Schon als kleiner Junge wollte Marjan Marku Priester werden. Dann wollte er in Rom studieren, aber sein Weg führte ihn vom Kosovo an den Walensee – nach Murg. Dem Syodentreffen in Prag sieht er skeptisch entgegen. Er wünscht sich Einheit für eine katholische Kirche, die grösser ist als der deutschsprachige Raum.
Magdalena Thiele
Ein Einbürgerungsgesuch ist seit einem Monat gestellt, offizieller Schweizer ist Marjan Marku aber immer noch nicht. Dabei lebt der Kosovare seit 1999 fast durchgängig im Land. Hier hat er längst mehr Verwandte als in Kosovo.
Die rund 40-köpfige Familie strahlt Besuchern der Pfarrerswohnung im beschaulichen Murg am Walensee entgegen. Ein grosses Foto mit allen «Schweizer» Tanten, Cousins, Neffen und Nichten ist unübersehbar. Es hängt gleich im Eingangsbereich.
«Heute sind wir aber noch mehr», erklärt Marku sichtlich stolz dazu. «Das ist elf Jahre her, da sind noch eine Menge Kinder dazugekommen.» In seiner osteuropäischen Heimat leben dagegen nur noch seine beiden Brüder.
Eine Rückkehr in den Kosovo schliesst er nicht aus – «aber bis zur Rente bleibe ich sicherlich hier», verspricht der Priester, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert.
Und ein anderes wichtiges Ereignis steht bevor: das Weltsynodentreffen in Prag im Februar. Ein Thema, bei dem er eine gewisse Skepsis hinter dem freundlichen Lächeln nicht verbergen kann.
«Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Bischof Felix gesagt hat, die Schweizer Bischöfe wollen ihr Ohr öffnen für die Anliegen der Menschen», erklärt Marku, angesprochen auf seine Erwartungen für Prag. «Aber er darf nicht vergessen, dass es zwei Ohren gibt. Eins von beiden sollte immer auf die Stimme Gottes hören.»
Die Aufgabe der Kirche sei es, dazwischen zu vermitteln. «Es ist richtig und wichtig, dass wir über alle Anliegen sprechen und uns sorgfältig damit auseinandersetzen. Aber im Zentrum der Kirche muss immer das Wort Gottes stehen. Wir dürfen nicht vergessen: Nicht die Meinung der Menschen und auch nicht Rom, sondern Christus steht in Zentrum unserer Kirche», sagt Marjan Marku mit Nachdruck. Und eigentlich muss er jetzt nicht mehr erzählen, dass er schon als kleiner Junge Priester werden wollte.
«Ich stamme aus einer Märtyrerfamilie.»
Marjan Marku, Priester mit kosovarischen Wurzeln
Sein Weg ist gradlinig an der Seite Christi. Das war vielleicht so vorbestimmt: «Ich stamme aus einer Märtyrerfamilie», berichtet Marku mit demselben Stolz, mit dem er schon sein Familienfoto präsentiert hat. Seine Vorfahren seien im Osmanischen Reich als Christen verfolgt worden und viele gestorben.
Und dann erinnert er – nicht zum letzten Mal heute – an eine weitere Landsfrau. Mutter Teresa sagte immer: «Wir sind nur ein Bleistift Gottes. Er ist derjenige, der die Linien vorgibt. Wir führen sie aus. Das Evangelium ist in unseren fünf Fingern: ‹You did it to me.› Alles, was wir tun, tun wir für Gott.» Das bedeute: Wir können gut oder schlechte Bleistifte sein, aber Gott ist derjenige, der schreibt. «Gott kommt zu uns – die Frage ist, lasse ich ihn in mein Leben. Das ist unsere eigene Entscheidung», sagt Marku.
Das spreche uns aber nicht von der Verantwortung frei, ergänzt er die zitierte Ordensschwester: «Wir können gut oder schlechte Bleistifte sein, das sei unsere eigene Entscheidung.»
Deswegen seien die Probleme der Kirche auch menschengemacht. Diejenigen, die sie verursachen und verantworten, haben sich von Gott abgewandt. Insbesondere die Missbrauchstäter seien gottesfremde Menschen.
Und mit diesem Verständnis geht Marku auch in die Synode: Menschengemachten Problemen können wir begegnen und gemeinsam Lösungen finden. Ähnlich wie in einer Grossfamilie, in der über etwas gestritten wird. Es kommt letztlich darauf an, eine gemeinsame Lösung zu finden und so den Familienfrieden zu wahren.
Marku scheint zu wissen, wovon er spricht. Er sieht sich – und insgesamt die Vertretenden der Kirche – in einer vermittelnden Rolle. Er könne beispielsweise bei der Frage der Frauenordination beide Seiten verstehen: Diejenigen, die es mit Johannes Paul II. halten und sich darauf berufen, dass die Apostel allesamt Männer waren.
Aber auch diejenigen, die uns daran erinnern, dass wir mit der Taufe alle dieselbe Würde erlangt haben. Gott habe alle gleich geschaffen, Frau und Mann.
Auch bei der Frage der Segnung von homosexuellen Paaren müsse die Kirche eine einheitliche Linie finden, wünscht sich Marku. Er selbst sei kein Rebell, aber er wünscht sich einen gemeinsamen Weg. Sobald das «Go» aus Rom käme, werde er auch homosexuelle Paare segnen.
Letztlich hänge von dieser Frage aber nicht die Zukunft der katholischen Kirche ab, meint der Priester. «Die Reformierten machen das alles, trotzdem verlieren auch sie stetig Mitglieder.»
Beim synodalen Weg sei bislang zu wenig nach den Gründen für die Kirchenaustritte geforscht worden, beanstandet Marku. «Die Menschen, die mir schreiben, treten nicht aus, weil sie sich von Gott abwenden. Viele tun es schlicht aus monetären Gründen.» Darüber müsse die Kirche reden.
Wichtig sei – und dass betont der Priester immer wieder: Wir müssen gemeinsam diskutieren und gemeinsam entscheiden. Zwang bringt nichts Gutes. Und wir dürfen nicht vergessen: «Die katholische Kirche ist grösser als der deutschsprachige Raum.» Und die Kirche wächst – es gibt immer mehr Christen, das sei eine Tatsache.
Wenn er eine Messe auf Albanisch feiere, sei die Kirche auch heutzutage immer voll, berichtet Marku. Ähnlich voll wird der Pfarreisaal von St. Johannes dem Täufer in Murg wohl nur bei einem der regelmässigen Familientreffen. An Weihnachten kamen das letzte Mal hier alle zusammen. Wer kocht für 40 Personen? «Alle bringen etwas mit», lacht Marku. «Das wäre ein bisschen zu viel für mich.»
«Ich versuche überall zu sein als Pfarrer.»
Und auch sonst wird ihm hier am Walensee nicht langweilig. Er ist derzeit zuständig für sieben Pfarreien in der Region. Zwei Priester, ein Diakon, drei Seelsorger und zwei Religionspädagogen kümmern sich um 7800 Katholiken. «Ich versuche überall zu sein als Pfarrer. Wir sind überall und nirgendwo. Aber es ist schwierig geworden. Der Priester kennt nicht mehr alle Namen seiner Gemeinde-Familie», sagt er und wird dabei wieder nachdenklich.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/marjan-marku-der-romtreue-priester-ist-stolz-auf-seine-familie/