Wertschätzung», «Besprechbarkeit», «Transparenz» und «(Selbst-)Fürsorge». Die Churer «Rollenklarheit» wird in Freiburg zum «Rollenbewusstsein». Der dazugehörige Text ist aber weitgehend identisch. Die «Kritisierbarkeit» fehlt im Freiburger Text.
Auffällig ist im Freiburger Text nicht das, was gesagt, sondern das, was weggelassen wird. Die Seelsorgenden im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg müssen sich nicht zu einer «Haltung der Kritikfähigkeit» bekennen. Und auch nicht dazu verpflichten, sich «als Führungsperson mit kritischen Stimmen [zu umgeben], um Macht zu begrenzen» (Churer Verhaltenskodex, S. 10).
Die Rubrik «Begriffe», welche in Chur am Ende des Kodexes steht, folgt im Freiburger Text auf die «Grundhaltungen». Hier legen die Unterschiede vor allem auf semantischer Ebene. Beide Texte sprechen von «Spirituellem Missbrauch» und «Sexueller Belästigung». Chur nennt als dritten Punkt «Sexuelle Ausbeutung», während Freiburg hier den Begriff «Sexueller Missbrauch» wählt.
Die Qualitätsstandards nehmen in den Kodexen den meisten Raum ein (Punkt 4 in Chur; Punkt 6 in Freiburg). Auch hier übernimmt Freiburg vieles wörtlich aus Chur. Die auffälligsten Unterschiede zwischen beiden Texten gibt es unter «d. Wie auf sexuelle Selbstbestimmung achten?». Während der Churer Text hier zwölf Punkte auflistet, hat Freiburg diese auf acht zusammengestrichen – und diese zum Teil abgeschwächt.
Churer Seelsorgende müssen «die Sexualität als integralen Bestandteil des Mensch-Seins» gleich als ersten Punkt anerkennen. In Freiburg fehlt dieser Satz ganz. Gleiches gilt für die selbstverantwortliche «Sinndimension der Sexualität» (Chur, d.2) und die Verpflichtung, «junge Menschen zu keinen Reinheits- bzw. Keuschheitsversprechen oder ähnlichem» zu drängen (Chur, d.4).
Weggelassen wurden in Freiburg auch die beiden Punkte, an denen sich etwa der Innerschwyzer Dekan Rudolf Nussbaumer am meisten stört: «Einem Outing zur sexuellen Orientierung stehe ich unterstützend zur Seite und unterlasse es in jedem Fall, Massnahmen zur Konversion (z.B. «Gesundbeten», Therapie) zu empfehlen» (Chur, d. 6) und «In Seelsorgegesprächen greife ich Themen rund um Sexualität nicht aktiv auf» (Chur, d. 12).
Der Freiburger Text ist trotz dieser Weglassungen nicht homophob. Auch dort müssen Seelsorgende «das Recht jedes Menschen auf sexuelle Selbstbestimmung» anerkennen und verpflichten sich, «jegliche Form von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, Identifikation oder Identität» zu unterlassen (Freiburg, d.1 und 2). Weder in Chur noch in Freiburg dürfen Seelsorgende ihre Schützlinge «offensiv zum Intimleben» ausfragen.
Der Respekt vor dem Liebesleben der ihnen anvertrauten Menschen ist also in beiden Kodexen fest verankert. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass konservative Seelsorgende in Freiburg weniger Mühe haben dürften, den Verhaltenskodex zu unterschreiben. Er gibt ihnen mehr Raum. Raum zu schweigen. Aber gegebenenfalls auch Raum, um doch Einfluss zu nehmen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/was-den-verhaltenskodex-in-chur-und-freiburg-unterscheidet/