Das Lukas-Evangelium ist eindeutig: Simeon und Hanna haben den Säugling Jesus im Tempel als Erlöser erkannt. Der Benediktiner Martin Werlen kritisiert, dass die Prophetin Hanna trotzdem oft unter den Tisch falle. Etwa in der Kurzfassung des Evangeliums, im Stundengebet und im Benediktionale.
Raphael Rauch
Am 2. Februar feiert die katholische Kirche das Fest «Darstellung des Herrn». Es geht auf den jüdischen Brauch zurück, wonach die Mutter nach einer Geburt unrein ist – und 40 Tage nach Geburt eines Jungen rituell gereinigt werden muss.
Laut dem Lukas-Evangelium kommen Maria und Josef mit Jesus in den Tempel, um ein Opfer darzubringen. Simeon und Hanna erkennen sofort, dass Jesus der Erlöser ist.
Lukas beschreibt Hanna als Prophetin: «Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.» Es handelt sich um die einzige Prophetin des Neuen Testaments, die als solche tituliert wird.
Der frühere Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, kritisierte am Donnerstag in einem Festgottesdienst in Schaan FL, dass die Hanna-Figur in der katholischen Kirche öfter unter den Tisch falle. In der Kurzfassung des Evangeliums sei nur von Simeon die Rede, nicht aber von Hanna. Das gleiche gelte für die Antiphonen des Stundengebetes und für das Benediktionale. Am 2. Februar werden traditionell die Kerzen gesegnet – doch auch hier werde nur Simeon erwähnt, nicht aber Hanna.
«Hanna kommt nirgendwo vor», kritisierte Martin Werlen. «Hanna wurde gestrichen, weil sie eine Frau ist. Wir haben als lernende Kirche noch einen weiten Weg zu gehen.» Auch andere weibliche Figuren aus der Bibel gehen laut Martin Werlen in der katholischen Liturgie unter.
Der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln rief dazu auf, mit Liebe zur Tradition die Kirchengeschichte weiterzuschreiben. «Tradition, die sich nicht ändert, lebt nicht, sondern versteinert», sagt Martin Werlen.
«Hanna ist nach Maria die erste Frau im Lukas-Evangelium, die Jesus erkennt. Doch die Kirche meinte, auf ihre Prophetin verzichten zu können.»
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